Da thront sie auf dem Regal, verführerische Rundungen, rosafarbenes Kunstleder. Eine Dame stellt sich auf die Zehenspitzen, greift nach der Tasche, schwingt sie sich auf die linke Schulter und tritt vor den Spiegel. Drehung links, Drehung rechts. Sieht gut aus. Blick auf das Preisschild: «Oh, nur 25 Franken! Und die ist ja wie neu.»

Es ist halb zwölf Uhr, Sonnenstrahlen tauchen den Secondhandladen Saison 5 am St. Johanns-Ring in warmes Licht. Angie Oetterli sitzt an der Ladentheke und dreht sich eine Zigarette. Für später, irgendwann. Im Moment liegt eine Pause nicht drin. Hinter ihr, im Zwischengang, stapeln sich Blusen, Jupes, Jeans, die darauf warten, sortiert zu werden. Eine Studentin tritt mit einer knallvollen Ikeatasche an die Theke, fragt, ob sie ihre alten Frühlingskleider hier abgeben könne. «Tut mir leid, im Moment haben wir Annahmestopp. Wir platzen aus allen Nähten», sagt Oetterli.

Gegen die Wegwerfgesellschaft

Oetterli und ihre Familie eröffneten «Saison 5» im Dezember 2017. Der Fokus liegt auf Kleidung. In Vitrinen werden aber auch Vintage-Schmuck und Glas- und Kunstobjekte angeboten. Angie Oetterli wechselt sich mit ihrer Mutter und Tochter im Laden ab. Zu den Kunden – meist Frauen ab 30 Jahren – gehören nicht nur Leute aus dem Quartier. Sie kommen aus der Agglo, manchmal sogar aus Bern. «Das Augenspital um die Ecke bringt uns viele Leute», so Oetterli.

Entsprechend stimmt auch der Ertrag: Nach nur anderthalb Jahren hat es «Saison 5» in die schwarzen Zahlen geschafft. «Das ist ziemlich cool», sagt Oetterli. Sie begründet dies auch mit ihrer guten Auswahl; nicht selten finden sich hier Schätze von lokalen Designern wie Raphael Blechschmidt. Sie nehme nur einwandfrei erhaltene Kleidung in Kommission. Aber das sei eh meist der Fall: «Viele Sachen wurden vielleicht ein Mal getragen, wenn überhaupt. Oftmals ist sogar noch das Preisschild dran.»

«Saison 5» kann sich vor Anfragen kaum retten.

   

Das muffig-schmuddelige Öko-Image, das Secondhandläden lange anhaftete, ist Vergangenheit. Während früher vor allem einkommensschwache Leute die Kleiderbörsen aufsuchten, um günstig zu einer Garderobe zu kommen, zeigt sich heute eine heterogene Kundschaft in den entsprechenden Läden. Sie könnten sich Klamotten aus erster Hand leisten, doch treibt sie der Gedanke an, ihren Konsum von Kleidern aus erster Hand zurückzuschrauben, um die Umwelt zu schonen und ein Statement gegen die Wegwerfgesellschaft zu setzen. Denn das Geschäft mit Mode gehört zu den schmutzigsten Industrien überhaupt (siehe Box unten).

Nichts gegen Konkurrenz

In Basel findet sich heute eine Vielzahl an aufwendig möblierten und gut sortierten Geschäften. Und nicht nur Oetterli von «Saison 5» kann sich vor Kunden kaum retten. Auch bei «Bonnie und Kleid» in der Spalenvorstadt läuft es hervorragend. Inhaberin Michele Wholey Jucker zog im vergangenen Oktober von der Mülhauserstrasse hier ein.

Die Kundinnen rennen ihr die Türen ein, es fehlt ihr nie an Ware, obschon sich ihr Geschäft über drei Räume verteilt – inklusive Platz für Herrenmode: «Ich glaube, das liegt daran, dass die Leute nicht mehr mit dem Mainstream gehen wollen. Sie suchen nach Unikaten, die ihre Individualität unterstreichen.» Sie selber habe Secondhand immer gemocht; «zu Kindheitstagen zog ich mit meinem Daddy über die coolen Londoner Märkte und lernte zu feilschen.»

