Die Bestürzung über die Amokfahrt hat die forensisch-psychiatrische Klinik – hier werden psychisch kranke Straftäter behandelt – schlagartig in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Man spricht über die ominöse Rolle der Praktikantin und Details des Sicherheitssystems.

Über den Alltag eines schizophrenen Straftäters in den Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel ist aber wenig bekannt. Chefarzt Marc Graf erklärt das Therapiekonzept. Der wichtigste Pfeiler: «Man hört es nicht gerne, aber es braucht vor allem Medikamente.» Mit Nervendämpfungsmitteln wird versucht, Botenstoffe im Gehirn ins Gleichgewicht zu bringen, um Wahnvorstellungen und Halluzinationen zu reduzieren.

Schwere Nebenwirkungen

Diese Medikamente könnten auch in einem Gefängnis verabreicht werden – mit fatalen Folgen. «Wir müssen unseren Patienten leider höchst wirksame Medikamente in hohen Dosierungen verabreichen.» An den Nebenwirkungen können die Patienten sterben. «Akute psychotische Patienten werden viertelstündlich überwacht», betont Graf. Der hauseigene Notarzt sei innerhalb zweier Minuten beim Patienten. Diese Betreuung kann ein Gefängnis nicht bieten.

Einen wichtigen Aspekt der UPK stelle zudem das komplexe Lockerungssystem dar: «Im Gegensatz zu einem Gefängnis können wir auf jeden Einzelnen eingehen.» Zuerst hat ein Straftäter in den UPK grundsätzlich Abteilungsstatus: Er darf die Abteilung nicht verlassen. Bessert sich sein Zustand, darf er in den gesicherten Garten und später eventuell in Einzelbegleitung auf das Areal. Die Freiheit der Patienten wird individuell schrittweise angepasst. Das erscheint einigen Leuten ungerecht. Den UPK geht es aber nicht darum, ihre Patienten zu bestrafen, sondern deren Rückfallquote zu verringern.

Mehr Sicherheit mit stationären Massnahmen

Die Rückfallzahlen bestärken Graf in seiner Arbeit: «Sie sind deutlich geringer, als wenn psychisch Kranke im normalen Strafvollzug wären.» Je nach Störung sind die Erfolge der forensischen Therapie unterschiedlich. «Am wirkungsvollsten ist sie bei Schizophrenen ohne Suchtmittelkonsum», sagt Graf. Weniger Erfolg besteht bei Menschen mit Persönlichkeitsstörungen. Der Amokfahrer zählt zu den schwierigen Fällen: Er ist schizophren, hat ein Suchtproblem und eine Persönlichkeitsstörung.

Hätte der 27-Jährige vor seiner schrecklichen Tat nur eine Gefängnisstrafe absitzen müssen, wäre er längst auf freiem Fuss gewesen. Er war zu sechs Monaten verurteilt, weil er jemandem mit einem Hammer einen Bluterguss zugefügt hatte. Aus den stationären Massnahmen kam er mangels Besserung auch nach vier Jahren nicht frei.

Zum Vergleich: Eine Gefängnisstrafe dieser Dauer erhalten Vergewaltiger. Wer stationäre Massnahmen als zu weich empfindet, liegt laut Graf falsch: «Sie dauern oft länger als Haftstrafen.» Und aus den USA wisse man: «Sperrt man mehr Leute ins Gefängnis, steigt die Sicherheit nicht.»