Bei strömendem Regen und Gegenwind auf dem Fahrrad durch die Schweiz? Das ist nur etwas für besonders Zähe. Jedes Jahr wagen ein paar Velo-Verrückte dieses Unterfangen und sind dabei den Profis der Tour-de-Suisse dicht auf den Fersen.

Drei Jahrzehnte lang hatte die Gewerbeschule Basel die Tour für ihre Lehrlinge veranstaltet, bis sie vor sieben Jahren die Aktion aufgeben musste. Für die stetig sinkende Anmeldezahl war der Aufwand schlicht zu gross. Dass die Lehrlinge die Begeisterung für das Rennvelofahren offenbar nicht mehr teilten, hiess aber nicht, dass es keine Nachfrage mehr gab.

Einige ehemalige Lehrlinge und Organisatoren waren enttäuscht – und erfüllten mit der Gründung des Vereins «Tret-Lager» ihren Wunsch gleich selbst. Die einwöchigen Touren sollten weiterhin stattfinden und allen Interessierten den Zugang zum Velosport ermöglichen. Seither hat die Unternehmung ihre Blütezeiten längst wieder eingeholt und sogar übertroffen: Die Teilnehmerzahlen steigen von Jahr zu Jahr und die Planung wird immer professioneller.

Töfli-Begleitung zur Sicherheit

Diesen Sonntag hat das sechste «Tret-Lager» auf dem Basler Messeplatz gestartet: Eine ganze Woche werden die 33 Teilnehmer jetzt auf ihren Rennvelos über die Schweizer Pässe fahren. Mit ihren Trikots sehen sie ihren Profi-Vorbildern der Tour-de-Suisse ziemlich ähnlich, ein Rennen soll es aber nicht sein: «Natürlich gibt es immer wieder Wettbewerbsgeist», stellt Thomas Schubert fest, der schon seit dem ersten Tretlager mit dabei ist.

Als Motorrad-Begleiter versucht er das Tempo aber unter Kontrolle zu halten: «Der Spass soll immer noch im Vordergrund stehen», meint er. Geht es aber abwärts, hat selbst er auf dem Motorrad keine Chance gegen die schnellen und erfahrenen Rennvelofahrer. Obwohl gravierende Unfälle bisher ausgeblieben sind, geht Sicherheit vor. Deshalb braucht es Schubert und die anderen Motorrad-Begleiter. Sie alle sind hauptberufliche Polizisten und kennen die Verkehrsregeln sowie die Strassenverhältnisse, selbst bei prekären Wetterverhältnissen.

Von besonderem Nutzen war dieses Wissen an der Tour im letzten Jahr: Unter strömendem Regen kämpften sich die Teilnehmer mehrere Tage lang über die Pässe, bis die Reise schliesslich wegen Minustemperaturen abgebrochen werden musste. Ein solches Desaster wollen die Organisatoren nicht nochmals erleben, und hoffen deshalb auf gutes Wetter. Trotzdem meint Schubert: «Die Stimmung war grossartig! Als hätte das schlechte Wetter die Fahrer zusammengeschweisst.»

Höchstleistungen gehören dazu

Gemeinschaft bilden und Freunde finden: Das ist eines der grossen Ziele der Tret-Lager. Ein Ziel, das meistens bis zum gemeinsamen Abendessen warten muss, denn auf der Tour steht für die Teilnehmer natürlich ihr Rennvelo im Mittelpunkt. Die Routen, die sie damit befahren, ändern sich von Jahr zu Jahr, und sind sorgfältig ausgewählt.

Um während des Radelns auch den Ferienaspekt nicht zu kurz kommen zu lassen, ermöglichen die Organisatoren ihren Velofahrern das Erkunden von nicht alltäglichen Wegen und abenteuerlichen Pässen: «Wir wollen zeigen, dass man nicht immer ins Ausland fahren muss, um einzigartige Landschaften zu sehen.»

Dieses Jahr geht es ins Bündnerland. Um der anspruchsvollen Route gewachsen zu sein, findet ab diesem Jahr eine Trainingsausfahrt vor der Velowoche statt. Die meisten haben das aber nicht nötig: Von angefressenen «Hobby-Gümmelern» bis zu Profi-Fahrern ist eine breite Palette an Teilnehmern dabei.

Der älteste Fahrer, der bisher bei einem Tret-Lager dabei war, war 71 Jahre alt: «Der hat mich locker überholt», erzählt Schubert lachend. Lehrlinge, die ja ursprünglich die Zielgruppe des Lagers waren, sind dieses Mal nur zwei dabei. Thomas Schubert erhofft sich, im nächsten Jahr mehr Jugendliche für den Velosport begeistern zu können.