Wallstrasse

Im Tageshaus für Obdachlose: Wärmende Basler Rückzugsoase für Bedürftige

Seit fast zehn Jahren leitet Paul Rubin das Tageshaus an der Wallstrasse. (Archivbild)

Seit fast zehn Jahren leitet Paul Rubin das Tageshaus an der Wallstrasse. (Archivbild)

Im Tageshaus für Obdachlose herrscht gelassene Stimmung. Aber so zufrieden, wie es scheint, sind die Gäste mit dem Angebot nicht.

Eine unscheinbare Liegenschaft, mitten in der Stadt, zwischen Heuwaage und De-Wette-Park. Vor der Haustüre ist es ruhig – Mittagszeit. Ab und an huscht jemand zur Tür hinein. Es sind Bedürftige, die sich im Tageshaus für Obdachlose verpflegen. Geöffnet ist das Haus fast jeden Tag. Nur im Sommer müssen die Türen jeweils für eine einmonatige Renovationspause schliessen. Über 25'000 Mal wird es jährlich aufgesucht. Aber nicht alle, die sich hier aufhalten, schlafen unter freiem Himmel: «Unsere Gäste sind ganz generell Armutsbetroffene, denen gewisse Grundbedürfnisse verwehrt sind», sagt der Hausleiter Paul Rubin.

Welche Bedürfnisse das sein können, verrät ein Blick ins Innere. Im Erdgeschoss finden sich Duschen, ein Waschraum, Toiletten. Alles ist sehr reinlich, die Einrichtung modern. «Das ist auch eine Frage der Menschenwürde. Es soll hier nicht wie in einer Brockenstube aussehen», sagt Rubin.

In einem Sitzungszimmer zeigt er einen Schrank, gefüllt mit frisch gewaschenen, säuberlich zusammengefalteten Kleidern. Vor allem während der kalten Monate sei dieses Angebot sehr gefragt.

Wie in einem Café, einfach mit mehr Stammgästen

Im oberen Stock ist das Esszimmer, in dessen Mitte sich ein Billardtisch befindet. Rund vierzig Mahlzeiten werden pro Tag verzehrt, dafür bezahlen die Gäste je drei Franken. Ganz bewusst verlange man etwas fürs Essen, sagt Rubin: «Was gratis ist, dem wird nicht viel Wert zugeschrieben. Unsere Besucher müssen mit ihrem Geld der Sozialhilfe so umgehen können, dass sie diesen symbolischen Betrag bezahlen können.» Sparfüchse, die das System ausnutzen, gebe es fast keine mehr. Früher sei es hingegen schon ab und zu vorgekommen, dass jemand «mit dem BMW um die Ecke» parkiert habe, um dann im Tageshaus zu speisen. Aber man kenne sich in der Regel an der Wallstrasse 16. Die meisten Kunden seien Stammgäste.

Ein beliebter Treffpunkt der Raucher ist der Innenhof. Neben einem Baum steht ein Pingpong-Tisch, am anderen Ende des Hofs sitzen einige Gäste gemütlich um den überdachten Holztisch und plaudern. Es ist der einzige Ort des Tageshauses, an dem Alkohol, Zigaretten und Gras konsumiert werden dürfen. Diese Freiheit nehmen sich die Besucher auch: Zwei der sechs Personen am Tisch rauchen einen Joint, einer trinkt Sirup oder Tee. «Wenn man hierher kommen kann, muss man immerhin nicht den ganzen Tag lang irgendwo dahinsiechen», sagt der Mann am Tischende mit dem dunklen Hut. Er erzählt, dass er wohl der langjährigste Gast des Tageshauses sei. Viele seiner Freunde und Kumpanen seien in den vergangenen Jahren gestorben. Aber alt sieht er nicht aus. Die Tattoos im Gesicht erzählen Geschichten aus seinen jungen Jahren, mit stechendem Blick erhebt sich seine Stimme, als eine Diskussion entflammt. Zur Drogenthematik nimmt er kein Blatt vors Mund: «Hier bescheisst sich jeder selber. Von unserem wenigen Geld gehen achtzig Prozent wieder für Drogen drauf.»

Trotz vergleichsweise gut ausgebautem Sozialwesen fungiere jenes lediglich als «lange unsichtbare Leine des Staates», empört sich der Mann mit dem Hut. Anstatt die Menschen wirklich wieder zu integrieren, gebe man ihnen nur gerade so viel, wie sie zum Überleben bräuchten: «Für dieses System arbeite ich nicht. Punks sind nun mal faul.» Was es brauche, seien kompetente Personen, welche die Klienten zur Konfrontation zwingen. Angestellte, die nicht aus Goodwill helfen, sondern es als ihre Pflicht ansehen.
Laut Rubin wohnt dem Tageshausteam aber ein anderer Geist inne: «Armut ist immer mit Stress verbunden. Bei uns sollen die Besucher einfach mal abschalten und sich erholen können.» Es sei extrem belastend, sich tagtäglich Gedanken darüber machen zu müssen, wie man die nächste Rechnung oder Mahlzeit bezahlt. Deshalb werden erstmalige Gäste auch nicht gleich mit Fragen überhäuft. Im Gegensatz zu anderen Institutionen verlange das Team keine Bescheinigungen, schriftliche Vereinbarungen oder Ähnliches.

Nach einer gewissen Zeit gehe das Team aber einer klaren Richtlinie folgend auf sie zu: «Bei uns soll niemand müssen. Wer will, kann seine Geschichte erzählen. Wer das nicht will, kann es auch lassen», erzählt der Hausleiter. Einen «ideologischen Standpunkt» verfolge die Wallstrasse nicht. Es solle nicht ein Ort der Belehrung sein, sondern eine Rückzugsmöglichkeit. Obwohl viele unter psychischen Beschwerden und Suchtproblemen leiden, sei es ihm wichtig, sie nicht als Klienten zu bezeichnen. Lediglich zweimal pro Woche kommen zwei Sozialarbeiterinnen vorbei, die kostenlose Beratungen anbieten. Ansonsten vermittle das Tageshaus bei Bedarf an die jeweiligen Dienststellen weiter. Eine einzige Bedingung müsse man erfüllen, um Stammgast an der Wallstrasse sein zu dürfen: Man muss in der Region amtlich angemeldet sein. Einzelbesuche werden aber auch ausserkantonalen und ausländischen Gästen gewährt.

Die Panik vor der Unselbstständigkeit im Alter

Auch mit der Klimathematik befassen sich die Gäste. Vor Jahrzehnten habe sich der Mann mit dem Hut als Umweltaktivist engagiert: «Die Problematik ist seit den 70er-Jahren bekannt. Verändert hat sich trotzdem nichts.» Er finde den aktuellen Hype grundsätzlich in Ordnung. Aber wenn sich die Diskussion nur um Greta Thunbergs Socken drehe – dann sei das definitiv ein Zeichen dafür, dass der Mensch auch nach Jahrzehnten noch nichts gelernt habe. Am meisten Panik habe er vor dem Alter. Denn ohne Hilfe, weder von Familie, Freunden, privaten oder staatlichen Einrichtungen, lande man schnell im Grab.

Die anstehende Weihnachtszeit ist für die Gäste des Tageshauses nicht nur wegen der Kälte eine Herausforderung, wie eine Mitarbeiterin berichtet. Viele Besucher haben keine Familie oder Gemeinschaft, mit der sie feiern können. Insbesondere deshalb sei es wichtig, an allen Feiertagen geöffnet zu haben. Am Mittag des 26. Dezembers organisiere das Tageshaus ein grosszügiges Weihnachtsessen, das von den Gästen sehr geschätzt werde.

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