Einkaufstourismus
In Deutschland gibts Geld statt Cumulus-Punkte

An der Basler Grenze zu Deutschland herrscht während der Weihnachtszeit Hochsaison. An gewissen Tagen stempeln die Deutschen Zollbeamten bis zu 6000 grüne Zettel, mit denen Schweizer Kunden die Mehrwertsteuer zurückerhalten. Auch auf Schmuggler haben die Zöllner ein Auge.

Moritz Kaufmann
Merken
Drucken
Teilen
Den Beamten am Zollübergang Basel-Hiltalingerstrasse über die Schultern geschaut.
5 Bilder
Kunden aus der Schweiz stehen Schlange um ihre Mehrwertsteuerformulare abzustempeln.
Bezahlen der Zollgebühren beim Schweizer Grenzwächter.
Eine Mitarbeiterin des Deutschen Zoll stempelt die Formulare ab.
Kunden aus dem Ausland stempeln ihre Mehrwertsteuerrückvergütung ab.

Den Beamten am Zollübergang Basel-Hiltalingerstrasse über die Schultern geschaut.

Martin Töngi

Es ist ein bitterkalter Nachmittag am Zollübergang Basel-Hiltalingerstrasse. Durch das Grenzübergangs-Provisorium - ein weisses Zelt über der Strasse - zieht die Biese. Nächsten Sommer wird hier ein modernes Zollhaus eröffnet, 2014 die Verlängerung der Tramlinie 8 nach Weil am Rhein.

Zollfreigrenze: Was Sie dürfen

Grundsätzlich gilt: Nahrungsmittel bis 300 Franken pro Person für den privaten Bedarf darf man im Ausland abgabefrei einkaufen. Gibt man mehr aus, muss man beim Zoll die Schweizer Mehrwertsteuer bezahlen. Es gibt allerdings Ausnahmen und Höchstmengen. Zum Beispiel darf man nur 2,5 Kilo Eier, ein halbes Kilo Fleisch oder 20 Kilo Gemüse einkaufen. Mehrmengen müssen entsprechend verzollt werden, auch wenn man weniger als 300 Franken ausgegeben hat. Auch für alkoholische Getränke gelten besondere Bestimmungen. Alles Infos gibt es auf der Website www.ezv.admin.ch (mkf)

Momentan ist auf der Grenze aber vor allem eine grosse Baustelle. Die Deutschen Zollbeamten tragen grüne Uniformen, die Schweizer Grenzwächter dunkelblaue mit einer leuchtend gelben Winterjacke. Sie sind hauptsächlich mit einer Klientel beschäftigt: den Einkaufstouristen. Kurz nach 14 Uhr am Nachmittag hat die deutsche Grenzbeamtin bereits 1000 grüne Ausfuhrscheine gestempelt. Dank diesen bekommt man die Mehrwertsteuer zurückerstattet, wenn man in Deutschland einkauft und in der Schweiz wohnt. Die Einkaufs-Tourismus-Stosszeit beginnt gerade. Sie dauert jeweils von Donnerstagnachmittag bis Samstagabend. In der Adventszeit, wenn die Leute ihre Weihnachtsgeschenke und Festbraten besorgen, zieht es noch mehr an. An gewissen Tagen stempeln die Deutschen Zollbeamten bis zu 6000 grüne Zettel.

Letztlich dreht sich alles ums Geld

Vor dem deutschen Zollhäuschen beginnen die Leute, Schlange zu stehen. Die Beamtin kontrolliert die Zettel mit den angehefteten Quittungen im Sekundentakt. Eine Frau hat auf das grüne Formular eine Etikette mit ihrer Adresse geklebt, anstatt diese von Hand zu notieren. «Sie müssen die Adresse von Hand auf das Formular schreiben», sagt die Beamtin. Die Frau zuckt mit den Schultern. Die Zollbeamtin wiederholt sich. «Ich verstand kei Wort», antwortet die Frau, die die Mehrwertsteuer zurückerstattet haben möchte, auf Baseldeutsch. Schliesslich tut sie doch, wie ihr geheissen wurde. Es geht schliesslich ums Geld.

«Wenn es Komplikationen gibt, dann, weil die Leute nicht verstehen, was wir hier machen», sagt Harald Bannasch vom Deutschen Zoll. Wenn ein Deutscher Händler Waren verkauft, die in ein Nicht-EU-Land ausgeführt werden (die EU-Länder sind in einer Zollunion miteinander verbunden), kann dieser vom Staat nachträglich die Mehrwertsteuer zurückverlangen. Der Zoll muss die Ausfuhr kontrollieren und bestätigen.

Die Händler sind nicht verpflichtet, den «Mehrwertsteuer-Rabatt» an die Kunden weiterzugeben. Die meisten Geschäfte in Grenznähe tun das aber aus zwei guten Gründen: Einerseits verbilligt es die Produkte für die Konsumenten aus der Schweiz, andererseits schafft es Kundenbindung. Die Rückerstattung der Mehrwertsteuer können die Kunden von der nächsten Rechnung abziehen. Kauft man in der teuren Schweiz ein, gibt's Cumulus-Punkte, geht man im preisgünstigen Deutschland shoppen, gibt's noch Geld zurück.

«Schmuggler sind kreativ»

Auf der Schweizer Seite sind die Grenzwächter damit beschäftigt, die Leute, die sich gerade den Stempel vom Deutschen Zoll abgeholt haben, zu kontrollieren und die Schweizer Mehrwertsteuer einzuziehen. Man darf im Ausland bis zu einem Betrag von 300 Franken einkaufen. Alles darüber muss man normal versteuern. «Die meisten Einkaufstouristen bleiben unter dem Freibetrag», sagt Patrick Gantenbein von der Grenzwache. Er betont: «Man darf so viel einkaufen, wie man will. Man muss es einfach versteuern.» Aber: «Schmuggler sind kreativ.» Viele probieren es immer wieder. Ausreden wie «davon wusste ich nichts», oder «sind wir schon in der Schweiz?», sind an der Tagesordnung. Wird man erwischt, wenn man seine Einkäufe unverzollt in die Schweiz bringen will, wird's schnell teuer. Je nach Ware und Menge kann es mit Busse und Steuer auf mehrere Hundert Franken kommen. «Die Ertappten reagieren unterschiedlich», sagt Gantenbein, «einige nehmen es sportlich, einige werden ausfällig, manche fangen an zu weinen.»

Immer mehr Einkaufstouristen

«Das Volumen und die Frequenz des Einkaufstourismus hat in den letzten Jahren massiv zugenommen», sagt Grenzwacht-Sprecher Gantenbein. Die Zahlen seines deutschen Kollegen belegen dies eindrücklich: 2010 stempelte das Hauptzollamt Lörrach, welches für die regionalen Grenzübergänge zuständig ist, fast 3 Millionen Ausfuhrkassenzettel ab. 2011 waren es bereits 3,9 Millionen. Und dieses Jahr waren es allein von Januar bis September bereits 3,4 Millionen - und das Weihnachtsgeschäft hat eben erst begonnen.

Nächsten Freitag zeichnet das Schweizer Fernsehen im Stücki-Center eine «Arena»-Sendung zu Einkaufstouristen auf.