Musical Theater

Im Auf und Ab des Messebetriebs

Die markante Sheddach-Form erinnert an chemische oder mechanische Produktionshallen, wie sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts besonders im Kleinbasel noch häufig anzutreffen waren.

Die markante Sheddach-Form erinnert an chemische oder mechanische Produktionshallen, wie sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts besonders im Kleinbasel noch häufig anzutreffen waren.

Der Verkauf des Musical Theaters an den Kanton ist nur ein Puzzleteil in einer unsteten Unternehmensgeschichte.

Das heutige Musical-Theater ist einer der herausragenden Bauten auf dem Messegelände. Nicht nur aufgrund seiner spezifischen Nutzung. Auch architektonisch sticht das 1958 von den damals in der Stadt vielbeschäftigten Baumeistern Franz Bräuning und Arthur Dürig entworfene Gebäude hervor: Die markante Sheddach-Form erinnert an chemische oder mechanische Produktionshallen, wie sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts besonders im Kleinbasel noch häufig anzutreffen waren. Im Grunde ist die ehemalige Halle 107 also eine architektonische Reminiszenz an die industrielle Vergangenheit der Stadt.

Als Bräuning und Dürig ihr Messehaus am Riehenring erstellten, befand sich das Unternehmen in einer Expansionsphase: Die Rundhofhalle von «Landi»-Architekt Hans Hofmann war nur fünf Jahre zuvor fertiggestellt worden.

Auf ein Parking verzichtete die Messe - für kurze Zeit

An diesem für die Messe lange Jahre identitätsstiftenden Bau mit der grossen Uhr an der Fassade lässt sich ablesen, was ihre Politik über ihre ganze Existenz hinweg und bis heute prägt: Es ist die Geschichte einer äusserst unsteten Entwicklung mit Höhen und Tiefen – und dies auf einem eng begrenzten städtischen Raum, mitten im dicht besiedelten Kleinbasel. In den vergangenen 100 Jahren wurden neue Gebäude erstellt, alte abgerissen, es wurden Konzepte und Strategien erarbeitet und bald danach wieder verworfen. Höher getaktet als in anderen Branchen.

In einer Phase des unternehmerischen Erfolgs, wie sie damals nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte, ging es vor allem um Tempo: Auf ein Parking unter der Rundhofhalle verzichtete die Messe aus Zeitgründen. Ein solches Vorhaben hätte zu einer Bauzeit von mehr als jenen zehn Monaten geführt, die zwischen zwei Messeveranstaltungen zur Verfügung standen. Dieser Entscheid sollte sich rächen. Denn bald darauf stellte sich die Frage nach Parkplätzen umso dringender. Die Messe wich dafür zu Beginn der siebziger Jahre auf die andere Seite des grossen Platzes aus.

Die bauliche Entwicklung der Messe war also immer eine Frage der Opportunitäten. Die Unternehmensleitung tendierte bis in die jüngste Vergangenheit regelmässig dazu, diese zur existenziellen Frage zu machen. Kurz vor einer Referendumsabstimmung 1962 zum damaligen Bau 3 an der Ecke Messeplatz Riehenring, der dem Neubau von Herzog & de Meuron weichen musste, beschwor der damalige Messedirektor Hermann Hauswirth die Stimmbevölkerung: Eine Verzögerung des geplanten Neubaus hiesse nichts anderes als «eine nicht wiedergutzumachende Schädigung für die Mustermesse».

Einmal in diese Richtung, einmal in die andere

Das wollte die Basler Stimmbevölkerung natürlich nicht riskieren. Ebenso folgte sie im Jahr 2008 der Argumentation der Messeleitung und bewilligte die neue, den Messeplatz überquerende Halle 1. Ohne diese, so das Unternehmen damals, sei man gerade im Bereich Uhren- und Schmuckmessen global nicht mehr konkurrenzfähig. Das Parkhaus von 1973 galt noch vor zehn Jahren als unantastbar, heute steht es zur Disposition und könnte bald einem Rosentalturm weichen.

Die Halle 107 aus dem Jahr 1958, die 1994/1995 von Burckhardt + Partner im Innern total erneuert wurde und heute Musical-Theater heisst, ist ein Paradebeispiel für die Entwicklung des Unternehmens Messe. Der nun erfolgte Verkauf des Gebäudes an den Kanton Basel-Stadt könnte ein Beispiel sein, dem mittelfristig weitere folgen. Oder aber die Messe sieht neue Opportunitäten und schlägt wieder eine ganz andere Richtung ein.

Autor

Patrick Marcolli

Patrick Marcolli

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