Die Liebe zu Secondhand sei auch der Grund gewesen für den Entscheid, einen Laden zu eröffnen, so Wholey weiter. Sie zählt Teenies bis hin zu älteren Damen zu ihrem Publikum, wovon die älteste 94 Jahre alt sei. «Vor allem aber die Jungen sagen mir, dass sie nur noch Secondhand kaufen, um dem gängigen Konsumverhalten und der Massenproduktion entgegenzuwirken. Sie haben genug vom Überfluss.»

Nachhaltigkeitsgedanke

Das hat auch Isabelle Kössler in den vergangenen Monaten immer öfter festgestellt: Ihre Mutter Anna Kössler eröffnete vor 20 Jahren in Dornach die Secondhandboutique Anna K.: «Wir profitieren heute davon, dass das Modekarussell immer schneller dreht: Damit die Kundinnen ihr schlechtes Gewissen beruhigen können, weil sie jede Saison neue Kleider kaufen, bietet sich die Abgabe im Secondhandgeschäft an.» Aber auch der Nachhaltigkeitsgedanke setze sich zunehmend in den Köpfen fest, «wir, also die Gesellschaft, können es uns einfach nicht mehr leisten, Kleider in den Abfall zu werfen».

Bei Anna K. First- and Secondhandfashion am Rümelinsplatz finden sich immer wieder Schätze

   

Der Laden Anna K. gehört neben Silvia Freivogel an der Missionsstrasse in Basel, die ihren Laden erst kürzlich an eine langjährige Kundin abgegeben hat, zu den Ersten in der Region Basel, die dem Geschäft mit Kleidern aus zweiter Hand ein schickes Image verpassten. Und obschon mit dem Lauf der Jahre immer mehr Konkurrenzläden aufgepoppt sind, laufe das Geschäft ausserordentlich gut, so Kössler: «Wir freuen uns über jede gut geführte Boutique, die indirekt auch Werbung für uns macht und neue Secondhand-Fans bringt. Zudem hat ja kein Laden dasselbe Sortiment.»

Neben Dornach sind mit den Jahren zwei weitere Filialen von Anna K. dazu gekommen, in Riehen (2010) und in Basel (2014). Besonders in letzterem Lokal verzeichne sie sehr gute Umsätze, so Kössler: «Basel ist ein unglaublicher Erfolg, wir können uns kaum retten vor Bring- und Kauf-Kundschaft.» Hier würde auch ein kleines Sortiment an Herrenbekleidung angeboten. Allerdings seien Männer selten bei Anna K. zu sehen.

Die Preise steigen an

Tatsächlich ist das Geschäft von Anna K. am Rümelinsplatz in Basel am Morgen unseres Streifzugs sehr gut besucht. Zwei ältere Frauen stehen neben der Schaufensterauslage und beäugen ein paar schwarze Prada-Pumps aus Lackleder. Im hinteren Teil des Geschäfts stöbert eine andere durch einen Ständer mit edlen Blusen. Daneben Taschen von Gucci und Mulberry.

Wahre Schätze, aber auch stolze Preise: 250 für das Gucci-Teil, 600 Franken für Mulberry. «Ja, mit den vergangenen Jahren sind die Preise deutlich angestiegen», sagt eine Verkäuferin eines Secondhandgeschäfts in Basel, die namentlich nicht genannt werden möchte. «Das ist doch immer so: Ist die Nachfrage gross und das Angebot knapp, steigen die Preise.»

Dass dem so ist, belegen auch die Zahlen der Eidgenössischen Steuerverwaltung zu den Gesamtumsätzen mit Gebrauchtwaren in der Schweiz, zu denen auch das Geschäft mit gebrauchter Kleidung zählt (siehe Grafik links). Zwar zeigt sich gegen Ende der Kurve im Jahr 2015 eine gewisse Abschwächung, doch in den vergangenen drei Jahren dürfte die Tendenz wieder steigend gewesen sein – so die Schätzung verschiedener Experten.

