Novartis
Im St. Johann steht die teuerste Apotheke der Welt

Novartis hat es in den vergangenen zehn Jahren an die Weltspitze der Pharmaindustrie geschafft. Das drückt sich auch im Börsenwert aus. Er beträgt 250 Milliarden Franken.

Stefan Schuppli
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Dieser Blick nach Süden zeigt in der Bildmitte den Novartis-Campus. Das Gebäude mitte-rechts mit den diversen Lastwagen ist der Bell-Haupsitz. Weiter rechts das Lysbüchel-Areal. Oben rechts der Bahnhof St. Johann.

Dieser Blick nach Süden zeigt in der Bildmitte den Novartis-Campus. Das Gebäude mitte-rechts mit den diversen Lastwagen ist der Bell-Haupsitz. Weiter rechts das Lysbüchel-Areal. Oben rechts der Bahnhof St. Johann.

Erich Meyer

Noch vor 50 Jahren konnte man sich blaue Schuhsohlen holen, wenn man über das Gelände der heutigen Novartis ging. Hier wurden Farben hergestellt, später Medikamente. Heute sind die Spuren von damals beseitigt, wenn man von der Sanierung des Geländes der Kläranlage auf der französischen Grenze absieht.

Chemie seit 1870

Ihren Anfang nahm die Farbenchemie in Basel vor knapp 200 Jahren – zuerst im Kleinbasel, wo die Unternehmer Alexandre Clavel und J.R. Geigy ihre ersten Farblabors errichteten. Auf der Grossbasler Seite, im St. Johann, begann die Industrie vor 1870 mit der Produktion. Es waren hier Durand Huguenin und etwas später Kern & Sandoz, die ihre Fabriken aufbauten.

In den Gründungsjahren profitierten sie vom damals noch fehlenden Patentschutz und produzierten lediglich Nachahmungen. Grotesk: Die Industrie, die heute derart auf Patenschutz pocht (und ohne die auch nicht geforscht würde), verdankte den ersten Wachstumsschub genau diesem Mangel. Das sollte sich aber bald ändern. Die hiesige Industrie kam immer wieder mit Innovationen auf den Markt, auch verfahrenstechnischen. 1907 wurde der Patentschutz eingeführt.

Pharmaforschung verlacht

Schon damals spielten die Beziehungen zur ETH eine wichtige Rolle. Der Schritt von der Farben- zur Medizinalchemie war nicht mehr gross. Bei Sandoz kann der Beginn der Pharmaforschung mit der Anstellung des Chemikers Arthur Stoll im Jahr 1917 festgemacht werden. Die ersten Jahre waren beschwerlich, die Erfolge stellten sich nur nach und nach ein. Die Forschungsabteilung wurde hie und da als «Kostenfaktor» angesehen und Stoll als «Ausgabe-Direktor» verlacht. Der erste wirkliche Verkaufsschlager war Calcium-Sandoz, welches u. a. gegen Nesselfieber, Asthma, Rachitis und bei Schwangerschaften eingesetzt wurde.

Die zweite Linie ist nicht weniger interessant: es war die Mutterkornforschung. Das hoch giftige Mutterkorn und die Alkaloide fanden in vielen Medikamenten Eingang, etwa beim Gynegen, ein Mittel zur Stillung von Blutungen nach der Geburt (1921), später als Mittel gegen Störungen des vegetativen Nervensystems.

Hier wurde das LSD synthetisiert

Doch die Sandoz-Forschung schrieb auch sonst Weltgeschichte. 1938 synthetisierte Albert Hofmann im Rahmen seiner Mutterkornforschung Lysergsäurediethylamid. Es lief unter dem Namen LSD, das in den 60er und 70er Jahren zu einer Kultdroge wurde.

Hofman wollte ein Kreislaufstimulans entwickeln, aber weil Tierversuche keine Wirkungen zeigten, verschwanden die Forschungsergebnisse in der Schublade. Erst 1943 entschied sich Hofmann, mögliche Wirkungen von LSD erneut zu prüfen. Bei seinen Arbeiten mit LSD bemerkte er an sich selbst eine halluzinogene Wirkung, die er zunächst nicht erklären konnte. So vermutete er, LSD sei durch unsauberes Arbeiten durch die Haut von seinem Körper aufgenommen worden. Später kam es dann zu den legendären Selbstversuchen. So fuhr Hofmann unter Drogeneinfluss nach Hause und versuchte, so gut es ging, ein Protokoll seiner farbenprächtigen Halluzinationen zu erstellen. Dem Vernehmen nach sollen sich auch mehrere Geschäftsleitungsmitglieder auf den «Trip» begeben haben.

Im November 1986 brannte in Schweizerhalle BL ein Lager mit zum Teil gefährlichen Materialien nieder. Die Brandkatastrophe war ein Fanal für die ganze Branche und zeigte auf, mit welche Risiken die Stadt und die Region lebt. Das in den Rhein geleitete Löschwasser vernichtete bis nach Rotterdam beinahe den ganzen Fischbestand; der rot gefärbte Rhein sorgte in der ganzen Welt für Entsetzen. Der Ruf der Sandoz und die gesamte Industrie litt grossen Schaden. Bereits 1981 kam Sandoz negativ in die Schlagzeilen, als nach einer McKinsey–Sparübung massiv Arbeitsplätze abgebaut wurden. In der Region machte sich eine Industrieverdrossenheit breit, die immer wieder zu Diskussionen über die Sitzverlagerung führten. Trotzdem wurde in einer Abstimmung die Verwendung der Gentechnologie nicht abgelehnt. Besonders bei der medizinischen Anwendung genveränderter Substanzen begannen sich allmählich Erfolge abzuzeichnen.

1996 fusionierte Sandoz mit Ciba-Geigy zu Novartis; Es war damals die grösste Fusion überhaupt, und es war eine der wenigen, die wirklich erfolgreich waren. Es war auch die Grundlage für den Novartis Campus, der Hauptsitz mit den zentralen weltweiten Konzernfunktionen. 7500 Menschen arbeiten heute auf diesem Gelände. Im St. Johann wird Novartis in den Campus bis Ende dieses Jahres 2,2 Milliarden Franken investiert haben. Produktion hat es mittlerweile fast keine mehr, dafür aber Forschung, die hier koordiniert wird. Mit einem Börsenwert von 250 Milliarden Franken ist Novartis einer der wertvollsten Pharmakonzern der Welt.