Scharf und würzig schmecken die sprossenähnlichen Pflänzchen, die Roman Gaus nicht ohne Stolz in seiner Hand den Besuchern entgegen-streckt. «Es sind keine Sprossen», erklärt der Geschäftsführer und Mitgründer der «Urban Farmers». Es sind kleine Senfpflanzen und Mini-Pak Choi, die Salaten beigemischt oder in Sandwiches gestreut werden. Sie wachsen auf einer Art rezyklierbaren Wollmatte. Daneben aufgereiht sind Kisten mit Feldsalat, Lattichsetzlingen und Kefenstauden - in einem Treibhaus mitten im Gewerbegebiet.

Vor zwei Monaten hat die Dachfarm im Dreispitz den Betrieb aufgenommen. Sie steht auf dem Flachdach des Lokdepots, das dem Pilotbetrieb der «Urban Farmers» seinen Namen gibt (siehe Kasten). Gestern wurden erstmals Restaurants mit frischem Salat aus dem Industriegebiet beliefert - mit Elektrovelo und Anhänger. Später in dieser Woche wird der Anhänger erstmals mit frischen Forellen beladen.

Weder konventionell noch bio

Denn das Gemüse wächst in einer Nährstoffsymbiose mit den Fischen: Das Wasser aus den Fischtanks wird in einem geschlossenen Wasserkreislauf durch einen Biofilter zu den Pflanzen gepumpt. Der Filter wandelt Fischdung in Nährstoffe für die Pflanzen um. «Wir produzieren mit einem Kilo Fisch fünf Kilo Gemüse.» In der konventionellen Fischproduktion werde das Abwasser entweder geklärt oder in andere Gewässer ausgeschwemmt. Nachhaltig sei die Produktion auf dem Lokdach auch, weil die Fische mit biologischem Futter gefüttert und weil in den Tanks weniger Fische als erlaubt gehalten würden. So könne auf Antibiotika verzichtet werden, sagt Gaus.

Biozertifiziert ist die Produktion allerdings nicht. «Unsere Produkte sind weder konventionell noch Bio. Wir haben ein neues Konzept der Nachhaltigkeit», sagt Gaus. Das Konzept folgt der Logik «lokal, saisonal und urban» und damit einem Trend, der Städte auf der ganzen Welt erfasst hat: Lebensmittel möglichst lokal zu produzieren, zum Beispiel auf Dachterrassen und in Gemeinschaftsgärten.

Schwarze Null ist das Ziel

Gaus hält es durchaus für vorstellbar, dass künftig auf Flachdächern in der ganzen Stadt solche Farmen entstehen. «Allein in Basel gibt es etwa zwei Millionen Quadratmeter ungenutzte Flachdächer.» Oder auf Einkaufszentren: «Dann würde am Ort produziert, wo das Gemüse verkauft wird.» Gaus sagt dem Konzept der kombinierten Fisch- und Gemüseproduktion eine grosse Zukunft voraus, zum Beispiel in schnell wachsenden Grossstädten in Asien. Das sind allerdings noch Gedankenspiele. Zuerst steht nun der Sommer auf dem Lokdach an. Und bis der Pilotbetrieb rund läuft, gibt es einiges zu tun für die beiden Angestellten, die sich 130 Stellenprozent teilen. «Der Betrieb ist noch im Aufbau», sagt Gaus. Zum Beispiel gelangt das Wasser aus den Fischtanks derzeit nicht automatisch zu den Pflanzen. «Es fehlen ein paar Pumpen.» Sowieso brauche es eine Weile, bis der Biofilter aufgestartet sei. Kommt hinzu, dass auch im mit Fernwärme geheizten Gewächshaus die Produktion von der Jahreszeit abhängig ist. «Wir rechnen damit, von März bis Oktober voll zu produzieren.» Jährlich werden es rund fünf Tonnen Gemüse und 800 Kilogramm Fisch, die einigen Gastrobetrieben zu Marktpreisen verkauft werden.

Die Betreiber rechnen damit, im ersten Jahr auf der 250 Quadratmeter grossen Dachfarm die Betriebskosten von 120 000 Franken zu erwirtschaften. Gewinn wird die Farm wohl nicht abwerfen. «Wir gehen davon aus, dass eine solcher Betrieb ab 1000 Quadratmetern rentiert», sagt Gaus, der ursprünglich Wirtschaft studiert hat. Das Pilotprojekt hat denn auch andere Ziele: Hier sollen die betrieblichen Grundlagen für grössere Farmen auf kommerzieller Grundlage erarbeitet werden. Die Erste mit 2000 Quadratmetern hat ein Gemüsebauer aus Bad Ragaz bereits bestellt.