Richard Wagner

Im Walkürenritt um die ganze Welt: Wagner-Fan-Clubs machen auch in Basel halt

«Hojotoho! Heiaha!» Helikopterattacke in Francis Ford Coppolas «Apocalypse Now».

«Hojotoho! Heiaha!» Helikopterattacke in Francis Ford Coppolas «Apocalypse Now».

Kein Komponist hat uns so stark beeinflusst wie Richard Wagner. Und keiner hat so viele Fan-Clubs: Jetzt gibts auch einen in Basel.

Schon zu seinen Lebzeiten polarisierte Richard Wagner wie kein anderer Komponist. Die deutsche Musikwelt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war gespalten zwischen Wagnerianern, die Innovationen vorantrieben, und Brahmsianern, die Form und Tradition hoch hielten.

Der megalomane Anspruch, die Oper von Grund auf zu erneuern, rief natürlich Widerspruch bei den Konkurrenten hervor. Aber auch Begeisterung, etwa bei Franz Liszt. Nach ­Wagners Tod bis zum ersten Weltkrieg kam kein Tonschöpfer darum herum, Stellung zu diesem Werk zu beziehen. Glühende Verehrung hielt sich die Waage mit schroffer Ablehnung, die sich etwa in Frankreich neben epigonalen Opern von Chabrier, Lalo oder Chausson bei Dukas und vor allem bei Claude Debussy zu richtigem Anti-Wagnerismus steigerte.

Ein Brasilianer gründete den dritten Schweizer Wagner-Verein

Wagner polarisiert bis heute. Dabei haben sich die Auseinandersetzungen von der Musik weg hin zur Weltanschauung, vor allem zu Wagners Antisemitismus, gewandelt. In Israel ­löste Daniel Barenboim wahre Grabenkämpfe aus, als er es wagte, Musik von Wagner aufzuführen. Umgekehrt organisierten sich die Wagnerianer weltweit in zahlreichen Vereinen.

125 Mitglieder zählt aktuell der internationale Richard-­Wagner-Verband, davon 44 ­allein in Deutschland, aber auch je einen in Island, Zypern, Chile oder Thailand. Seit 1956 gibt es die Schweizerische Wagner-­Gesellschaft, die standesgemäss in Tribschen bei Luzern ihren Sitz hat, wo Wagner von 1866 bis 1872 lebte. Das idyllisch gelegene Haus am See ist seit 1933 ein Wagner-Museum. In der ­Romandie gibt es den «Cercle Romand Richard Wagner».

Und in Basel wurde vor kurzem ein dritter Schweizer Wagner-Verein gegründet, der Richard-Wagner-Verband Basel. Dahinter steckt René Vital, ein Brasilianer, der schon in Rio einen Wagner-Verein geleitet hatte. Am 18. September fand die Gründungsversammlung statt, mit einem Apéro und einem Vortrag zur mythologischen Essenz in Wagners ­Werken.

Weitere öffentliche Veranstaltungen haben in diesen Corona-Zeiten erst wenige stattgefunden. Geplante Konzerte mussten abgesagt werden, aber für nächstes Jahr soll die australische Sopranistin Caitlin Hulcup für ein Konzert und einen Meisterkurs eingeladen werden. Ebenfalls vorgesehen sind Vorträge mit dem bekannten deutschen Wagner-Forscher Stefan Mickisch.

Der Komponist als ­Gesamtkunstwerk

Mit im Vorstand ist Verena Widmer. Sie ist ein Beispiel ­dafür, dass man sich der Figur Richard Wagners nicht nur über die Musik nähern kann. Seine Opern lerne sie jetzt erst nach und nach kennen, erzählt sie. Fasziniert habe sie die philosophische Tiefe und die menschlichen Dimensionen im Gesamtkunstwerk Richard Wagners. Noch ist der Verein klein, betätigt sich vor allem im Austauschen rarer Mitschnitte von Wagner-Opern. Aber weitere Mitglieder, die sich für das Werk Richard Wagners interessieren, sind sehr herzlich willkommen. Der Verband ist auf Facebook zu finden.

Der amerikanische Musikkritiker Alex Ross hat in seinem neusten Buch mit viel Akribie und noch mehr Spass unerwartete und auch witzige Verbindungen zusammen getragen, wo sich Wagner als Künstler und als Figur so überall niedergeschlagen hat. Und wie seine Musik und sein Gesamtkunstwerk ganz direkt, aber auch unerwartet versteckt wieder Verwendung gefunden haben.

Und es zeigt sich: Nicht nur die Antisemiten und die Nazis rekurrierten auf Wagner – und das bekanntlich mit einigem Recht. Sondern auch andere, ganz verschiedene gesellschaftliche Gruppen haben sich in seinem Universum bedient, um sich zu legitimieren: Schwarze, Homosexuelle etwa, und sogar Feministinnen fanden in starken Wagner-Figuren wie Brünnhilde Archetypen ihrer Lebenseinstellungen.

Mit der Erde jonglieren, bis sie platzt

Ein wahres Sammelsurium an Wagner-Sichtungen ist die Filmgeschichte. Eine Szene ist mittlerweile eine Ikone: In «Apocalypse Now», dem Antikriegsfilm, den Francis Ford Coppola 1979 in die Kinos brachte, greift ein Trupp amerikanischer Helikopter ein vietnamesisches Dorf an. Und dazu ­erklingt die Musik des «Walkürenritts». Diese Helikopterattacke mit Wagners Musik wurde so berühmt, dass zahlreiche weitere Filme sie zitierten. Einschlägige Websites listen mehrer Dutzend Auftritte dieser ­Musik in der Filmgeschichte auf, oft als Zitat, manchmal auch ironisch gebrochen.

Im Fernsehfilm «Gridlock» zum Beispiel werfen Helikopter zu diesen Klängen portable WCs über die im Stau stehenden Autokolonnen ab. Noch schöner ist die «Walkürenritt»-Szene aus «Blues Brothers»: Eine verrückte Verfolgungsjagd durch die Strassen von Chicago endet für zwei der Neonazi-Verfolger im roten Auto mit einem Sprung über eine unfertige Autobahnbrücke und in einem endlosen Fall – mit dem epischen letzten Satz von Mann zu Mann: «I’ve always loved you.»

Auch andere Werke des Bayreuther Meisters fanden den Weg in den Film. Nicht ­verwunderlich ist das bei diversen Fantasy-­Epen, wo «Tristan», «Parsifal» oder der Trauermarsch aus der «Götterdämmerung» anklingen. In «Melancholia» von Lars von Trier rast ein Planet zur Musik von «Tristan und Isolde» auf die todgeweihte Erde zu. Schon ­Alfred Hitchcock nutzte die suggestive Kraft ­dieses Liebesmotivs 1930 für «Murder».

Eine ganz besonders poetische Szene liess sich Charlie Chaplin einfallen: Zu den zarten Streicherklängen des «Lohengrin»-Vorspiels jongliert er als Grosser Diktator minutenlang mit der Erdkugel – bis der Luftballon zerplatzt.

Alex Ross: «Die Welt nach Wagner». Rowohlt 2020, 912 Seiten.

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