Riehen

Ikone der Nachkriegsmoderne oder Sanierungsfall? Weshalb das Haus Sulzer nicht geschützt werden soll

Das Einfamilienhaus an der Schlossgasse 23 in Riehen entzückt zumindest Architekten und Denkmalschützer.

Das Einfamilienhaus an der Schlossgasse 23 in Riehen entzückt zumindest Architekten und Denkmalschützer.

Das Haus Sulzer in Riehen soll nicht geschützt werden, entschied die Basler Regierung. Dagegen gehen Denkmalschützer nun vor Gericht.

«Das Haus Sulzer in Riehen gehört zu den Ikonen der Basler Nachkriegsmoderne. Das 1953 bis 1956 von den Architekten Rasser&Vadi erbaute Wohnhaus nimmt Elemente der nordamerikanischen Case Study Houses auf und widerspiegelt den Optimismus und die Aufbruchstimmung der 1950er-Jahre.» Die einleitenden Sätze auf der Website Architekturbasel.ch lassen an der Bedeutung des Einfamilienhauses an der Schlossgasse 23 in Riehen eigentlich keinen Zweifel offen.

Vorwurf: Regierung missachte das Gesetz

«Der Bau besticht im Äusseren vor allem durch das Spiel der wohlproportionierten, einander durchdringenden Wand- und Deckenscheiben aus unterschiedlichen Materialien», schrieb auch die Basler Denkmalpflege im Jahr 2002. Das Haus biete mit anderen Bauten in Riehen – unter anderem dem Kindergarten und dem Primarschulhaus Niederholz – einen repräsentativen Überblick über das architektonische Schaffen eines der bedeutendsten Basler Architekturbüros der 1950er- und 1960er-Jahre. Das Duo Rasser-Vadi entwarf unter anderem auch das Gartenbad St.Jakob, das Raubtierhaus und das Nashornhaus im Basler Zolli, das Geschäftshaus Domus am Pfluggässlein und die Realschule Breite in Allschwil.

Bauherrin des Einfamilienhauses in Riehen war die Familie Sulzer. Im Haus wuchs der Schriftsteller Alain Claude Sulzer auf. Für Fachgremien ist der Fall klar: das Haus gehört unter Denkmalschutz gestellt. Das sah die Basler Regierung vor knapp einem Jahr aber anders, als sie den Antrag der Denkmalpflege und des Denkmalrats ablehnte und sich dabei auf das Gesetz über den Denkmalschutz aus dem Jahr 1980 berief. Dagegen legte der Basler Heimatschutz umgehend Rekurs beim Appellationsgericht ein. Der Vorwurf ist happig: «Die Basler Regierung missachtet das Denkmalschutzgesetz.» Beim Haus Sulzer handle es sich um ein «herausragendes Beispiel» für die Architektur der 1950er-Jahre unter dem Einfluss der internationalen Moderne. Für die Freiwillige Denkmalpflege lässt der Regierungsrat «rechtliche und tatsächliche Gegebenheiten» unberücksichtigt.

«Eines der progressivsten Einfamilienhäuser»

Das Haus Sulzer ist seit 2002 im Inventar der schützenswerten Bauten der Kantonalen Denkmalpflege verzeichnet. Angesichts eines nun drohenden Abbruchs infolge eines Neubauprojekts der heutigen Eigentümer gab die Kantonale Denkmalpflege bei Kunst- und Architekturhistoriker Michael Hanak ein wissenschaftliches Gutachten in Auftrag. Das Haus weise eine «hohe architektonische und architekturgeschichtliche Qualität» auf und sei daher als schutzwürdig zu beurteilen, resümierte Hanak. Das Haus sei eines der progressivsten Einfamilienhäuser in der Schweiz und die Architekten Rasser und Vadi gehörten zu den bedeutendsten Basler Architekten ihrer Generation, hält der Heimatschutz in seiner Rekursbegründung fest.

Regierung verweist auf «schlechte Bausubstanz»

Der Heimatschutz erinnert daran, dass im Vernehmlassungsverfahren sowohl das kantonale Hochbauamt, Immobilien Basel-Stadt als auch die Gemeinde Riehen die geplante Unterschutzstellung nicht in Frage stellten. «Einzig der Leiter der Kantons- und Stadtentwicklung hielt es nebst den wirtschaftlichen Überlegungen seitens der Eigentümerschaft auch aus raumplanerischen Gründen für zielführend, mit einem Ersatzneubau die Schaffung von zusätzlichem Wohnraum zu ermöglichen», schreibt der Heimatschutz.

Der Regierungsrat begründete seine ablehnende Haltung unter anderem mit der «relativ schlechten» Bausubstanz und dass insbesondere in energetischer Hinsicht «dringend und umfassend» eine Sanierung notwendig sei. Die Massnahmen dafür würden zu «erheblichen» denkmalpflegerischen Einbussen führen. Der Regierungsrat erachtet das Interesse am Erhalt des Gebäudes als zu geringfügig ein. Die öffentlichen und privaten Interessen an einer zeitgemässen Nutzung der Parzelle würden überwiegen. In ihrer Urteilsbegründung berief sich die Regierung auch auf zwei Entscheide des Bundesgerichts, wonach Denkmalschutzmassnahmen im öffentlichen Interesse liegen, verhältnismässig und für die Eigentümerschaft zumutbar sein müssen.

Für den Heimatschutz ist diese Einschätzung schlichtweg «willkürlich», da sie in völligem Widerspruch zum Gutachten und zu den Stellungnahmen der Fachbehörden stehe. Die Verhandlung am Appellations­gericht ist für den 30. September angesetzt.

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