Basel
Im Gundeli finden Migranten bei ihrer Ankunft Halt und neuen Mut

Das Migrationsamt der reformierten Basler Kirche im Basler Gundeli feiert seinen zehnten Geburtstag. Es ist eine Anlaufstelle für Hilfe und Kontakt suchende Zugewanderte, unabhängig von ihrer Herkunft, Religion und Status.

Anna Wegelin
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Aus der ganzen Welt kommen Migranten zu Beatrice Aebi (rechts).

Aus der ganzen Welt kommen Migranten zu Beatrice Aebi (rechts).

Nicole Nars-Zimmer

Die Kirche erachtet es seit alters her als ihren Auftrag, benachteiligten und bedürftigen Menschen zu helfen. Und heute?

Obwohl die beiden grossen Kirchen in Basel-Stadt, die evangelisch-reformierte und die römisch-katholische, vornehmlich mit sich selbst beschäftigt sind und sich in einer zunehmend kirchenfernen Gesellschaft behaupten müssen: Ihr gemeinnütziges Engagement ist für den überwiegenden Teil ihrer Mitglieder nach wie vor zentral – und für die vielen Konfessionslosen im Stadtkanton oft sogar die einzige Legitimation.

Das Migrationsamt der reformierten Kirche im Gundeli ist ein solcher «Dienst der Nächstenliebe» im multikulturellen Basel, wo Menschen aus 170 Nationen leben. Kein grossspuriges Unterfangen, aber eines, das im Kleinen Grosses bewirkt.

Von Seelsorge bis Deutschkurs

Das Migrationsamt wurde nach der Pensionierung des engagierten Pfarrers der Matthäuskirche, Klaus Fürst, und seiner Frau Ilma Fürst geschaffen. Es ist eine Anlaufstelle für Hilfe und Kontakt suchende Zugewanderte, unabhängig von ihrer Herkunft, Religion und Status. Die Angebotspalette reicht von der Seelsorge und Beratung über interreligiöse Begegnungen bis zum Programm «Frauen begegnen Frauen».

Herz und Seele des Dienstes ist Beatrice Aebi, die sich ins Zeug legt, auch wenn ihre warmherzige Art und ihr gemütlicher Emmentaler Dialekt darüber hinwegtäuschen. «Ich habe gern mit Menschen aus verschiedenen Religionen und Kulturen zu tun», so die Migrationsbeauftragte. Christlicher Beistand gelte allen benachteiligten Menschen.

Aebi hat fünf Schwestern, ihr Vater führte ein Geschäft für Haushaltsartikel. Mit zwanzig Jahren kam sie nach Basel, um bei der Sandoz zunächst in ihrem Erstberuf als Drogistin zu arbeiten. Inzwischen hat sie zusätzliche Abschlüsse in Erwachsenenbildung, interkultureller Mediation und Bibliodrama. Bevor sie beim Migrationsamt einstieg, war sie während 15 Jahren in verschiedener Funktion bei der Basler Mission tätig gewesen.

Menschen aus 80 Ländern

Aebi berät und begleitet überwiegend Migrantinnen aus aller Welt mit den unterschiedlichsten Voraussetzungen, von der Papierlosen bis zur Akademikerin. Menschen aus mindestens 80 Ländern haben das kostenlose Angebot in den vergangenen zehn Jahren benutzt. Sie kommen aus Sri Lanka und Argentinien, der Türkei oder Japan. Männer würden selten an ihre Tür klopfen, «aber willkommen seien sie natürlich auch», meint sie lachend.

Die Frauen finden keine Arbeit, haben Probleme mit Mann und Kindern oder fühlen sich einsam. Sie wähnen sich in finanzieller Not oder haben ganz praktische Fragen. Aebi hört zu, tröstet, fragt nach, vermittelt an andere Instanzen, hilft Bewerbungsschreiben aufzusetzen oder macht auch einfach mal Mut, um ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. «Die Frauen haben oft verborgene Talente und Begabungen, die sich womöglich beruflich umsetzen lassen», weiss Aebi.

Damit die Frauen untereinander Kontakt knüpfen und voneinander profitieren können, leitet sie wöchentliche Konversationsgruppen in Deutsch mit durchschnittlich acht bis zehn Teilnehmerinnen. Zum Angebot des Programms «Frauen begegnen Frauen» gehören auch gemeinsame Frühstücke mit Lebensgeschichten von Frauen, thematische Abende oder Familienfeste.

Selbstbewusster und toleranter

«Das Migrationsamt verleiht der Kirche in Migrationskreisen ein menschliches Gesicht», zieht Aebi nach zehn Jahren Bilanz. «Einige Menschen haben durch Zutun der Kirche ihren Weg gefunden», so die Migrationsbeauftragte. Sie seien selbstbewusster geworden und würden Angehörigen anderer Kulturen und Religionen toleranter begegnen – auch so eine kleine feine Errungenschaft dieses niederschwelligen Ortes in der Stadt.

Im 2015 wird Aebi pensioniert. Was geschieht dann mit dem Migrationsamt? «Die Kirche muss am Thema Migration dranbleiben», so Beatrice Aebi. «Denn so zeigt sie, dass sie mitten im Leben steht.»

Feier 10 Jahre Migrationsamt: heute Freitag, 18-20 Uhr, Zwinglihaus, Gundeldingerstrasse 370, Basel. Programm und Kontakt Migrationsamt: www.erk-bs/mi-grationsamt