Der gebürtige Elsässer Fabrice Renner (43) hat einen Abschluss der Weinbauschule Rouffach und betreibt seit 16 Jahren in Saint-Louis eine Weinhandlung, in der auch regionale französische Spezialitäten wie Charcuterie, Foie gras, Fleischpasteten oder Räucherlachs angeboten werden. Seit acht Jahren ist er Präsident des Detailhandelsverbands von Saint-Louis «Les Vitrines de Saint-Louis, in dem 110 Detailhändler zusammengeschlossen sind.

Wie viele Schweizer Kunden kommen nach Saint-Louis?

Fabrice Renner: Bei Nahrungsmitteln mindestens 20 bis 25 Prozent. In meiner Weinhandlung würde ich sogar sagen 35 Prozent. Von diesen wiederum sind mehr als die Hälfte Ausländer, die in der Schweiz wohnen. Für Kanadier, Australier oder andere Expats spielt die Grenze keine Rolle. Ausserdem befinden wir uns hier  gerade mal einen Kilometer vom Novartis Campus entfernt. Wenn jemand neu ist, zeigen ihm die Kollegen die guten Läden – in der Schweiz, aber auch bei uns. Seitdem der Schweizer Franken so stark ist, kommen allerdings zunehmend mehr Schweizer.

Was sind das für Kunden?

Vorher haben viele Schweizer nur in der Schweiz eingekauft, sind dann aber aufgrund des Wechselkurses ausnahmsweise auch mal in Deutschland gewesen. Die obere Mittelschicht, die sich für Produkte wie Fleisch, Käse, Wein und Brot interessiert, wurde durch unser Können in diesem Bereich angezogen. Bis vor einem Jahr hat man bei mir am Samstag vor allem Englisch gesprochen, jetzt ist es auch viel Deutsch. Samstag gehen die Leute erst auf dem Markt, um Gemüse zu kaufen, machen dann ihre Runde beim Metzger, Käsehandler und Bäcker, bevor sie zu uns kommen.

Wie bedeutend sind die Schweizer Kunden für Saint-Louis?

Sie stellen einen wichtigen Teil der Kundschaft und haben eine hohe Kaufkraft. Für den gleichen Preis erhalten sie in Frankreich Produkte höherer Qualität. Der Schweizer Kunde ist bereit, für eine Flasche Wein 15 Euro zu bezahlen, während der französische findet,  7 oder 8 Euro sind genug.

Das hält man in der Schweiz für ein Gesöff und ist überzeugt, dass das zu diesem Preis kein guter Wein sein kann.

Wir haben für diesen Preis sehr korrekte Weine im Angebot. Es ist mir erst neulich passiert, dass ich regelrecht mit einem Schweizer Kunden kämpfen musste, um ihm einen günstigeren Wein zu verkaufen. Er suchte etwas, um ein Austern-Essen zu begleiten und dachte an einen Sancerre für 20 Euro. Ich war aber überzeugt, dass ein Muskat für 9 Euro besser zu den Austern passen würde. Generell stellt sich doch die Frage, was der angemessene Preis für etwas ist.

Wie meinen Sie das?

Die Bezeichnung von einem Produkt reicht nicht aus. Sie brauchen heute nur zu schauen, was alles als Foie gras, als Stopfleber, verkauft wird. Man will manche Erzeugnisse unbedingt popularisieren, aber daran leidet die Qualität. Ich habe neulich Kaviar zum Einstiegspreis gegessen, aber der ist mit richtigem Kaviar überhaupt nicht zu vergleichen – dazwischen liegen Welten.

Was hat sich beim Weinhandel geändert, seitdem Sie vor 16 Jahren angefangen haben?

Man muss immer dran bleiben. Es reicht nicht mehr, ein Geschäft von morgens um 9 Uhr bis um 19 Uhr geöffnet zu haben. Ich biete pro Monat im Schnitt zehn Abend-Veranstaltungen wie Weindegustationen oder Themenabende wie Weine des Südwesten Frankreichs an. Sie sind sechs Monate im Voraus ausgebucht.

Und was gibt es Neues beim Wein?

Sehr viele Weingüter haben auf Bio umgestellt. In den Anbaugebieten Elsass, Loire, Vallée du Rhône, Langue d’Oc und Jura produzieren von den zehn renommiertesten Weingütern heute neun biologisch oder biologisch-dynamisch.

Warum?

Es gibt mehrere Gründe. Einmal natürlich die Kunden, die Bioweine wollen. Ausserdem ist es eine ganz natürlich Entwicklung. Die Söhne haben die Weingüter von den Vätern übernommen und sie wollen ihren Kindern eine Welt hinterlassen, die weniger mit Umweltgiften belastet ist. Ausserdem sind manche Väter schon drei Jahre nach der Pensionierung gestorben, weil sie so viel mit Pestiziden zu tun hatten oder in der Verwandtschaft gibt es Personen, die auf manche Stoffe allergisch reagieren. Beim Biowein wird nur noch Schwefel und Kupfer verwendet. Etliche Winzer sind in der letzten Zeit aber auf biodynamische Produktion umgestiegen.

Was ist der Unterschied zwischen bio und biodynamisch?

Beim biodynamischen Anbau halten sich die Winzer an den Mondkalender und verwenden neben Schwefel und Kupfer weitere natürliche Pflanzenprodukte wie zum Beispiel Brennnesselsud. Und das funktioniert. Der Unterschied zwischen biologisch und bio-dynamisch produzierten Wein ist dabei grösser als der zwischen biologisch und herkömmlich erzeugtem. Der biologisch-dynamische Wein hat eine grosse Geschmackfülle. Ich selber mache mit bio oder biobiologisch keine Werbung. Ich verkaufe Wein, von dem ich überzeugt bin und als Zückerchen sage ich dann den Kunden, sehen Sie, der ist auch noch bio.

Kaufen Schweizer in Saint-Louis auch andere Produkte als Nahrungsmittel ein?

Das ist schon der grösste Teil. Die Schuhläden und Bekleidungsgeschäfte haben auch Schweizer Kunden, aber weniger. Dabei ist interessant, dass die beiden Schuhgeschäfte und auch die vier, fünf Textilläden alles keine Ketten sind, sondern individuell  geführte Läden, die ihr Angebot unabhängig gestalten und einkaufen. Sie haben sich in den 16 Jahren, die ich hier bin, auch gehalten. Dann gibt es natürlich auch Schweizer, die in Saint-Louis zum Optiker, zum Augenarzt oder Zahnarzt gehen.