Stadtentwicklung

Im Schatten des Meret Oppenheim-Turms: Warum das Gundeli jetzt vorwärts macht

Am 7. Juni wird der Meret Oppenheim-Platz im Schatten des neuen Hochhauses eröffnet. Das Gebäude schürt Hoffnungen für die Aufwertung der Güterstrasse.

Thomas Weber legt Exemplare der «Gundeldinger Zeitung» auf die Theke des «Tibits». Die Mittagszeit ist vorbei, das Klimpern des Geschirrs hat nachgelassen, die Gäste trinken Kaffee oder begeben sich auf die Terrasse beim Meret Oppenheim-Platz, die von einer strahlenden Maisonne erwärmt wird. Mit einem Cappuccino in der Hand setzt sich Weber an einem freien Tisch.

Weber ist seit 1993 Chefredaktor der Quartierzeitung. Hier an der Güterstrasse kennt ihn jeder. Auch Antonino Fortuna, der Serviceleiter des neu eröffneten Restaurants, das Anfang Monat im neuen Meret Oppenheim-Haus eröffnet hat. Fortuna kommt auf die Terrasse, um mit Weber zu plaudern. «Alles klar bei euch?», fragt er lächelnd. Bis 2018 führte er an der Ecke Güterstrasse/Solothurnerstrasse das nach ihm benannte Café. Zehn Jahre lang war er dort zu Hause, danach gab er seine Beiz auf. «Ich kam nicht mehr klar mit dem Hausbesitzer.» Also ist er ein paar Meter weitergezogen, bis zum «Tibits», dessen Service er nun als Angestellter führt.

Eintrittsschleuse des Gundeli

Das Café Fortuna schliesst, eine vegetarische Kette zieht in die Güterstrasse ein. Dies steht symbolisch für den Wandel, den diese Strasse und das Gundeli in den vergangenen Jahren durchgemacht haben: von einem verschlafenen Wohnquartier zu einem zunehmend belebten Stadtteil.

Alle Wege führen nach Rom, doch nur die Güterstrasse führt von zwei Seiten ins Herzen des Gundeli. Sie fängt bei der Margarethenstrasse an, zieht am Eingang der Bahnhofpasserelle vorbei bis zum Tellplatz und weiter in Richtung Dreispitz bis zur Reinacherstrasse. Ob über der Margarethenbrücke, der Passerelle, dem Postgebäude oder der Peter Merian-Strasse: Der Weg von der Stadt ins Gundeli geht über oder führt durch die Güterstrasse.

Thomas Weber erinnert sich, als noch rote Sandsteintrottoirs und weisse Kandelaber der Güterstrasse ein gewisses Cachet gaben. Er schwärmt von den 80er-Jahren, als die Menschen an der Strasse «wie eine grosse Familie waren» und die Eröffnung eines neuen Geschäfts mit der Gundeli-Clique gefeiert wurde. Neben der warmen Dorfstimmung erinnert er sich aber auch an urchigere Seiten des Quartiers: «Mit dem Strassenstrich war es manchmal fast schon unsicher, Littering war ein Thema.» Weber hat diese Quartiergeschichte als junges Kind hautnah erlebt, später als Journalist dokumentiert, beobachtet, kommentiert, mitgestaltet.

Die «Gundeldinger Zeitung» ist unverzichtbarer Teil der Geschichte des «Quartiers hinter den Gleisen», wie ihn Weber nennt. Laut Eigenwerbung auf der Frontseite ist sie die «älteste Zeitung Basels»: Webers Grossvater Otto gründete die damalige «Gundeldinger Chronik» vor fast 90 Jahren. In der ersten Ausgabe steht: «Wir Gundeldinger bilden eine kleine Stadt.» Die Zeitung übernahm 1947 der älteste Sohn Paul, der sie dann in dritter Generation an Thomas übergab.

