Eine Weinschenke war drin, dann eine Metzgerei. Die Söhne des Hausbesitzers bekamen Krach und zogen eine Wand durch das Lokal. Seither gibt es zwei Läden im Doppelhaus Spalenvorstadt 21 und 23. Einer ist eine Papeterie. Und das schon seit weit über 100 Jahren. Wann das Geschäft eröffnet wurde, weiss niemand mehr so genau. Geändert wurde seither kaum etwas. Die Holzregale sind dieselben, der Ölofen ist nicht der jüngste, und das Ehepaar hinter dem Tresen wäre längst pensioniert.

Trotz aller Nostalgie: Bianca und Jürg Humbel gehören nicht zu den Menschen, welche die Vergangenheit konservieren, weil sie die Gegenwart scheuen. Es ist vielmehr so, dass sie als Gründungsmitglieder der IG Spalenvorstadt dafür sorgen, die Strasse vor dem Spalentor in eine gute Zukunft zu führen. Auch innerhalb der eigenen Wände mangelte es nicht an Ideen. Die Kunden rebellierten jedoch stets, wenn Bianca Humbel den Laden renovieren oder neue Regale einbauen wollte. Und als der Tag kam, an dem die beiden zu Rentnern wurden, rebellierten die Kunden erneut.

«Wir hätten Morddrohungen, wenn wir schliessen würden. Ausserdem haben wir den Plausch», sagt Jürg Humbel. Seine Frau ergänzt: «Du sagst seit Jahren, noch zwei Weihnachten, dann hören wir auf, aber das wirst du bestimmt noch lange sagen.» Jürg Humbel kann nicht aufhören. Er hat eine Mission zu erfüllen. Die Leute sollen vermehrt in die «Spale» kommen; zum Flanieren, Einkaufen, Schlemmen.

Als «Aussenminister» der IG Spalenvorstadt, die neu ein Verein ist, ist Humbel derzeit im Gespräch mit Vertretern angrenzender Quartiere. «Noch haben wir keine konkreten Pläne, doch schweben uns gemeinsame Veranstaltungen vor.» Seit Basel Tourismus kräftig für Stadttouren ums Spalentor wirbt, sei mehr los. «Als wir anfingen, gingen die Leute direkt in die Stadt, dort gab es ja alles, Stoffgeschäfte, Handwerkliches, alles. Und heute? Nur Kleider und Schuhe!» Humbel sagt das nicht griesgrämig. Er sieht es als Chance für seine Strasse. Touristen schätzten die kleinen Läden und die Gespräche mit den Besitzern, etwas, das im Stadtzentrum zu kurz käme.

20 Jahre leuchtende Tannenbäume

Die Papeterie der Humbels ist ein Ort, wie es ihn sonst nicht mehr gibt. Wegen der antiken Einrichtung – und weil die Humbels mehr als Verkäufer sind. «Sie waren im Spital, wie geht es Ihnen?», fragen sie, wenn es angebracht ist, und nennen den Kunden beim Namen. Und wenn eine junge Frau nach Rubbelbuchstaben fragt, sagt Humbel: «Moment, ich hab da noch was», verschwindet im Hinterzimmer und kommt mit einer Schachtel voller Buchstabenpapier zurück. Jemand habe sie hierher geschickt, sagt die Frau, weil hier zu finden sei, was es sonst nicht mehr gäbe.

Humbel will es genau wissen. Und siehe da: Der Kollege im Gundeli gab ihr den Tipp. Die Humbels und die Papeteristen im Gundeli gehören zu den etwa fünf Leuten, die in Basel noch eine Papeterie betreiben. Als Humbel 1964 anfing waren es über 20.

So sei eben die Entwicklung. «Daran sind nicht nur der Achter und das Internet schuld», sagt er. «Wir können uns den Laden leisten, weil der Hausbesitzer kein Halsabschneider ist.» Anders als in der Innenstadt seien die Mieten hier bezahlbar. Entsprechend wenige Wechsel gäbe es. «Der neuste Laden ist seit zehn Jahren da.»

Vergangene Woche hat die IG Spalenvorstadt die Weihnachtsstrasse eröffnet. Zum 20. Mal leuchten 40 Tannenbäume. Schlicht und beschaulich. Auch die einmal im Jahr stattfindende «Spalenacht» ist eine Erfindung der IG. Die Gruppe hat keine Organisation im Rücken, sondern kümmert sich selber um alles. Und zahlt auch das meiste selber und mithilfe von Sponsoren. Es ist ein Zusammenhalt spürbar hier, wenn ein Ladenbetreiber den anderen bittet, rasch für ihn auf die Post zu gehen, weil er grad allein im Laden sei. Oder fragt: «Kannst du mir deinen Hammer leihen?»

Die Humbels könnten die Welt bereisen und eine ruhige Kugel schieben, er könnte sich vermehrt um Zünfte und Fasnacht kümmern, sie öfters mit Freundinnen verreisen. Doch das werden sie nicht tun. Ihr Herz ist in der «Spale». Und solange sie gesund sind, wird sich daran nichts ändern.

Sonntagsverkauf in der Spalenvorstadt: 11. und 18. Dezember, 13 bis 18 Uhr.