Auch bei «Bonnie und Kleid» zahlt man nicht selten 50 Franken für eine getragene Bluse oder 90 Franken für ein Kleid. Dazu sagt Wholey, dass sich in ihrem Laden viele hochwertige Teile mit Seide, Leinen oder Merinowolle von hoher Qualität finden. «Möglichst wenig umweltschädliches Polyester, das ist meine Linie. Damit gewinne ich immer wieder Kundinnen dazu.» Ausserdem sollte man ein Kleidungsstück nicht allzu sehr abwerten, nur weil es aus zweiter Hand, aber noch so gut wie neu sei.

Tiefer angesetzt ist das Preissegment derweil bei «Chemiserie +» an der Klybeckstrasse im Kleinbasel, eröffnet im April 2017. Inhaberin Kimberly Wichmann sagt, bei der Wahl ihrer Kleider sei gutes Material und der Stil wichtiger als die Marke: «Das Teil muss zu meinem Sortiment passen», sagt sie. Männer und Frauen finden hier farbenfrohe, verspielte und auch sportliche Kleidung und Accessoires.

Wichmanns Kundschaft ist enorm durchmischt, wie sie sagt: «In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich das Sozialamt und das «Planet 13», eine Anlaufstelle für Asylsuchende.» Ansonsten zählten Frauen zwischen 25 und 55 Jahren zu ihrer Stammkundschaft. Vermehrt kommen aber auch junge Erwachsene zur «Chemiserie +»: «Diese Entwicklung macht besonders Spass, da ich dann und wann schon mithören könnte, wie die Jungen ihre Eltern ermutigen, Secondhand zu kaufen, weil das in Sachen Nachhaltigkeit besser für unsere Umwelt sei», erzählt Wichmann. Vor allem dieser ressourcenschonende Aspekt habe sie zum Schritt bewogen, ein Secondhandgeschäft zu eröffnen. «Die Idee entstand am Ende eines langen Surftrips, als ich in Kalifornien mit dem Verkaufsmodell ‹Buy, sell trade› in Berührung kam.»

Profitieren vom Überfluss

Anders als die Konkurrenz, die Teile von der Bringkundschaft in Kommission nimmt, zahlt Wichmann für ein gebrachtes Stück bar auf die Hand – oder aber man erhält einen Tauschkredit, der höher bewertet ist als die Barzahlung, und kann sich damit etwas bei der «Chemiserie+» kaufen.

Noch würden die meisten das Bargeld dem Tausch-Guthaben vorziehen, «aber ich hoffe darauf, dass sich das bald ändert. Mit steigender Bekanntheit häufen sich die Kleider auch hinter den Kulissen.» Von einem Annahmestopp, der zurzeit nicht nur bei Angie Oetterli von «Saison 5», sondern auch bei «Bonnie und Kleid» herrscht, sieht sie dennoch ab.

Da shoppt auch das Auge gerne mit: Bonnie und Kleid an der Spalenvorstadt.

   

Die Zigarette ist fertig gedreht. Jetzt macht sich Oetterli daran, einen Stapel bunter Sommerkleider auszusortieren. Alle von derselben Dame, Grösse XL, «das ist gut, die haben wir selten». Die Teile sehen aus wie neu. Sie selbst kaufe schon lange nicht mehr neue Kleidung ein, «als Teenie war ich eine zeitlang ziemlich kaufsüchtig, ging fast täglich in den H&M, aber das ist längst vorbei.»

Oetterli hofft auf ein Umdenken der Leute, nicht nur, damit der Umsatz stimmt: «Es ist höchste Zeit, weil das für die Umwelt wichtig ist.» Andererseits müsse sie sich aber eingestehen: «Unser Laden läuft auch nur so gut, weil es ebendiesen Überfluss gibt. Sonst gäbe es niemals genug Ware.»