Kunstmuseum Basel

In 45 Minuten durchs 19.Jahrhundert

Wir erfen einen allererster Einblick in die komplett neu gehängte Sammlung im Kunstmuseum Basel. Vizedirektorin Nina Zimmer hat den ersten Stock fast komplett neu gestaltet.

Auch der Altbau ist neu. Zwar ist jetzt das Scheinwerferlicht auf den Kunstmuseums-Neubau gegenüber gerichtet, auf dessen trutzige Architektur, auf die zusätzlichen Räume, auf die grossen Spezialausstellungen, die fortan hier stattfinden werden. Aber ist es nicht fast so aufregend, dass nun nach Jahrzehnten der alte Hauptbau komplett anders eingerichtet sein wird? Dass die Böcklins und Monets, die Van Goghs und die Caspar Wolfs nicht mehr hängen, wo sie gewöhnlich seit den ersten Primarschul-Museumsführungen gehangen haben, sondern an einem anderen Ort neu zu entdecken sind?

Noch traumhafter ist es nur noch, diejenige zu sein, die das Kunstmuseum selber neu einrichten darf. Vizedirektorin Nina Zimmer, zugleich Leiterin der Abteilung 19. Jahrhundert und Klassische Moderne, hatte dieses Vergnügen. Sie durfte den ersten Stock fast komplett neu gestalten. Und sie hat ihn auf den Kopf gestellt, hat ein ganzes Jahrhundert um 180 Grad gedreht, hat manches im Depot verschwinden, manches auftauchen lassen.

Ein ewig flüssiges Bild

Erst eilen wir durch die Alten Meister. Hier habe ihr Kurator-Kollege Bodo Brinkmann «etwas andere Schwerpunkte gesetzt». Wenige Minuten und zugleich Jahrhunderte später halten wir kurz inne, bevor Nina Zimmer im nordwestlichsten Flügel die letzte Tür aufstösst. Von hier an ist alles anders. Statt des harten Schnitts, des sprungartigen Übergangs zu den Impressionisten, bieten nun zwei Meister des auslaufenden 18. Jahrhunderts eine chronologisch logische Brücke zum 19. Jahrhundert: statt wie früher Van Gogh und Monet, hängen im Eckraum 20, im ersten Stock über dem Museumseingang, nun raffinierte Landschaften von Caspar Wolf und melancholische Menschen von Johann Heinrich Füssli.

Auch Jugendlichen mit einer Vorliebe für schicke Vampire dürften die Gemälde des romantischen «wild Swiss», wie die Engländer Füssli auch nennen, gefallen. Das anziehendste Bild im Raum ist sein «Romeo am Totenbett der Julia». In tiefstes Schwarz sind die beiden Shakespeare-Figuren getaucht. Pechschwarz. Füssli habe tatsächlich Teer verwendet, erklärt Nina Zimmer, und Teer trockne nie. «Das Bild ist immer noch flüssig.» Die Farbe bewege sich in minimaler Geschwindigkeit. Ein Dauerpatient der Restauratoren? «Man muss ein Auge darauf behalten.»

An derselben Stelle rechts von der Tür hängt auch im nächsten Raum ein Shakespeare-Motiv, «Macbeth und die Hexen» von Joseph Anton Koch. Tatsächlich hätten im 19. Jahrhundert neue Bildstoffe ganz allmählich die Motive der christlichen Ikonographie abgelöst. Statt auf die Bibel bezogen Maler sich nun sehr oft auf grosse Literatur, auf Shakespeare. Die Hexen beschwören Macbeth, im Hintergrund kommt ein Sturm auf und auf dem Bild nebenan bricht der Vesuv aus – gemalt von Michael Wutky, um 1796.

Gegenüber von Macbeth hängt ein vergleichsweise ruhiges Landschaftsbild, Berg und Bergsee. Hier hing vor dem Museumsumbau noch Paul Gauguins «Nafea faa ipoipo», ein Meister- und ein Lieblingswerk der Besucher. Das Gemälde ist nun, wie die weiteren 17 Leihgaben der Sammlung Staechelin, fort. Ein katarischer Scheich soll es Ruedi Staechelin für 300 Millionen Dollar abgekauft haben. Damit wäre die Nafea nun das teuerste Bild der Welt. Sie fehlt.

