Modelleisenbahn

«Immer das Knöpfli am Schaufenster gedrückt» – Jetzt schliesst «Bercher & Sternlicht»

Das letzte Basler Geschäft für Modelleisenbahnen macht dicht. Die Umsätze des Ladens am Spalenberg gingen in den vergangenen Jahren immer mehr zurück – doch für den berühmten Knopf gibt’s Hoffnung.

Autoverbot, billiges Deutschland, Abzocker-Hausbesitzer, Internet. Die anderen sind schuld. Meistens. Und empört, das sind immer alle, wenn ein «Traditionsgeschäft» schliesst. Zihlmann, Karger Libri, Tabaccheria. Es nimmt kein Ende. Dann – immer dasselbe Lied: «Um Himmels Willen! Das darf nicht wahr sein! Basel verrottet!» Auch diesmal werden die Baslerinnen und Basler weinen. «Als Kind habe ich immer das Knöpfli am Schaufenster gedrückt, später mein Sohn und jetzt meine Enkelin. Nun soll das Bähnli nicht mehr fahren?»

Sie können so lange weinen, wie sie wollen: Das letzte Basler Geschäft für Modelleisenbahnen macht dicht. Daran gibt es nichts zu rütteln, wie «barfi.ch» am Mittwoch publik gemacht hat. Die Schuld für die Schliessung seines Ladens gibt Geschäftsführer Michel Bercher aber weder dem Einkaufstourismus noch der autofreien Innenstadt. Auch die Miete ist nicht das Problem: Das Haus ist in Familienbesitz. Was ist es dann? Wer ist der Sündenbock?

Geschäft schliesst diesen Sommer

«Die Umsätze gingen in den vergangenen Jahren immer mehr zurück. Jetzt müssen wir die Notbremse ziehen», sagt Michel Bercher. Vor einem halben Jahr klang das noch anders. Damals sagte der 37-Jährige, das Geschäft laufe trotz rückläufigem Markt gut. «Das war unsere Einstellung, daran haben wir geglaubt, aber unsere Erwartungen wurden nicht erfüllt», sagt er jetzt. Am Wochenende hatte er einen Brief an die vorwiegend männlichen Stammkunden verschickt.

Ein Dutzend Eisenbahn-Clubs

Nachdem die Schliessung in den sozialen Medien diskutiert und vor allem bedauert wurde, steht die Hiobsbotschaft seit am Mittwoch auch auf der Website des Ladens: «Mit grossem Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, dass uns stetig sinkende Umsätze dazu zwingen, unser Modelleisenbahngeschäft auf den Sommer 2018 zu schliessen.» Bis voraussichtlich Ende Juli soll das Geschäft «koordiniert liquidiert» werden. 

Berchers Grossvater hatte den Laden 1945 aufgebaut, später hat es dessen Sohn übernommen. Michel Bercher ist seit rund zehn Jahren Geschäftsführer in dritter Generation. Sein Grossvater erlebt das Ende nicht mehr, der Vater allerdings, der sei traurig, sagt Bercher.

Doch die Zeiten hätten sich eben geändert. «Früher hatte jeder Bub eine Modelleisenbahn zu Hause.» Heute werde dieses Hobby längst nicht mehr in allen Kellern ausgeübt. Dennoch: Es gibt sie noch, die Eisenbahnfreaks. Allein für die Region Basel zählt der Modelleisenbahn-Club Basel auf seiner Website mehr als ein Dutzend anderer Clubs auf, darunter solche von Schülern.

Vorstandspräsident Mathias Brönnimann sagt, die Zeit der Modelleisenbahnen sei nicht vorbei, aber: «Es gibt weniger Sammler als früher.» Leute, die ein Modell kaufen, um es in eine Vitrine zu stellen. Brönnimann bedauert, dass mit «Bercher & Sternlicht» der letzte Laden dieser Art in Basel zu geht. Ihn betreffe es allerdings nicht, da er als Baselbieter in den dortigen Geschäften einkaufe. Und denen geht es offenbar nicht schlecht.

Eheringe zwischen Eisenbahnen?

Es ist ein städtisches Phänomen: Im Herbst machte «Beltrami» in der Spalenvorstadt dicht. Es war die einzige Konkurrenz, die Bercher in der Stadt hatte. Der Besitzer machte das Internet verantwortlich. «Bercher & Sternlicht» hingegen betreibt selber einen Online-Handel. Noch. 
Michel Bercher hat keine konkreten Vorstellungen von seinem Nachfolger. «In diesen Zeiten können wir nicht wählerisch sein», sagt er. Ob ein Kleiderladen reinkommt, ein Juwelier, eine Galerie? Alles ist möglich. Bercher würde es begrüssen, wenn sein Nachfolger die Eisenbahn weiterlaufen liesse. Er sagt: «Das wäre ein Gag. Es ist gut möglich, dass der Knopf bleibt.»

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Autorin

Martina Rutschmann

Martina Rutschmann

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