Unablässig neue Formen von Lichtspiegelungen bilden sich. Silberne Bänder – zwischen japanischen Schneepfählen gespannt – glitzern in der Sonne und treiben so ihr bezauberndes Spiel. Wir werden vor dem Museum Tinguely von Zilvinas Kempinas’ Installation «Kakashi» empfangen. Der litauische Künstler spannt sogenannte Vogelschreckbänder zwischen den kreisrund gesteckten Pfählen und lässt sie im Wind tanzen.

Das Museum Tinguely widmet dem heute in New York lebenden 44-jährigen Kempinas eine grosse Ausstellung. Der Litauer ist ein Vertreter der kinetischen Kunst und verknüpft diese mit der geometrischen Formensprache der Konkreten. In vielen seiner Installationen arbeitet er allein mit Videobändern und Ventilatoren. Seine Installationen sind eindrückliches Beispiel dafür, wie sich grösste materielle Einfachheit mit hoher formaler und denkerischer Komplexität verbindet.

«Slow Motion» heisst die Ausstellung nach einem 2008/2013 entstandenen Werk des Künstlers. Der Titel trifft gut, was die von Museumsdirektor Roland Wetzel schlüssig und ästhetisch überzeugend kuratierte Ausstellung im Betrachter auslöst. «Slow Motion» ist eine Art Reliefbild: Auf silbernem Rechteck sind in geometrischer Ordnung eine Vielzahl von kleinen Zeigern angebracht. Schauen wir nach ein paar Minuten wieder auf das Bild, erkennen wir, dass sich die Stellung der Zeiger verändert hat: Es sind die Stundenzeiger von Digitaluhren, die sich in Zeitlupe drehen.

Auch mit seinen anderen Installationen unterläuft Kempinas unsere Sehgewohnheiten: Sie brechen den Blick und hinterfragen unsere Wahrnehmung. Seine Kunst lässt uns die Täuschung fühlen, der wir aufsitzen, wenn wir glauben, dass das, was wir sehen, objektive Realität sei. Unser Sehen wird verstört und auf seine Subjektivität zurückgeworfen.

Wir spazieren durch die sogenannte «Barca» des Museums, den dem Rhein zugewandten Korridor hinauf zum Galeriegeschoss. Kempinas hat die Fensterwand mit parallel gezogenen Magnetbändern vertikal bespannt. Wir sehen den Korridor hinauf und glauben, ein schwarzer Vorhang bedecke die Fenster. Wenden wir uns dem Fenster direkt zu, sehen wir den Rhein und die Stadtlandschaft. Die Bänder aber brechen den Blick, es bleiben dunkle Streifen im Bild. Wir müssen die Landschaft im Kopf zusammensetzen. Kempinas’ Installation lässt uns erfahren, wie lückenhaft und subjektiv geprägt unser Sehen ist. Zudem ist
«Timeline», wie er seine Installation nennt, in ihrer Form von harmonischer Schönheit und Einfachheit.

Mit ähnlichem Spiel der Wahrnehmung verzauberte Kempinas die Besucher der Biennale di Venezia 2009, wo er mit «Tube» die Scuola Grande della Misericordia bespielte. Eine Verwandtschaft damit hat seine Installation «Parallels» von 2007, die er neu im 200 Quadratmeter grossen Seitenraum im Erdgeschoss des Museums Tinguely eingerichtet hat. Der hohe Raum ist über unseren Köpfen auf einer Höhe von 2,1 Metern dicht mit Videobändern bespannt, die auf den kleinsten Luftzug – zum Beispiel, wenn jemand untendurch geht – reagieren. Auch hier wird unser Blick gebrochen, verändern sich scheinbar die Raumkonstellationen. Schauen wir von der Galerie hinab auf diese durchlässige Decke, geraten Raum und Parkettboden gleichsam in die Schwebe. Der ansonsten leere Raum erhält eine ganz eigene, berückende Poesie.

Die Schwerkraft aufgehoben

«Flux» (2009) im Untergeschoss hebt die Schwerkraft auf: Über einem weissen Sockel tanzt ein zum Kreis geformtes Videoband in der Luft. Ein Ventilator weht einen steten Windzug von oben auf den Sockel und lässt so das Band sich luftig zum wellenartigen Gebilde verformen. «Flux» wird zusammen mit den hier angeordneten, feingliedrigen, abstrakten Zeichnungen zu einer harmonischen Installation.

Im abgedunkelten «Ballroom» sind es je sechs blaue und rote Lampen, die über dem Boden kreisend tanzen. Die Ventilatoren setzen auch die spiegelnden Silberfolienwände in Bewegung. Im «Ballroom» (2010) tanzt so eine Unzahl von Lichtern. Wir tauchen ein in eine poetische Nachwelt, gegenüber der eine glitzernde Disco platte Banalität ist. Im Obergeschoss bewegt sich ein raumfüllendes Band wie eine Welle in der Luft, auch hier feiert die Leichtigkeit, die Schwerelosigkeit ihr Sein. Wir stehen mittendrin, hören das Gesurre der Ventilatoren und staunen ob der unglaublichen Wirkung.

Reizvoller Dialog mit Tinguely

Kempinas’ formal geometrisch verspielte Werke treten gerade im Erdgeschoss in einen faszinierenden Dialog mit Tinguelys Riesenmaschinen, die den Anfang der kinetischen Kunst markieren. Tinguelys Maschinen haben eine etwas rohe Verspieltheit und trotz ihrer Schwere auch eine gewisse Leichtigkeit. Sie korrespondieren im riesigen Eingangsraum spannungsvoll mit Kempinas’ hohen surrenden und leuchtenden Zylindergebilden. Die «Light Pillars» mit den sich im Wind der Ventilatoren bewegenden Bändern erzeugen ein virtuoses Lichtspiel.

Zwischen Tinguely-Maschinen zieht Kempinas’ «Fountain» (2011) unseren Blick an. Die von einem liegenden Ventilator ausgehenden, im Kreis angeordneten Bänder scheinen unablässig nach aussen zu fliessen. Das Perpetuum mobile verwirrt unsere Sinne, zieht unserer Wahrnehmung den Boden unter den Füssen weg – und entzückt zugleich unser Auge durch seine Schönheit.