Klybeckinsel

Im Basler Hafen tobt ein Sturm der Ideologien

Bar/Brache/Widerständler (von vorne nach hinten)

Bar/Brache/Widerständler (von vorne nach hinten)

Der Widerstand gegen die legalen Zwischennutzungen zeigt vor allem eines: Es gibt Gruppierungen, die nicht wollen, dass sich auf dem Hafenareal irgendetwas bewegt.

Das scheinbar Unmögliche ist geschafft. Dem Basler Regierungspräsidenten, dem vor Verständnis meist überquellenden Guy Morin, ist der Kragen geplatzt. Er wirft den Gegnern der Hafen-Zwischennutzung «Shift Mode» vor, sie zeigten «schizophrenes Verhalten» und das ist aus dem Munde des Arztes Morin keine Floskel, sondern eine Diagnose. Die Debatte dreht sich eigentlich nicht um die Zwischennutzungen, sondern um das, was darauf folgen soll. Das Hafenareal, dieses Utopia für alle; von den Allergrünsten, die eine Vogelinsel wollen, über die Gewerbler, die dort werken wollen, bis zu den Stadtplanern, die dort Menschen ansiedeln wollen.

Und dann die Frage welche Menschen dort wie leben sollen. Geht es nach linksgrün, dann sind es einfache Familien, die dort in einem autofreien 2000-Wattquartier in möglichst kleinen Wohnungen hausen. Geht es nach den Bürgerlichen, sind es gute Steuerzahler, die sich in edlen Bauten der freien Sicht auf den Rhein erfreuen. Doch viel stärker als die Visionen sind die Ängste. Die Gegner der Entwicklung sind mittlerweile so weit, dass sie eigentlich gegen alles sind, ausser ihre eigenen Utopien. Sie wollen keine Aufwertung. Diese führe zu Verdrängung, Gentrifizierung und dem Einfall reicher Expats ins ach so idyllische Quartier. Mit einer Ausnahme: Sie wollen eine Passerelle von ihrer WG an den Rhein. Der Widerspruch darin scheint ihnen nicht aufzufallen, denn auch das ist Mehrwert.

Das Problem ist, auf einer Industriebrache, in einer Steinwüste im Schatten leerer Öltanks, ist jede Veränderung eine Aufwertung. Oder zumindest fast jede. Der Wagenpark, jener sich durch Barrikaden abschottende Bretterhaufen, bewohnt von Menschen, die die Gesellschaft, auf deren Boden sie gratis leben dürfen, ablehnen – das geht offenbar gerade noch. Und auch hier zeigt sich die absolute Intoleranz des Widerstandes: Die Wagenleute lassen niemanden auf den Platz, den sie besetzt halten, wenn ihnen seine Nase nicht passt. Öffentlicher Grund, der Öffentlichkeit entzogen mit lautstarker Unterstützung von linken Politikern und mit Duldung der Regierung.

Zwischen den Ansprüchen der Widerständler, die gar nichts wollen, ausser sich selbst, und jenen der Politik, die dort alles will, stehen die aktuellen Zwischennutzer. Insbesondere der Verein Shift Mode ist vom Widerstand als Projektionsfläche auserkoren worden. Der Verein, der mit viel Engagement kulturelle Nutzungen ermöglichen will, sieht sich plötzlich als Vertreter der Staatsgewalt und des Kapitals wahrgenommen. Auch, weil ihm der Staat via Nutzungsvertrag eine Ordnungsrolle übertrug. Angesichts der Tatsache, dass die Macher bisher ohne jeden Ertrag dort ihre Arbeitskraft einsetzen, könnte diese Einschätzung absurder nicht sein. Das ist dem Widerstand egal, so inkohärent die Vorstellungen für die Zukunft des Areals sind, ist eben auch die Wahrnehmung des vermeintlichen Gegners. Den man über die Gerichtsbarkeit eben jenes Systems bekämpft, das man eigentlich als den Feind ansieht.

Begonnen hat das Debakel mit einer von vielen Visualisierungen, jener einer Hochhaussiedlung auf der Klybeckinsel. Was als unverbindliches Brainstorming zur Nutzung eines dereinst möglicherweise zur Verfügung stehenden Areals begann, entwickelte sich zur offenen Wunde. Die Klybeckinsel, das ganze Hafenareal, sind nun der Ort, an dem in Basel die ideologischsten Debatten ausgetragen werden. Ein Ort, an dem konstruktive Diskussionen und Kompromisse mittlerweile unmöglich scheinen.

Hier trifft die links-grün dominierte Regierung auf jene, die ihre einstigen Ideale noch bis zum Exzess leben. Und die nun von einem ihrer letzten Sprecher, dem Soziologie-Professor Ueli Mäder, und seinen Adlaten ausgiebig studiert wurden. Mit der zu erwartenden Schlussfolgerung, dass die dem bösen Kapital verfallene neoliberale Stadt solche Freiräume brauche. Ein Reservat für die Geknechteten auf der Klybeckinsel sozusagen. Es gibt am Ende wohl nur einen Ausweg, so unsympathisch er dem liberalen Geist auch ist: Der Staat muss seine Verantwortung auf seinem Areal wahrnehmen. Er muss den legalen Zwischennutzern zu ihrem Recht verhelfen. Und die illegalen in ihre Schranken weisen. Nur so kann etwas entstehen, das vielen etwas bringt. Und nicht nur ein paar wenigen, die auf ihr Recht pochen, mit allen Mitteln jegliche Entwicklung zu verhindern.

Autor

Nicolas Drechsler

Nicolas Drechsler

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