Es gab kein Verbot gegen Stützli-Sex in Basel. Und doch traute sich niemand, diese Form der Peepshow anzubieten. Bis im Jahr 1979 einer auf die Idee kam, mitten in der Stadt «hübsche Nackedeien in der Rondelle hoppeln» zu lassen, wie Minu damals satirisch schrieb. Der Plan sah einen «Schauraum für Akttänzerinnen» im Gerbergässlein 14 vor. Rechtlich sprach nichts dagegen. Moralisch aber sehr wohl. Die Baupläne erwiesen sich als vergebliche Liebesmüh.

Und das Gerbergässlein blieb, was es immer war: ein seriöses Gässlein in der Grossbasler Altstadt mit ehrenwertem Handwerk. Leder gegerbt wird zwar schon lange nicht mehr, doch im Raum des Einrichtungsgeschäfts La Cucina steht noch ein Gerbbottich, der von der Gerber-Zeit zeugt. Es ist übrigens der Raum, den Stützlisex-Kunden hätten aufsuchen müssen, wenn ... Aber lassen wir das. Und schauen uns an, wie es heute ist.

Schaufenster-Event für Passanten

Vielseitig ist es. Da gibt es das Nelson-Pub, wo viel Bier fliesst, daneben eine von mehreren Goldschmieden in der Gasse, in die es nicht nur Ehewillige zieht, eine Galerie, einen Bücherladen und, und, und.

Der Chef der Galerie Eulenspiegel hält jedoch niemanden zum Narren, wenn er Massnahmen ergreift. Massnahmen für mehr Passanten im Gässlein, das zentraler nicht liegen könnte und oftmals trotzdem im Schatten seiner grossen Schwester, der Gerbergasse, steht.

Zu Unrecht, findet Galerist Gregor Muntwiler – und lädt im Mai in Zusammenarbeit mit der Secondhand-Boutique Fresh Up und dem «La Cucina» zum Event «Wo Schaufensterkultur gelebt wird!». «Wir wollen die Schönheit der Gasse gegen aussen tragen und wieder zum Stadtgespräch werden», sagt Muntwiler. Wieder sagt er – und recht hat er: Stadtgespräch war die Gasse früher.

Der Artikel über die Stützlisex-Pläne war sozusagen ein Ausschweifer in der Gerbergässlein-Berichterstattung vergangener Tage. Vielmehr war da von der Schönheit die Rede. «Ein reizvolles Stück der Altstadt bildet das Gerbergässlein, nicht nur auf der linken Seite, wo es in den Leonhardsstapfelberg ausmündet, sondern auch zur Rechten gegen den Rümelinsplatz hin», hiess es etwa.

Und so ist es noch heute: Am Leonhardsstapfelberg stehen stets Touristen und bewundern das Gässlein von oben. Aber eben, oftmals sind es vorwiegend Touristen und wenig Einheimische, wie die Ladenbetreiber feststellen. Urs Meining vom Lädeli Baba Jaga mit den Räucherstäbchen und dem alternativen Silberschmuck bedauert, dass «die jungen Leute nicht mehr schauen». Nur auf das Handy schauten sie noch, sagt er. Im kommenden Jahr schliesst er sein Geschäft und «flüchtet in die Pension».

Gerbergasse ist keine Sackgasse

Ebenfalls viele Touristen bedient Catherine Bussard vom Fair-Trade-Laden Claro. Ans Aufhören denkt sie jedoch ganz und gar nicht. Erst vor zwei Jahren zügelte sie mit dem Laden vom Schmiedenhof bei der GGG-Bibliotheke ans Gerbergässlein. «Dort waren wir auch versteckt, aber anders», sagt sie.

Anders im Sinne von: Hier hätten die Passanten oftmals das Gefühl, der Weg sei eine Sackgasse. Statt ihn bis zum Ende zu gehen, um ebenfalls am Barfüsserplatz zu landen, bögen sie beim Bastelladen Presser in die Gerbergasse ein. Und verpassen dann das mit alten Kostbarkeiten geschmückte Schaufenster des Antiquitäten-Geschäfts Alkoven und die Möglichkeit auf einen Schluck Bier in der «Schluggstube», wo ähnlich antike Kostbarkeiten von der Decke hängen.

Die Gasse ist sowohl in den Häusern innen, als auch davor eine Freude für das Auge. Manchmal bleibt einem nichts anders übrig, als stehen zu bleiben: Anders als an den grossen Shoppingachsen machen am Gerbergässlein viele Betreiber Mittagspause. Dann herrscht im Restaurant L’Unique Hochbetrieb. Und so mancher Gast kommt vor lauter Mittagsstress kaum dazu, sich umzusehen. Was ein Jammer ist, denn im «L’Unique» stehen und hängen Dinge, die es sonst nirgends gibt. Etwa eine Original-Lederjacke von Elvis Presley mit einem handgeschriebenen Brief des Kings, eine von Kurt Cobain signierte Nirvana-Gitarre mit dem Original-Songtext von deren Hit «Smells Like Teen Spirit», eine goldene Queen-Schallplatte und lauter Kunst von Menschen, die man meist nur mit Musik in Verbindung bringt. Jim Morrison, Jimi Hendrix, Marilyn Manson, und, und, und.

Die Basler Macht der Gewohnheit

Alles aufzuzählen würde den Platz einer ganzen Zeitung beanspruchen. Es bleibt zu sagen: Corinne «Coco» Erbacher vom «L’Unique» ist dabei, eine Galerie im zweiten Stock aufzubauen. Im Parterre und im ersten Stock wird es langsam eng mit den Rock-Kostbarkeiten. Ihr Chef Andy Ibach kommt in diesen Tagen aus den USA zurück. «Er bringt sicher etwas mit.»

Ebenfalls zum «L’Unique» gehört das Graffiti mit den Rockstars, das in der Gasse als «meistfotografiertes Sujet der Stadt» bezeichnet wird. Touristen bleiben davor stehen, Basler realisieren es oft gar nicht mehr. So ist es mit den zu vielen Bäumen und dem Wald. Und der Macht der Gewohnheit.

Doch es gibt auch Sehenswürdigkeiten, die nicht mal der Basler kennt. Oder haben Sie gewusst, dass da ein Haus steht, das den Namen «Brotschinken» trägt? Eben!

«Wo Schaufensterkultur gelebt wird!» Samstag, 24. Mai, 11 Uhr bis 18 Uhr.