Doch schon der nächste Raum bietet Trost. Ein Saal für Böcklin. Helles Tageslicht, das vorher den Impressionisten vorbehalten war, lassen die Farben ganz neu leuchten: Die Meeresschaumkronen im Spiel der Nereïden, Böcklins üppigen Nixen; die Wolken, die sich hinter den kämpfenden Kentauren türmen; und auch die weisse Figur im Nachen vor der Toteninsel leuchtet gespenstisch im Abendlicht. In diesem helleren, eigenen Raum kommen Böcklins emotionale, kräftige Werke stärker zur Geltung als zuvor im dunkleren Rundgang.

Könnte man doch in diesem Raum verweilen. Aber wir müssen weiter durchs 19. Jahrhundert, Nina Zimmer ist wenige Tage vor der Eröffnung und wenige Monate vor dem Antritt des neuen Jobs als Überdirektorin der beiden grossen Berner Kunstmuseen superbeschäftigt.

Spiegelverkehrt, ziemlich genau gegenüber ihrer früheren Räume, hängen sie nun, die Impressionisten, Postimpressionisten und Zeitgenossen. Monet, Van Gogh, Cézanne, Pissaro, Corot; Degas, Gauguin, Odilon Redon. Degas Jockey blessé haut es nun neben einem Portrait von Renoir vom Pferd. Beides Bilder mit einem «offenen Farbauftrag», sagt Nina Zimmer zur überraschenden, neuen Kombination.

Endlich auch eine Frau darunter

Einen schweren Schlüsselbund in der Hand, schliesst und öffnet die Vizedirektorin ständig Türen. Das gebietet das strenge Sicherheitskonzept. Denn noch bauen Arbeiter Aufhängevorrichtungen, packen Werke aus, messen die richtige Höhe für die Bildbeschriftungstafeln aus. Vor allem im Ostflügel des Rundgangs sind noch ganze Wandstücke frei. Gegenüber, im Westen, erheben sich die Alpen. Das Rosenlauital mit dem Wetterhorn, 173.5 auf 239 Zentimeter. Wie der «Urnersee» nebenan lagerte es im Depot. Jetzt hat Nina Zimmer für Calames Werke zwei Plätze gefunden. Genauso wie für ein von Emilie Linder gemaltes Portrait einer Baronin. «Das haben wir extra restauriert.»

Endlich eine Malerin des 19. Jahrhunderts! Eine von nur zweien. Immerhin. Vor der Neuhängung war keine da. «Im 19. Jahrhundert hatten Frauen noch keinen Zugang zu einer künstlerischen Ausbildung», erklärt Nina Zimmer. Linder habe den neuen Ehrenplatz im Kunstmuseum doppelt verdient. Nicht nur, weil sie eine sehr gute Malerin sei, sondern auch weil sie dem Museum im 19. Jahrhundert eine ganz wichtige Mäzenin gewesen sei.

Eine besondere Neuerung liegt jetzt noch im Dunkeln, der Raum ist noch nicht eingerichtet. Doch im unteren Stock bekommen Schweizer und Basler Künstler nun ihren festen Platz. Lenz Klotz und Niklaus Stoecklin etwa. Es sei hart für die nationalen Künstler, wenn die Stadt sich auf internationale Kunst konzentriere. Nun können sie ein wenig Boden wettmachen.

Schon nach 45 Minuten scheint die neue Hängung die richtige zu sein. Bald dürfte die alte in Vergessenheit geraten. Und der angehende Museumsdirektor Josef Helfenstein kündet ohnehin etwas mehr Abwechslung an. Und was ist gar nicht mehr da, was hat Nina Zimmer im Depot verschwinden lassen? «Das müssen Sie selber herausfinden!»

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