Es ist ein kräftiger Handschlag, mit dem Justin Graf seine Gäste begrüsst: der selbstbewusste Händedruck eines jungen Mannes, eines Schwergewichtboxers. Mit seinen muskulösen Armen macht er eine entschuldigende Bewegung: «Ich kann leider nicht aufstehen.» Er zeigt dabei auf seinen Rollstuhl, der genauso wenig zu ihm passt wie sein graues Haar. Graf hat eine hünenhafte Statur und selbst im Sitzen sieht man ihm seine aussergewöhnliche Grösse an. Besonders aber sein wacher Blick verrät nicht, dass er mittlerweile bereits 90 Jahre alt ist. Vorsichtig hält er ein Bild in seinen riesigen Händen, das seine Augen leuchten lässt, wie die eines kleinen Jungen: Vor ein paar Wochen hat er sich in der «bz Basel» wiedererkannt – auf einem Foto aus den 40er-Jahren.

In den 40er Jahren kämpfte Graf (ganz links im Bild) neben Boxlegende Hans Müller (zweiter von links) im Basler Stadtcasino.

In den 40er Jahren kämpfte Graf (ganz links im Bild) neben Boxlegende Hans Müller (zweiter von links) im Basler Stadtcasino.

Es zeigt den Boxclub Basel kurz nach seinem Sieg über seine Zürcher Gegner im Basler Stadtcasino. «Natürlich haben wir gewonnen!», sagt er vergnügt und strahlt mit seinem jugendlichen Abbild um die Wette. Sein letzter Kampf ist fast 70 Jahre her, doch für Graf fühlt es sich an, als wäre er erst gestern noch im Ring gestanden. Und wer ihm bei seinen Erzählungen von damals zuhört, und ihn mit seinen Pranken gestikulieren sieht, der kann sich gut vorstellen, wie er seine Rivalen damals niedergestreckt hat. Dabei wollte Graf eigentlich gar nie Boxer werden: «Der Gedanke, meinen Mitmenschen wehzutun, war mir immer zuwider.»

Boxer wider Willen

Es war nicht sein sanftes Naturell, sondern seine eindrückliche Kraft, die ihn zum Kämpfer prädestiniert hat: Als er zehn Jahre alt war, zersprang der Druckmesser seines Schularztes glatt in seiner Hand. Graf begann damit, sich in der Leichtathletik einen Namen zu machen. Bald schon war dem jugendlichen Kraftprotz das Diskuswerfen zu wenig: Wenn er nicht gerade in der Schule war, war er auf der Suche nach neuen sportlichen Herausforderungen.

Das war es auch, das ihn zum ersten Mal in die Trainingshalle des Basler Boxclubs lockte: «Ich habe von Anfang an klar gestellt, dass ich nur trainieren will, und nie in den Ring steigen werde», erzählt er. Dafür war Graf aber zur falschen Zeit am falschen Ort: Bereits mit zarten 17 Jahren überragte er all seine Kollegen um mindestens einen Kopf. Der Club, der schon seit längerer Zeit auf der Suche nach einem neuen Schwergewichtboxer war, sah in Graf all seine Hoffnungen auf ein neues Talent bestätigt, und liess den Hoffnungsträger mit seiner gewaltfreien Devise nicht davonkommen: «Eines Tages entdeckte ich meinen Namen auf einer Plakatsäule. Ganz Basel wusste von meinem ersten Kampf, bloss ich nicht», erzählt er.

Heute kann er darüber herzhaft lachen, zu Beginn seiner Karriere aber war das Lampenfieber gross: Wenn in den 40er-Jahren im Stadtcasino gekämpft wurde, waren die Zuschauerränge jeweils bis auf letzten Platz besetzt. Boxen war ein Volksspektakel und die Helden im Ring brachten es schnell zu schweizweitem Ruhm. Einer der Publikumslieblinge von damals war der Basler Hans Müller, dessen berühmter rechter Haken ihm den Übernamen «K.O. Müller» eingebracht hat. Noch heute gilt er für viele als der beste Schweizer Boxer aller Zeiten. «Da ist er ja, der Hans!», ruft Graf und zeigt auf das Bild: «Hier steht er direkt neben mir. Gegen ihn geboxt habe ich aber nie. Er war ja ein Halbschwergewicht.» Ein Idol war der viel ältere Müller dennoch für den jungen Graf, der schnell begann, die Ambitionen seiner Trainer zu teilen. Mit 19 Jahren schlug er den amtierenden Schweizer Meister in drei Runden K.O., und auch der damalige französische Armeemeister im Boxen ging unter Grafs Fäusten schnell zu Boden.