Verlorene Zeiten

Dass der Zusammenhalt im Quartier zurückgegangen ist, erklärt sich der Verleger und Chefredaktor mit gesellschaftlichen Änderungen. Mit zahlreichen Neuzuzügern und der zunehmenden kulturellen Diversität des Quartiers entwickle sich das Gundeli zu «einem kleinen Basler Manhattan», laut einem Reiseführer. Tatsächlich sollen Menschen aus über hundert Nationen hier leben, das verändert das Quartierleben massgeblich.

Weber meint aber auch, dass das Gewerbe an der Güterstrasse unter der stets steigenden Konkurrenz des Online-Handels leidet. Er weist auch der Stadtentwicklung eine Schuld zu: «In Basel wird alles viel zu trist gebaut. Zu wenig Farbe.» Was hält er vom Meret Oppenheim-Haus mit der grauen Fassade, dessen Schatten sich allmählich über den gleichnamigen Platz erstreckt? «Der Bau gefällt mir nicht unbedingt, aber er bringt zweifellos eine psychische und optische Aufwertung für das Quartier.»

Tatsächlich war das Gundeli vor dem Bau des Hochhauses vom Centralbahnplatz aus unsichtbar. Trotz zahlreicher Kritik an dessen Ästhetik ragt das «neue Wahrzeichen» des Gundeli nun über das Gewölbe des Hauptbahnhofs. Die Wohnungen sind allmählich belegt, die SRF-Kulturabteilung und das «Regionaljournal» sind eingezogen. «Nun ist die ‹Gundeldinger Zeitung› nicht mehr das einzige Medium im Quartier», lacht Weber. Am 7. Juni wird der Meret Oppenheim-Platz am Fuss des Hochhauses eröffnet. Eine Skulptur und ein Brunnen werden an die berühmte Basler Künstlerin erinnern.

Aufwertung der Güterstrasse

«Und? Läufts?», ruft Weber einem Mann in Jackett nach, der sich umdreht, ihm zuwinkt und lächelnd mit dem Daumen nach oben zeigt. «Super! Toll!», meint Weber und erklärt: «Das war der Regionalchef des SRF. Die haben heute zum ersten Mal von hier aus gesendet.»

Der Chefredaktor ist nicht der Einzige, der das neue Hochhaus von Herzog & de Meuron als Symbol der Aufwertung des Gundeli betrachtet. Die meisten Akteure des Quartierlebens schätzen das Hochhaus an der Güterstrasse als positive Entwicklung ein für diese Geschäfts- und Restaurantmeile wie auch für das Quartier allgemein. «Dank des Meret Oppenheim-Hauses kommen neue Leute, die das vorher eher brache Gebiet beleben werden. Das Gundeli wird modern und ist immer weniger das ‹verschlafene Quartier› hinter den sieben Gleisen», sagt Weber.

In der Rösterei Columbiana, die direkt gegenüber dem Meret Oppenheim-Platz seit 42 Jahren Kaffee anbietet, merkt man schon etwas davon. Dem Kunden kommt an der Türschwelle der Geruch von geröstetem Kaffee entgegen, während Doris Filippini herzlich grüsst. «Wir haben bereits Kunden, die nach dem Essen im ‹Tibits› zu uns kommen, um einen Espresso zu trinken», sagt ihr Sohn Stefano Filippini.

Ähnlich positiv betrachtet die Entwicklung Simon Müller vom Lokal Finkmüller, das ebenfalls dem Platz und dem Hochhaus gegenüber liegt. Vor zwei Jahren eröffnete das Geschäft aus der Markthalle hier eine Filiale sowie eine Ölmanufaktur. Während die Rösterei Columbiana sich auf ihre lange Tradition stützt, steht Finkmüller für ein urban und modernes Lebensgefühl und ist entsprechend eingerichtet. Schlichtes Mobiliar aus Holz, Grünpflanzen an den Ecken und Regale, auf denen Ölflaschen und andere Produkte ausgestellt sind. «Die Leute vom SRF brauchen nur die Strasse zu überqueren, um zu uns zu kommen», sagt der Geschäftsführer lächelnd.

