Siebedupf-Pin
Im Baselbiet grassiert das Stäbchen-Fieber unaufhaltsam

Rot und klein ist er, der Siebedupfe-Pin. Und plötzlich überall zu sehen. Was hat das zu bedeuten? Wir zeigen, wer ihn aus welchem Grund trägt. Und wer auf den Rotstab-Pin verzichtet.

Benjamin Wieland
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Nicht alle tragen den Pin. Aber immer mehr. Bei den Regierungsräten sind es vier Fünftel: Thomas Weber, Sabine Pegoraro, Isaac Reber und Anton Lauber. Aber auch junge Fusionsbefürworter steckten sich den Pin an, etwa Adil Koller.

Nicht alle tragen den Pin. Aber immer mehr. Bei den Regierungsräten sind es vier Fünftel: Thomas Weber, Sabine Pegoraro, Isaac Reber und Anton Lauber. Aber auch junge Fusionsbefürworter steckten sich den Pin an, etwa Adil Koller.

bz

Die meisten Regierungsräte tragen ihn immer wieder. Ebenso Nationalrätin Daniela Schneeberger und ihr Kollege Thomas de Courten. Im Landrat haftet er an mindestens jeder dritten Brust. Vor der Fusions-Abstimmung gabs nochmals einen Schub. Er hat eine beachtliche Karriere hingelegt, der Pin in der Form des Baselbieterstabs.

Eine Last ist er nicht. Der 16 Millimeter hohe Stab aus Email wiegt nur wenige Gramm. Zu beziehen im Sekretariat der Landeskanzlei. Zwei Franken das Stück. Gerade sei eine neue Bestellung eingetroffen, sagt Nic Kaufmann, der zweite Landschreiber, 1500 Stück. Die Dinger würden weggehen wie warme Weggli.

Alt-Landrat trägt Pin Nummer 1

«Das freut mich unglaublich», sagt Hanspeter Ryser am Telefon. Der Landwirt und ehemalige SVP-Landrat ist der Vater der Rotstab-Pins. 2003/2004 präsidierte er das Kantonsparlament. Und ging als solcher auch unter die Krämer: «Zuvor gabs nur die Krawatte und das Foulard für die Damen», erinnert sich der Oberwiler. «Beide hatten zwar ein hübsches Stäbchen-Muster. Ich wollte aber etwas Praktisches, Sportliches.» Die erste Serie – «1000 Stück, alle durchnummeriert» – bestellte Ryser auf eigene Faust.

Die Nummer 1 besitzt er selber, «und ein Alt-Regierungsrat die Nummer 2.» Gemeint ist Adrian Ballmer. Bei Ballmers FDP, vor allem aber bei der SVP, gehört der rote Stab schon fast zur Kleiderordnung. Aber auch Vertreter anderer Parteien hat es erfasst, das Stäbchen-Fieber. Und es werden immer mehr.

Blick ins Archiv. Auf der Autogrammkarte des Regierungsrats 2005 sind noch keine Stäbchen zu entdecken. Dann zeigt die Kurve steil nach oben. 2009 sind es schon vier der fünf Magistraten – die Zahl schwankt seither zwischen drei und vier.

Einzige Konstante ist SP-Regierungsrat Urs Wüthrich. Er scheint immun zu sein. Vielleicht hat er aber auch nur ein Platzproblem vor den Rippen. Er trägt häufig Pins, variiert aber je nach Anlass: FC Basel, Rotary, SP-Würfel. Die Anfrage an ihn, wie er sich in dieser Sache organisiert, bleibt unbeantwortet. Auskunftsfreudiger ist der Wackelkandidat in Sachen Pins, Isaac Reber. «Regierungspräsident Reber trägt in der Regel weder Schmuck noch Pins», lässt sein Sprecher verlauten.«Beim Baselbieterstab macht er hin und wieder eine Ausnahme.»

Und das darf er auch. Eine Pin-Tragepflicht gebe es keine im Kanton, sagt Nic Kaufmann. Aber Kantonspolitiker und auch Angestellte seien angehalten, ergänzt der zweite Landschreiber, die Pins bei Treffen mit Vertretern anderer Kantone zu tragen. Als Erkennungszeichen, «damit die anderen auch wissen, woher man kommt».

Uniform in Pin-Gestalt

Ein Stäblein ist immer zur Hand. Landräte erhalten drei Exemplare kostenlos, das hält das «Reglement über das Herausgeben der BL-Pins» fest. Die Regierungsmitglieder dürfen so viel Metall beziehen, wie sie wollen. Im Stadtkanton nimmt man das Stäbchen-Fieber mit Schulterzucken zur Kenntnis. «Wir kennen diese Tradition nicht», sagt Marco Greiner, Sprecher des Regierungsrats Basel-Stadt. Er könne sich auch nicht erinnern, je ein Regierungsmitglied gesehen zu haben mit einem Baslerstab vor der Brust.

Im Baselbiet erregen die Träger kein grosses Aufsehen. Die Verweigerer hingegen müssen sich ab und zu erklären. Etwa Eric Nussbaumer. Im Wahlkampf für die Regierungsrats-Ersatzwahl sass er im April letzten Jahres mit dem späteren Sieger, Thomas Weber von der SVP, im Studio von Radio SRF.

Mitten in der Debatte sagte Weber, er sei stolz auf den Kanton Baselland, er trage während der gesamten Kampagne den Baselbieterstab-Pin – «im Gegensatz zu meinen Konkurrenten», wie er ergänzte. Nussbaumer, hörbar belustigt, fragte ihn, was das solle, diese «Anpflaumerei». Der Pin als Siegel für «echte» Baselbieter? Da müssen sich die Wähler im Hinblick auf die Wahlen im Februar auf eine neue Epidemie gefasst machen.

Abstinenzler wollen aussitzen

Beim zweiten Anlauf meldet sich Urs Wüthrich doch noch. «Dass ich mich mit für meinen Kanton engagiere und mich mit ihm identifiziere», lässt er die bz wissen, «ergibt sich aus meiner Funktion als Regierungsrat.» Offensichtlich tut er das, was allen Pin-Abstinenzlern ans Herz gelegt werden kann: Er versucht, das Fieber auszusitzen.

Genau das wollen viele junge Baselbieter nicht. Etwa Mitglieder des Komitees «Jugend für ein Basel». Etliche von ihnen trugen im Vorfeld der Fusions-Abstimmung die roten Abzeichen. Auch in der heissesten Phase des Abstimmungskampfes, bei ihrem Abstecher zum Höhenfeuer der Pro-Baselbieter auf der Sissacher Fluh.

Auch sie seien stolz auf ihre Wurzeln, gaben damals einige zur Auskunft. Sie hätten keine Mühe damit, das zu zeigen. Es störe sie aber, dass der Stab immer häufiger als Symbol der Abschottung herhalten müsse und als Signal der Abgrenzung gegenüber der Stadt. Dagegen würden sie ein Zeichen setzen.

Sie haben also eine Neudefinition des Pins im Sinne einer Rückeroberung der Deutungshoheit über ein kleines Stück Metall – und damit auch über ein grosses Wort namens Heimat.