Holz ist ein natürlicher Rohstoff, das betonen die Schweizer Waldeigentümer gerne. Als Konsument geht man davon aus, dass einheimisches Holz aus giftfreien Wäldern stammt. Doch das stimmt nicht ganz. Gerade in diesem Frühling spritzen die Waldbewirtschafter auf gefällten Nadelbaumstämmen Insektizide.

Grund sind der Sturm «Burglind» und vor allem die grosse Trockenheit letztes Jahr. Sie führen dazu, dass viel Holz geschlagen werden muss. Das einfachste wäre, die Stämme möglichst rasch zum Verarbeiter zu bringen, etwa zur Sägerei. Doch dort sind derzeit meist alle Lagerflächen besetzt. Das gefällte Holz muss also im Wald bleiben, wo es rasch Opfer des Borkenkäfers werden. Um das zu vermeiden, greifen die Forstbetriebe zu Gift. «Insektizide anzuwenden, ist in unseren Wäldern sicher nicht der Standard», betont Ueli Meier, Forstingenieur beider Basel. «Es wird nur getan, um die Entwertung von Nutzholz zu verhindern.» Sein Amt und das Baselbieter Amt für Umwelt und Energie genehmigen den Insektizideinsatz im Wald, als Ausnahmen. Denn Giftspritzen ist im Schweizer Wald verboten.

Ohne Spritzen gehts nirgends

Der Bund führt keine Statistik, wie viel Insektizide aufgrund dieser Ausnahmen in den Schweizer Wald gelangen. Die Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (AefU) sind jetzt aufgrund einer Umfrage bei allen kantonalen Forstämtern auf rund 700 Kilogramm für das Jahr 2018 gekommen. Das verwendete Insektizid gelte als «für den Menschen sehr giftig, reizend und organschädigend», schreiben die Ärzte. Es stelle auch eine Gefahr für die Umwelt dar, insbesondere für Fische und Bienen.

In beiden Basel haben die genehmigten Insektizidmengen in den letzten Jahren stark geschwankt, von einem Kilogramm 2014 bis zu 27 Kilogramm 2017. Im Verhältnis zur Waldfläche seien das kleine Mengen, sagt Meier. Erklären lässt sich das mit dem tiefen Anteil an Nadelholz in der Region. Zudem erlaubt das Amt für Wald den Gifteinsatz nur Personen, die einen Kurs und eine Prüfung absolviert haben. Raphael Häner, Geschäftsführer des Waldeigentümerverbands Wald beider Basel, bedauert den Insektizideinsatz. «Aber es geht nicht anders.» Und er ist überzeugt: «Wenn wir Gift anwenden, tun wir das fachmännisch.» Man tue es nur auf Waldwegen und am Waldrand, nur auf Nadelhölzern und nur auf Nutzholz.

Doch die AefU fordern ein schweizweites Verbot von Insektiziden im Wald. Um zu belegen, dass das machbar ist, führen sie Glarus an, der als einziger Kanton keine Insektizide im Wald erlaube. Eine Nachfrage im Ostschweizer Kanton zeigt aber: Dort vergeben die Behörden zwar sehr restriktiv Genehmigungen. In manchen Jahren, in dem das Holz problemlos aus dem Wald entfernt werden kann, darf sogar gar nichts versprüht werden. Aber nach Stürmen oder grosser Trockenheit geht es auch in Glarus nicht ohne Gift.

Häner von Wald beider Basel hält ein Totalverbot nicht für zielführend: «Dann kriegen die Sägereien nur noch Käferholz.» Statisch tauge dieses zwar meist problemlos zum Bauen. Es weise aber viele kleine Löcher auf, «und das mag der Konsument nicht». Eine Alternative wäre, das Holz an zentrale Plätze zu bringen und dort zu behandeln. Aber angesichts der tiefen Holzpreise ist das zu teuer. Forstingenieur Meier sagt: «Konsequent wäre es, das Holz lebend zu lagern, also erst dann zu schlagen, wenn man es weiterverarbeitet.» Das sei aber nicht realistisch. Ohne Insektizid-Einsatz, sagt er voraus, würden die Waldeigentümer ihr Holz vermehrt im Wald liegen und verrotten lassen, anstatt es zu verwerten. «Und dazu ist der Rohstoff Holz zu wertvoll.»

«Ein Bumerang»

Die AefU sehen mit den Gifteinsatz im Wald eine weitere Gefahr aufkommen: «Insektizide könnten sich als Bumerang herausstellen für das ökologische Image des Schweizer Holzes, auf das sich die Branche beruft», schreiben sie. Das stellt Meier nicht in Abrede. Den «Fingerzeig» der Ärzte hält er sogar für sinnvoll. Man pflege zwar das ökologische Image des Waldes. Aber der Insektizideinsatz sei auch ein Teil der Wahrheit. Er ist deshalb überzeugt: «Mittel- bis langfristig ist das ein Problem, das wir lösen müssen.»