Hoffnung und Vorsicht

Vorsichtiger ist Elmi, der Barkeeper des Café Royal. Er weiss auswendig, welche Stammgäste in dieser Quartierbeiz lieber ein grosses Bier oder eine Stange trinken. Er zapft das Bier in die richtigen Gläser, sobald er die Leute bei der gläsernen Eingangstüre erkennt. Ob das Meret Oppenheim-Haus einen Mehrwert für seine Bar sein wird, kann er nicht sagen. «Wir hoffen es natürlich, aber es ist schwierig einzuschätzen.»

Fausi Marti, Präsident des Neutralen Quartiervereines Gundeli, rechnet fest damit, dass das Hochhaus eine Nachfrage für das lokale Gewerbe und Gastronomie auslöst. Auch beim Apple Reseller DQ Solutions hofft man auf eine breitere Kundschaft.

Der gescheiterte Boulevard

Die Aufwertung der Güterstrasse hat lange vor dem Turmbau begonnen und sorgte im Gundeli über Jahrzehnte für leidenschaftliche Diskussionen. Dabei ging es vor allem darum, die Strasse für Gewerbe und Gastronomie attraktiver zu gestalten. 2008 sollten mit der Eröffnung des «Boulevard Güterstrasse» der Verkehr in der Strasse beruhigt und das Trottoir zu einer Flaniermeile umgestaltet sein. Dabei sollten Anwohner im eigenen Quartier shoppen und auf Terrassen Kaffee geniessen. Zwölf Millionen Franken wurden vom Grossen Rat gesprochen, vier Jahre lang dauerten die Bauarbeiten: Trottoirs wurden breiter, die Randsteine abgeflacht, mehr Bäume gepflanzt.

Die Rechnung ging dennoch lange nicht auf. Die Änderungen hätten nichts gebracht, sagen Kritiker. Trotz Parkverbot bleibt das Wildparkieren ein Ärgernis. Die Verkehrspartner kreuzen sich weiterhin wie in einem unharmonischen Ballett. 2013 monierten Stimmen aus dem Baudepartement und der Quartierplanung zu wenig Beizen, zu wenig Gäste.

Spätes Aufblühen

Eine Passantin kommt am «Tibits» vorbei und spricht Thomas Weber an. Die ältere Dame verteilt ebenfalls die «Gundeldinger Zeitung». «Im ‹Tibits› habe ich bereits ein paar hingelegt», ruft er ihr zu. Weber sagt: «Diese Strasse ist nun einmal kein Boulevard. Dafür hat sie zu wenig Charme.» Dennoch meint auch er, dass sich viel getan habe. «Die Thiersteinerallee-Überbauung und der Coop am Südpark haben die Strasse und das Quartier stark verändert», erklärt er. Vom Einzug von Coop und Migros würde auch das lokale Gewerbe profitieren. «Man geht einkaufen und geht dann von der Migros zur gegenüberliegenden Papeterie Jäger, um sich das zu besorgen, was die Migros nicht bietet.»

Das Meret Oppenheim-Haus

  

2017 wurde die Höchstgeschwindigkeit auf 30 Kilometer pro Stunde reduziert. «Die einzige wesentliche Massnahme zur Verkehrsberuhigung», meint Fausi Marti. Dieser sitzt in einem anderen Café der Güterstrasse, am Tellplatz. Hier kommt vielleicht – als einzigem Ort der Güterstrasse – ein wenig Boulevard-Stimmung auf. Die hohen Bäume, die Fussgängerzonen, die Blumentöpfe, die bestuhlten Terrassen lassen von einer kleineren Version von Paris oder Wien träumen.

«Es ist unbestritten, dass die Güterstrasse belebt ist», ist Marti überzeugt. «Es gibt mittlerweile sehr viele Geschäfte. Es fehlt weder an attraktiven Angeboten noch an Einkaufsmöglichkeiten.»

