Elegant traben sie aufeinander zu. Sie senken ihre Köpfe und schnuppern aneinander. Der Schweif hebt sich. Die Ohren drehen sich von vorne nach hinten. Die Pferde sind aufmerksam und interessiert. Und lassen sich nicht stören von den dröhnenden Klängen der Dudelsäcke und Tambouren. Denn rund um Joey und Rosinante formieren sich Hunderte von Massed Pipes and Drums. Sie stolzieren einfach weiter ihren Weg und schnauben zufrieden.

Die Szene verblüfft: Denn sowohl Joey als auch Rosinante wiehern nicht selber, sie sind lebensechte Illusionen. Die beiden Tiere sind Pferde-Attrappen, kamen Anfang der Woche aus Südafrika angeflogen und galoppieren morgen Abend über die Tattoo-Arena auf dem Kasernenareal. 

Die Atmung ist das A und O

Janni Younge ist die Regisseurin der Show. Sie hat sechs Puppenspieler der berühmten Handspring Puppet Company aus dem südafrikanischen Kalk Bay mitgebracht, die Joey und Rosinante Leben einhauchen. Pro Pferd stellen sich drei Spieler unter und neben das Flechtwerk aus Schilf- und Sperrholz. Der «Heart Puppeteer» ist für die Bewegung der Vorderbeine zuständig, erklärt sie. Er manipuliert die Ober- und Unterschenkel über einen Steuerlenker. Der zweite Akteur, der «Hind-Puppeteer», der im hinteren Teil der Konstruktion agiert, ist für die Bewegung der Hinterbeine und des Schweifes zuständig. Damit sich Joey wie ein richtiges Pferd bewegt, sei die Atmung der Puppenspieler und Akrobaten wichtig, erklärt Younge. «Der ‹Heart-Puppeteer› muss kleine Bewegungen machen, rauf und runter.» Beim tiefen Einatmen gehe er leicht in die Knie, beim Ausatmen strecke er sich. Der dritte Akteur schliesslich steht neben dem Kopf des Pferdes und steuert mit einer beweglichen Stange Kopf, Nacken und Ohren.

Es scheint so leicht, wie die Akteure ihre lebensgrossen Puppen zum Laufen bringen. Die professionellen Spieler und Akrobaten haben in zwei Wochen drauf, wie sie sich bewegen müssen, damit der Rhythmus stimmt. «Wir versuchen, immer dieselben Teams miteinander spielen zu lassen», sagt Younge. Und jede Person spiele immer dieselbe Position. Aus gutem Grund, wie Regie-Assistent Beren Belknap erzählt. Er hat am eigenen Leib erfahren, was es heisst, wenn man eine andere Position einnehmen muss. Er war einst «Hind-Puppeteer». «Eines Tages ist der Spieler neben dem Kopf ausgefallen und ich musste ihn ersetzen. Das war grauenhaft schwer.» Ein zweiter Grund, dass die Positionen eigentlich nicht gewechselt werden, hat damit zu tun, dass «unsere Puppenspieler Joey und Rosinante einen Charakter geben und diesen durchziehen», sagt Younge.

Eine Chance für Pferdeflüsterer

Ihre Puppenspieler kommen meist aus Quartieren ausserhalb von Kapstadt, wo sie eine nicht professionell geleitete Theater- oder Tanzschule besuchen. «Wir möchten ihnen eine Chance geben, einen Job zu finden.»

Die Premiere der Tattoo-Jubiläums-Ausgabe ist morgen Abend. Gestern bei der Generalprobe haben Janni Younge, Beren Belknap und die sechs Puppenspieler der Handspring Puppet Company wohl erst richtig realisiert, worum es beim Basel Tattoo eigentlich geht. «Ich weiss, dass die Formationen ihre Länder und Militärmusik präsentieren», sagte Younge vorher. Mehr konnte sie nicht erzählen. «Is there anything else I need to know?»