«It's The Real Thing»
Im Sumpf des Seins

Man darf einmal mehr darüber staunen, was im Theater alles möglich ist: Das Basler Festival «It’s The Real Thing» eröffnet mit einer ontologischen Komödie. Selten war Philosophie so lustig.

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Vom 5.- 9. April finden die Basler Dokumentartage in der Kaserne Basel, im Roxy Birsfelden, in der Markthalle Basel und in der EG Lounge statt.

Vom 5.- 9. April finden die Basler Dokumentartage in der Kaserne Basel, im Roxy Birsfelden, in der Markthalle Basel und in der EG Lounge statt.

niz Nicole Nars-Zimmer

Es ist sternenlose, finstere, rabenschwarze Nacht. Ein Lichtkegel tastet den Bühnenraum ab, eine Neonröhre flackert und erlöscht wieder. Ein Stück erwacht vorsichtig zum Leben. Erstes Flackern in den Köpfen der Zuschauer, leise Ahnungen, ein erstes Gespür für diese Inszenierung, unter der man sich nichts vorstellen konnte, als man die Beschreibung im Programmheft las. «Germinal», so heisst es darin über die französisch-belgische Eröffnungsinszenierung von Mittwochabend in der Reithalle der Kaserne, sei «nichts anderes als die Erfindung der Welt aus dem Geiste eines merkwürdigen Defekts heraus, der sich Sprache nennt».

Da geht es der Kritikerin, die sich ein wenig vorbereiten wollte, aber immer noch viel besser als den vier Protagonisten auf der Bühne, eine Frau und drei Männer. Denn die wissen nicht nur nicht, wo sie sind und was das alles soll, sondern es fehlt ihnen jegliche Referenz zu irgendwas. Immerhin: Sie denken, also sind sie schon mal. Sie können aber nicht sprechen, sondern übertragen ihre Gedanken auf zwei Übertiteltafeln an der Wand — für vier Leute zwei zu wenig. So kommt es zu ersten Diskussionen, im Grund über Macht, Demokratie und Teilhabe.

Im Lauf des kurzen Abends lernen diese Vier — in ihrer allzu menschlichen Menschlichkeit sympathischen Menschen — zu sprechen. Sie lernen Objekte und Begriffe zu verbinden, zunehmend abstrakte Kategorien zu erstellen, Ereignisse in logische Reihenfolgen zu bringen, soziale Systeme zu bilden, Gegenstände sowie sich selbst zu repräsentieren und nebenbei auch noch Kunst und Rituale zu pflegen. Sie machen also im Zeitraffer eine Kultur- und Philosophie-Geschichte des Menschen durch. Voller Freude und Staunen über jede Entdeckung, jede neue Erkenntnis.

Kennen nichts, wissen alles

Trotz dieses Strebens nach Kohärenz leben die Vier von uns aus gesehen in einer sehr inkohärenten Parallelwelt. Denn obwohl sie alles von Null an neu für sich entdecken müssen, haben sie stets sogleich präzise, elaborierte Bezeichnungen für jedes Phänomen parat. Sie kennen das Wort für Bauschutt oder das Gefühl namens Scham, sie wissen, dass das, was sie mithilfe ihres Kehlkopfs bilden, Phoneme sind, und die theoretisch bewandertste, Ondine, die Frau unter ihnen, erkennt sogar eine Katharsis, wenn es eine zu erleben gibt: Das entspreche einer «Abkühlung der Leidenschaft durch Worte», fügt sie hinzu, ernst, immer ernst.

Nicht nur dieses Paradox macht den Abend so komisch, so absurd. Derweil unsere Vorfahren im Boden Kupfer und Eisen geschürft haben, hackt Ondine mit gezielten Spitzhackhieben aus dem Bühnenboden fortgeschrittenere Schätze: ein Mikrofon. Später wird auch eine elektrische Gitarre gehoben und ein Marshall-Lautstärker.

Anderseits: Innerhalb ihres geschlossenen Systems folgt das alles einer in sich abgeschlossenen Logik. Und in ihrer Blase hat das alles seine Berechtigung. Derweil wir ja alle zwangsläufig in je eigenen Blasen leben, wie vor dem Stück Soziologieprofessor Dirk Baecker in seinem Einführungsreferat anschaulich machte. Die Familie: nichts anderes als eine Blase. Die Uni, die Heimat, das Facebook-Profil.

«Was ist nochmals Wirklichkeit?» lautete der Titel seines Referats, quasi ein Sequel seines Vortrags «Was ist Wirklichkeit?», gehalten an der letzten Ausgabe dieses Theaterfestivals, das biennal die Wirklichkeit aus dem Geist des Theaters befragt, bezweifelt und diesmal zum guten Witz erklärt.

Trotz kurzer Depression angesichts der Erkenntnis der eigenen Endlichkeit endet denn auch «Germinal», dieses theatrale Aufkeimen, mit einer leichten, lebensfrohen Note.

Das Festival läuft bis 9. April. Weitere Höhepunkte: Robert Pfaller am Freitag um 19.30 Uhr, «El Conde de Torrefiel» um 21.30 Uhr; Monster Truck morgen um 21 Uhr sowie die neue Produktion des Festivalleiters Boris Nikitin am Sonntag um 19 Uhr; Programm: www.itstherealthing.ch