Archäologie

Ihr Feldzug gegen Napoleon endete in Basel in einem Massengrab

Seit 1814 lagen sie in einem Massengrab. Gestorben, anonym bestattet und vergessen. Bei archäologischen Ausgrabungen im Zusammenhang mit den Bauarbeiten beim Kasernenareal kamen nun diese 27 Soldaten aus der Napoleon-Zeit zum Vorschein.

Basels Untergrund ist reich an archäologischen Schätzen. Kaum eine Baumaschine kann den Boden aufwühlen, ohne dass Gegenstände aus vergangenen Zeiten wieder ans Licht kommen. Dies ist nun beim nördlichen Anbau der Kaserne im Kleinbasel passiert. Forscher und Bauarbeiter haben auf der Sohle des ehemaligen Stadtgrabens zwei quer dazu verlaufende, schmale Gräben entdeckt. In einem davon lagen 27 menschliche Skelette.

Nach den ersten Untersuchungen stammen die Skelette alle von jungen Männern, die auf dem Bauch oder auf dem Rücken lagen. Bei den menschlichen Überresten fanden die Archäologen auch zwei Kreuzanhänger und wenige Knöpfe, die sie ins frühe 19. Jahrhundert datieren.

Der Kantonsarchäologe Guido Lassau gibt seine Überraschung zu: «Wir begleiteten die Bauarbeiten ursprünglich, weil wir Indizien zum naheliegenden Kloster Klingental vermuteten. Mit einem solchen Fund hatten wir aber nicht gerechnet.»

Für ihn steht fest, dass es sich um ein Massengrab handelt, wo möglichst viele Tote möglichst schnell bestattet werden mussten. Wegen der Datierung der Kreuzanhänger vermutet er eine Verbindung mit der Typhusepidemie von 1813 und dass es sich bei den toten Männern um Soldaten der russischen, preussischen und österreichischen Heere handeln muss. «Das Massengrab gliedert sich in zwei historisch gut belegte Ereignisse ein: Die Einquartierung von Truppen der alliierten Kräfte gegen Napoleon in Basel und eine Typhus-Epidemie», sagt Lassau.

Tatsächlich marschierten am 21. Dezember 1813 im Krieg gegen Napoleon 80 000 Soldaten über die Rheinbrücke von Basel. Am 13. Januar 1814 überquerten die drei Monarchen Zar Alexander I. von Russland, Kaiser Franz I. von Österreich und König Friedrich Wilhelm III. von Preussen hoch zu Ross die Rheinbrücke und bezogen in Basel Quartier. 32 000 Soldaten der russisch-preussischen Garden und die österreichische Reservedivision des Generals Trautenberg wurden von Dezember 1813 bis Juni 1814 einquartiert.

Hier kommt die Krankheit ins Spiel: Die Soldaten schleppten den so genannten Flecktyphus in die Stadt ein. In jener Zeit befand sich im Areal des ehemaligen Klosters Klingental ein Lazarett, in dem die erkrankten Soldaten möglicherweise behandelt wurden. «Was erklären würde, weshalb sie nicht in Uniform begraben wurden», glaubt Guido Lassau. Viele der Soldaten überlebten die Krankheit nicht. Tatsächlich ist aus Schriftquellen ein Notfriedhof bekannt, der 1814 auf dem Kasernenareal entstand. Die eingeschleppte Epidemie wütete auch im Oberrheingebiet: Alleine in der Stadt Basel fielen dem «Flecktyphus» im Jahr 1814 über 800 der rund 16 000 bis 17 000 Einwohner zum Opfer.

Ein einmaliger Fund

Laut Guido Lassau könnten die Skelette den Historikern wertvolle Informationen liefern. «Dank der Isotopenanalyse könnten Forscher herausfinden, woher diese Männer kamen: Waren es Russen, Österreicher, Preussen? Wie war ihr Gesundheitszustand, wovon ernährten sie sich?» Im Moment werden die Funde von der Bodenforschung aufbewahrt, bis sich ein universitäres Forschungsprojekt meldet. «Das wird sicherlich Forscher interessieren. Ein solcher Fund ist selten.»

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