Knapp ist der Titel der neuen Ausstellung im Museum der Kulturen, und nüchtern wie ein Wörterbucheintrag: «Gross». Ein verbindendes Adjektiv für 90 Exponate. 90 grosse Dinge auf einer Etage des Museums der Kulturen Basel — das kann eigentlich nicht sein.

Und genau bei diesem Irritationsmoment setzt die Ausstellung an: Denn gross ist nicht gleich gross. Die Definition von Grösse hat immer auch mit den — mitunter eigenen — Massstäben zu tun. Mit Messen, mit Gegenwerten, und also auch: mit dem Kleinen.

Das Kleine findet sich denn also auch in dieser neuen Ausstellung, die auf Dauer angelegt ist. Doch vor allem geht es darum: Wie definieren wir Grösse? Was bedeutet Grösse? Wer kann Grösse herstellen — allein, oder im Kollektiv?

Grosses im Kontext der Kulturen

Mit «Dinge, Deutungen, Dimensionen» weist denn auch der Untertitel der Ausstellung darauf hin, dass hier Bedeutungen von Grösse in ganz unterschiedlichen Kontexten reflektiert werden. Und weil das Museum der Kulturen seine ethnologische Basis nicht leugnet, stammt der überwiegende Teil der Exponate aus Ozeanien.

Beatrice Voirol hat die neue Dauerausstellung «Gross» kuratiert.

Beatrice Voirol hat die neue Dauerausstellung «Gross» kuratiert.

Das über drei Stockwerke reichende Abelam-Haus zum Beispiel, das einerseits wie gewohnt als Ganzes zu sehen ist, das andererseits von einem verwandten Haus ähnlicher Bauart in Einzelwänden ganz von Nahem betrachtet werden kann. Hier sind die Ahnen kunstvoll an die Wände gemalt, in Übergrösse. Es sei dieses Präsentmachen der Vorfahren, das den Söhnen und Töchtern Kraft gebe, sagt die Kuratorin Beatrice Voirol.

Kollektivarbeit schafft Grösse

Kraft im Sinne von Kaufkraft symbolisiert auch der riesige Teppich aus Rindenbaststoff aus Tonga, Polynesien. 28 Meter ist er lang. In Kollektivarbeit haben die Frauen den Bast aus dem Inneren der Rinde so lange geschlagen, bis ein dünner Stoff entsteht – und nun die Finanzkraft dieser Familie symbolisiert.

Die Kollektivarbeit der Männer wendet sich hingegen den Transportvehikeln zu: Ein eindrücklicher Dokumentarfilm von Daniel von Rüdiger zeigt die mühsame Arbeit, im Urwald aus einem einzigen Baumstamm ein Kanu zu schlagen. Doch die Männer aus Papua-Neuguinea sind so effizient, dass selbst das Herausrollen des fertigen Kanus durch den Urwald bis zum Wasser erstaunlich rasch funktioniert.

Ein Hummer als Sarg

Hier die Effizienz, da die scheinbare Sinnlosigkeit von Grösse: Auch damit beschäftigt sich die Ausstellung. Zeigt die Daten von Selfies, mit denen die Menschen rund um den Globus lokalisiert werden können. Stellt einen Sarg aus in Form des amerikanischen Riesen-Autos Hummer — ein Luxusobjekt für die Überfahrt ins Himmelreich. Nennt die Zahlen der Frauen, die sich jährlich in der Schweiz die Brust vergrössern lassen.

«Die Zeiten des Messens und Vermessens sind nicht vorbei — wir haben uns einfach daran gewöhnt», sagt Kuratorin Beatrice Voirol. «Es fängt damit an, dass im Embryonalstadium der Fötus vermessen wird. Nach der Geburt und durch das gesamte Kindesalter hindurch wird die Grösse des Menschen bestimmt. Später haben wir einen Body-Mass-Index und eine Konfektionsgrösse. Und in Asien wird der Grösse sogar mit den äusserst schmerzhaften Beinverlängerungen auf die Sprünge geholfen», erzählt Voirol.

Der Mensch, er strebt nach Grösse. Doch welch verschiedene Ausformungen dies haben kann, das zeigt diese neue Dauerausstellung im Museum der Kulturen sehr gekonnt. Und nimmt sich dabei auch ein wenig selbst aufs Korn: Ein eigener Film dokumentiert den komplizierten Transport der grossen Exponate, hindurch durch die Fenster des Museums. Welche Anstrengungen hier unternommen wurden, um Grösse zu zeigen, sogar das legt das Museum offen — und kreiert so ein eigenes Exponat.

«Gross – Dinge, Deutungen, Dimensionen». Die neue Dauerausstellung ist ab Freitag im Museum der Kulturen Basel, Münsterplatz 20, zu sehen:
Di – So: 10.00 – 17.00 Uhr. www.mkb.ch