Seine Sanftmut, die ihn anfänglich vom Boxen abgehalten hatte, kam ihm nun zugute: «Ich war wahnsinnig flink. Weil ich sonst aber so ruhig war, haben meine Gegner das nie von mir erwartet». Den Überraschungseffekt auf seiner Seite, konnte Graf mit Wucht zuschlagen – und gewinnen. Man sieht ihm an, dass er auf seine glorreichen Siege heute noch stolz ist. Ganz geheuer waren sie ihm damals aber nicht: «Jedes Mal, wenn ich meine Gegner so am Boden liegen sah, musste ich daran denken, dass das beim nächsten Mal ich sein könnte». So weit kam es nie. Graf blieb während seiner ganzen Boxlaufbahn ungeschlagen. Das lag aber nicht nur an seinem Talent, sondern auch daran, dass er seine Karriere schon sehr früh, mit 21 Jahren, beenden musste.

Der einzig wahre Sieg

Niedergestreckt wurde er schliesslich von einer Frau. Anders als im Ring konnte er in der Liebe sein Gegenüber nicht mit seiner Offensive beeindrucken: «Ich war damals sehr schüchtern. Mit dem ersten Kuss hat sie mich völlig überrumpelt», sagt er. Die junge Dame, bei der der Starke schwach geworden war, wurde später seine Frau. So problemlos, wie seine Medaillen gewann er ihr Herz allerdings nicht: «Als ich mein Rösli kennen gelernt habe, machte sie mir klar, dass sie keinen Boxer heiraten wird.» Dass sie aber ihn heiraten soll, das stand für Graf fest. Also hängte er, ohne zu zögern, für seine grosse Liebe die Boxkarriere an den Nagel. Sehr zum Leidwesen seiner Trainer: Der ganze Verein habe damals um seinen einzigen Schwergewichtler gekämpft, doch dessen Liebe zu Rösli war stärker. Sogar seine Trophäen und Boxhandschuhe liess er von ihr bereitwillig verschenken: Später würden es ohnehin nicht die Erinnerungen an seine Zeit als Boxer sein, die ihm am wertvollsten sind, sondern die an seine Frau.

Wenn er das Bild seiner jungen Verlobten ansieht, das heute auf seinem Nachttisch steht, trägt er noch immer das Lächeln eines verliebten Jugendlichen. Mit Rösli konnte er sein, wer er wirklich war: nicht der knallharte Boxer, sondern der zarte, friedliebende Mensch. Er nutzte seine Kraft nach der Hochzeit als Schreinermeister, und seinen eisernen Willen, um einen eigenen Betrieb auf die Beine zu stellen. Doch im Leben war er kein Einzelkämpfer: «Ohne meine Wunderfrau hätte ich das alles nie geschafft.» Dass es einzig sein sportliches Talent und nie eine streitlustige Natur war, die Graf zum Boxen brachte, zeigt auch, dass die beiden während ihrer ganzen Ehe nur einmal gestritten haben: «Das einzige Geheimnis für so ein glückliches Leben, wie wir es hatten, ist die Liebe», davon ist er überzeugt.

Stark wie eh und je

Und die Liebe ist immer noch gross, auch wenn Rösli nicht mehr bei ihm ist. Vor sechs Jahren ist sie verstorben: «Ich denke jeden Tag an sie, und jedes Mal rührt es mich wieder zu Tränen», sagt Graf. Die Trauer spricht aus seinen Augen, doch Graf ist ein dankbarer Mensch: Dankbar für ein Leben mit seiner grossen Liebe. Und dankbar für seine Gesundheit und Kraft, die ihm bis heute geblieben ist. In den letzten Jahren vor dem Tod seiner Frau, konnte sie, die ihm ein Leben lang eine Stütze gewesen war, auf seine starken Arme zählen: «Als sie nicht mehr gehen konnte, habe ich sie durch die Wohnung getragen», erzählt Graf. Seine Muskelkraft für andere, statt gegen sie einzusetzen, das war ihm trotz seines Erfolgs als Boxer immer wichtig.

Dass er das auch heute noch kann, darauf ist er stolz: «Als ich in der Blüte meiner Boxzeit war, wog ich 160 Kilo. Heute bin ich noch ganz genauso schwer, und auch immer noch so stark», sagt er. Meist ist er in der hauseigenen Werkstatt des Altersheims anzutreffen, wo er kurzerhand selbst schnitzt, was gerade benötigt wird. Und auch in der Backstube ist man froh um die zwei kräftigen Hände, die locker acht Kilo Teig kneten können. Man sieht es dem Rentner an, dass er froh darüber ist, auch in den letzten Jahren seines Lebens noch an allen Ecken und Enden gebraucht zu werden. An seine Zeit als Boxer denkt Graf gerne zurück – es sind Erinnerungen an eine aufregende Jugendzeit. Doch im Rückblick auf sein Leben ist ihm klar: Seine kräftigen Pranken waren immer die Hände eines Helfers und nicht die Fäuste eines Kämpfers.