Im vergangenen Jahr stellte die bz die Frage, ob die Güterstrasse nicht allmählich zur «Fressmeile» werde, da es hier zahlreiche neue gastronomische Angebote gibt. So viele, dass Marti befürchtete, die Restaurants und Take Aways würden alteingesessene Geschäfte vertreiben. In der Tat gingen in dieser Zeit auch zahlreiche Läden zu, die durch Essensgebote ersetzt wurden: In einem ehemaligen Tattoo-Shop zog Domino’s Pizza ein, das Café La République du Croissant öffnete in einer ehemaligen Filiale des Reisebüros Kuoni. Die französische Bäckerei gibt es allerdings bereits nicht mehr.

Fausi Marti erzählt aus Gesprächen mit Gewerblern, diese würden kaum einen Verdrängungskampf wahrnehmen. Anscheinend seien alle der Meinung, dass sich Geschäfte und Restaurants einander nicht konkurrenzierten und ihre Langlebigkeit vielmehr von ihrer Qualität bestimmt sei. Christophe Haller, FDP-Grossrat und Präsident des TCS, ist trotzdem besorgt. «Viele Geschäfte bleiben nicht lange an der Güterstrasse.»

Verkehrssituation umstritten

Im September 1930 titelte die «Gundeldinger Zeitung»: «Der Gundeldinger Quartierverein und die Verkehrsprobleme des Quartiers». Eine solche Schlagzeile könnte das Blatt auch heute schreiben. Denn auch die Kritik am Verkehrsaufkommen ist noch nicht erloschen. Fausi Marti spricht von zu hoher Verkehrsdichte und von Nutzungskonflikten zwischen Fussgängern und Autofahrern, Velofahrern und Trams.

Die Strasse zu beleben scheint auch an dieser Thematik anzustossen. «Ich fahre täglich mit dem Velo durch die Güterstrasse, und es ist ein Graus», bestätigt Thomas Weber. Er kritisiert die behindertengerechten, aber hohen Trottoirs an Tramhaltestellen, die glitschigen abgeschliffenen Randsteine an anderen Orten. Grossrätin Beatrice Isler (CVP) betrachtet die Parksituation der Velos als «katastrophal». Gerade in der Nähe der Passerelle zum Bahnhof seien wildparkierte Velos überall zu finden.

In der Nähe der Passerelle zum Bahnhof seien wildparkierte Velos überall zu finden.

   

Im März reichte sie im Grossen Rat einen Anzug ein, damit die Regierung die Parksituation rund um den Bahnhof abklärt. TCS-Präsident Haller sieht die Verkehrssituation gelassener. «Der Durchgangsverkehr kann mittlerweile gut über die Meret Oppenheim-Strasse umgeleitet werden.»

Erst der Anfang

Für Thomas Weber wie auch Fausi Marti wäre es ideal, wenn die Strasse bis auf den Güterverkehr verkehrsfrei wäre. Laut dem neuen Stadtteilrichtplan könnte dies langfristig möglich werden. Dieser sorgt jedoch seit seiner Veröffentlichung für Unstimmigkeiten von allen Seiten. Grüne und Linke fordern noch mehr Bemühungen zur Verkehrsberuhigung, der Gewerbeverband empfindet die vorgestellten Massnahmen als einseitig gegen Automobilisten gerichtet.

Die Veränderung des Gundeli hat jedoch erst ihren Anfang genommen. Mit der Verbreitung der Margarethenbrücke zum neuen Bahnhofzugang sowie dem Neubau des rostroten Post-Gebäudes zum Nauentor werden die Güterstrasse und das Gundeli noch besser an die Stadt angebunden. Und spätestens wenn beim Nordende des Dreispitzes auf dem Obi-Areal die drei höchsten Wohntürme der Schweiz stehen werden, wird das Quartier endlich nicht mehr «hinter den Geleisen» sein, sondern davor und die Stadt dahinter.

Meistgesehen

Artboard 1