Es gehen immer weniger Leute in die Kirche. Frau Südbeck-Baur, wieso verliert die Religion an Bedeutung im Alltag?

Eva Südbeck-Baur: Das hat unterschiedliche Gründe. Einerseits wird der religiöse Glauben innerhalb der Familie nicht mehr in solchem Ausmass wie früher weitergegeben. Religiöse Riten werden zu Hause immer weniger praktiziert und verlieren sich. Andererseits suchen die Menschen heute ihren Sinn und ihre Religion weniger bei Institutionen wie zum Beispiel einer Kirche. Die Religion wird immer individueller.

Trotzdem spitzt sich die Situation zwischen den Religionen immer weiter zu. Die Religion wird in der Politik zu einem heiklen Thema.

Aus dem Ausland hören wir viel von gewaltsamen, religiös bedingten Konflikten und haben Angst, dass dies hier in der Schweiz auch so werden könnte. Religion wird dem verweltlichten Teil der Bevölkerung immer fremder. Und auf Fremdes reagiert der Mensch mit Neugierde oder Angst. Woher soll man wissen, welche religiöse Gemeinschaften zu den Friedfertigen gehören und welche nicht? Aus Angst kann dann auch Unrecht geschehen, nämlich wenn einzelne Personen auf Ihre Religion reduziert werden. Häufig wird auch nur eine Sichtweise berücksichtigt. Wenn zum Beispiel Christen einen Krieg führen, denken wir nicht an einen religiös motivierten Konflikt. Andere Religionen schon.

Wie sieht die Situation in den beiden Basel aus? Gibt es Konflikte zwischen den einzelnen religiösen Gemeinschaften? Oder hilft man sich gegenseitig?

Zwischen den einzelnen Religionen gibt es in Baselland und Basel-Stadt keine grossen Konflikte. Wenn zum Beispiel Christen gezielt bei Muslimen missionieren, müssen klärende Worte gesprochen werden. Es gibt auch vereinzelt Situationen, wo das Verhalten religiöser Gruppen in der Umgebung Ängste auslöst. Wenn in der Stadt Korane verteilt werden, dann ist das nicht verboten. Aber die Religions-Gemeinschaften müssen sich anpassen, etwas diskreter vorgehen. So wächst das Vertrauen der Bevölkerung. Der Staat übt dort seine Rolle ebenso vorbildlich aus, indem er bei heiklen Themen schon im Vorfeld alle Seiten anhört und so möglichen Konflikten aus dem Weg geht.

Sie sprechen immer von der Bevölkerung, die Konflikte mit den Religionen hat. Zwischen den Religionen gibt es keine?

Zwischen der Bevölkerung und der Religion herrscht der grösste Klärungsbedarf. Da müssen Kantone und Schule handeln. Konflikte zwischen den einzelnen Religions-Gemeinschaften werden für gewöhnlich im Dialog gelöst. Wenn es wirklich Streit gibt, dann am ehesten zwischen verschiedenen Gruppierungen innerhalb einer Religion.

Was versprechen Sie sich von der Woche der Religionen?

Es soll öffentlich sichtbar sein, dass sich viele für den religiösen Frieden engagieren. So sieht die Bevölkerung auch, dass man Lösungen findet, wenn man zusammenarbeitet. Dies versuchen die religiösen Gemeinschaften das ganze Jahr über – während der Woche der Religionen ist diese Arbeit publik. Zusätzlich soll der Anlass auch den Menschen die Möglichkeit geben, Fragen zu stellen und Diskussionsbedarf zu klären.

Wie muss sich die Religion weiterentwickeln, um noch zeitgemäss zu bleiben?

Die religiösen Institutionen müssen im aktiven Austausch mit ihrem Umfeld sein. Sie dürfen sich keinesfalls abkapseln und zurückziehen. So finden Lernprozesse statt, die in eine friedliche Zukunft mit der Gesellschaft führen. Alle Religionen haben das Potenzial, sowohl fortschrittlich als auch konservativ zu agieren. Beides hat, wie die in der Gesellschaft, seinen Platz.