Vermögen

In beiden Basel: Millionen-Gelder suchen ihre Besitzer

Mehrere Millionen Franken Nachlassvermögen fielen 2019 den beiden Basel zu – weil niemand das Geld abholte.

Mehrere Millionen Franken Nachlassvermögen fielen 2019 den beiden Basel zu – weil niemand das Geld abholte.

Wenn jemand Vermögendes stirbt, aber keine Erben da sind, müssen die Behörden auf die Pirsch – auch mit unkonventionellen Methoden.

Das gibt es selten. Der Staat will Geld loswerden. Geld, das sonst ihm gehört – wenn er die Besitzer nicht finden kann. Möglich macht das der Tod. Fehlen die Erben, fliessen Nachlässe in die Staatskasse. Die Behörden müssen versuchen, das abzuwenden. Die Erbensuche gestaltet sich jedoch nicht selten schwierig. Sind die zuständigen Stellen einigermassen verzweifelt, greifen sie zur letzten Möglichkeit: Sie publizieren einen Erbenaufruf.

Das hat im Dezember etwa das Bezirksgericht Hinwil getan. Es schaltete sogar eine Anzeige in der «Basler Zeitung». Die verstorbene Evelyn Bartlin lebte in Wetzikon und hatte weder Kinder noch Geschwister. In solchen Fällen geht das Erbe an die Nachkommen der Grosseltern – doch die Seite des Vaters war unbekannt. Da Bartlin 1928 in Basel geboren wurde und Basler Bürgerin war, steckte das Gericht alle Hoffnungen in besagtes Zeitungsinserat. «Die Nachkommen der Grosseltern väterlicherseits», steht da geschrieben, «werden hiermit aufgefordert, sich innert Jahresfrist von der Veröffentlichung dieses Aufrufs an beim Bezirksgericht zu melden.»

Welcher Betrag den Erben winkt, gibt das Gericht nicht bekannt. Klar ist aber: Meldet sich in den zwölf Monaten niemand, «muss» der Staat erben. Dafür gibt es einen hübschen Begriff: Der Staat ist dann Noterbe.

Wenn das Inserat das halbe Erbe auffrisst

Je nach Kanton ist die Aufgabe, Erben zu ermitteln, anders geregelt. In Basel-Stadt schreitet das Erbschaftsamt ein. Die Vorsteherin Alessandra Ceresoli erläutert das Vorgehen: «Wir kontaktieren in solchen Fällen zuerst den Bürgerort der verstorbenen Person.»

Bei Ausländern müssen die Zivilstandsdaten anderweitig beschafft werden, etwa über die jeweilige Botschaft. Fruchtet alles nichts, kommt es zum Erbenaufruf. 17 solche Aufrufe hat das Erbschaftsamt im vergangenen Jahr veröffentlicht, in der Regel in einem Amtsblatt. «Zeitungsinserate», sagt Ceresoli, «sind das letzte Mittel.» Was wo publiziert wird, liegt in Ceresolis Ermessen. Eine Untergrenze, ab wann überhaupt gesucht wird, gebe es keine. «Wir schauen jeden Fall einzeln an.»

Im Baselbiet ist die Zivilrechtsverwaltung für Erbaufrufe zuständig. Sie teilt mit, sie veranlasse rund 10 bis 20 Erbaufrufe pro Jahr – eine tiefe Zahl bei jährlich regelmässig rund 2500 Nachlassfällen. Als Kanal werde «grundsätzlich das Amtsblatt gewählt», manchmal zusätzlich ausserkantonale oder ausländische Amtsblätter. Von einer Publikation in Tageszeitungen sehe man im Regelfall ab, fügt die Amtsstelle an, «aufgrund der hohen Kosten (die letztlich niemand bezahlen möchte)».

Wenn der Profi verlorene Erbschaften jagt

Dass die Ämter erfolglos bleiben, kommt immer wieder vor. Und das schenkt ein. 2018 durfte Basel-Stadt 0,6 Millionen Franken noterben, 2019 sogar 2,3 Millionen, auch Liegenschaften waren dabei. Im Baselbiet sind die Beträge ähnlich hoch. Der Kanton nahm 2019 total 0,3 Millionen Franken ein, 2018 waren es zwar nur ein paar tausend Franken – doch 2017 immerhin eine Viertelmillion. Dabei handelt es sich jedoch «nur» um die Hälfte der ledigen Erbschaften im Baselbiet: Die anderen 50 Prozent gingen an die Gemeinden.

Neben Gerichten und Ämtern gehen auch Firmen auf Erbensuche. Die älteste ihrer Art in der Schweiz ist Aicher Genealogie + Erbenermittlung mit Sitz in Dietikon und Zweigstelle in Berlin. Inhaber Manuel Aicher sagt zur bz, aus den beiden Basel habe er «nur gelegentlich Fälle» – gerade das Basler Erbschaftsamt erledige sehr vieles selber. Von den rund einem Dutzend Fälle, die seine Firma pro Jahr bearbeite, stammten die meisten aus Kantonen mit interessanter – das heisst: internationaler – Klientel, also Zürich, Zug, Waadt, Genf.

Das Büro Aicher ermittelt auch auf Auftrag. Meist wird es aber selber aktiv. Kann es Erben ausfindig machen, erhalten sie eine Offerte. «In der Regel schlagen wir als Beteiligung zwischen 10 und 30 Prozent des Erbes vor, je nach Aufwand», sagt Aicher. Erst, wenn die Zusage vorliege, leite es die weiteren Schritte ein, damit das Vermögen nach Hause findet. Das Büro ist weltweit unterwegs. Die Grundrecherche kann aber schon in der Schweiz erledigt werden – via Melderegister, Einwohnerkontrolle, Adressbücher, Sterbeanzeigen.

Der wohl bekannteste Fall, bei dem Manuel Aicher mitwirkte, war der von Nina Kandinsky. Die Witwe von Wassily Kandinsky starb 1980 in Gstaad. Trotz internationalem Ermittlerkonsortiums gelang es nicht, alle Erben zu finden. Deshalb fielen zig Millionen an den französischen Staat. Nina Kandinsky war in Frankreich angemeldet.

Gut möglich, dass auch beim Erbe von Evelyn Bartlin der Staat zum Zug kommt. Das Bezirksgericht Hinwil sagt auf Anfrage, es habe sich noch niemand gemeldet. Doch es bleibe ja noch etwas Zeit.

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