Sogar wer in Basel geboren und aufgewachsen ist, weiss kaum etwas über eines seiner wichtigsten Institutionen, über die BIZ, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Drinnen war erst recht noch so gut wie niemand. Gerade diese Geheimniskrämerei hat die Theater-Autorin Theresia Walser — übrigens Autor Martin Walsers jüngste Tochter — am Stoff gereizt. Im Auftrag von Intendant Andreas Beck hat sie fürs Theater Basel ein Stück über die BIZ geschrieben, eine wilde Groteske über das Innenleben in diesem heute kurz wirkenden Hochhaus, diesem braunen Stumpen beim Bahnhof.

«Im Turm zu Basel» parlieren eine handvoll arrogante Wirtschaftsadlige über ihre gottähnliche Stellung: «Gott zahlt auch keine Steuern.» Ihre Worte sind exaltiert, ihre Essmanieren katastrophal. Von oben schauen sie herab auf das niedere Volk, dem man ab und zu kleine Entscheidungsbrocken zuwerfen muss, damit es sich als handlungsfähige Bürger einer Demokratie fühlen darf. Es gilt «zu den Märkten zu sprechen». Ausserdem interessiert man sich sehr für die Beschaffenheit der Sauce zum Zürcher Geschnetzelten.

Lustvoller Text

Das Stück (Inszenierung: Sebastian Schug) spielt kurz vor einem der berühmt-berüchtigten Treffen der weltweit wichtigsten Zentralbank-Präsidenten, die alle zwei Monate in der BIZ stattfinden. Turmherrin Tronje (Katja Jung) und Finanzweltpapst Mr. Greeper (Thomas Reisinger) gebärden sich überdreht. Grad so wie die vier Uhren mit den vier Zeiten, die immer wieder zu extremen Vorwärtsdrehungen ansetzen. Das ist eine überirdische Welt mit ihren eigenen bizarren Regeln.

Das Stück hat wenig Handlung, es lebt vor allem vom süffigen Text, den die Schauspieler mit viel Gusto sprechen, den das Publikum mit vielen Lachern goutiert. Zwei Serviertöchter bereiten seltsam philosophierend den Raum vor (Liliane Amuat und Carina Braunschmidt). Die Bankleute stolzieren und rezitieren: Neben der Turmherrschaft sind das Guston (Orlando Klaus), Ferchl (Simon Zagermann) und später der argentinische Schwellenlandgast Barbosa (Vincent Glarner).

Das BIZ-Innere stellt sich Bühnenbildner Christian Kiehl ein wenig vor, wie die Lobby eines Fünfsterne-Hotels — samt Barpianist (Johannes Winde). Er soll damit sehr richtig liegen, sagt der BIZ-Generalsekretär Peter Dittus, der an der Premiere zugegen war — und sich gut amüsiert habe, wie er danach der Autorin beteuert. «Genial» sei das Stück, die BIZ diene als Sprungbrett, um etwas über die Weltwirtschaft zu sagen. Er würde es gern mit der BIZ-Belegschaft schauen gehen — allerdings spreche kaum jemand Deutsch.

Am Ende des Stücks weiss man zwar nicht viel mehr über die BIZ – dafür gibt es schliesslich Google. Und doch trifft Theresia Walsers Humor die erschreckenden bis absurden Aspekte der generellen Welt-Vorherrschaft der Wirtschaft. Es heisst: «Truth is stranger than fiction.» In diesem Fall ist Fiction möglicherweise truer than Truth. Oder wie die Autorin, die selber den BIZ-Turm noch nie betreten hat, bei der kurzen Begegnung danach ihr Vorgehen nennt: «Es ist auch eine Bewirtschaftung der Fantasie».

Im Turm zu Basel. Weitere Vorstellungen bis 30. 10. www.theater-basel.ch