Weihnachtslektüre

In eine andere Zeit abtauchen: Ein neues Buch über das alte Basel

Helen Liebendörfer entführt die Leserinnen und Leser mit ihrem neuen Buch in eine andere Zeit.

Helen Liebendörfer entführt die Leserinnen und Leser mit ihrem neuen Buch in eine andere Zeit.

Corona hier, Corona da. Für alle, die das aktuelle Geschehen mal kurz vergessen wollen, hat die bz einen Tipp für die Weihnachtslektüre. Der neue Roman von Helen Liebendörfer ist perfekt, um in eine andere Welt einzutauchen.

Diese Weihnachten werden anders. Ruhiger, wahrscheinlich auch besinnlicher. Ohne grosse Zusammenkünfte mit Verwandten aus allen Ecken und Enden der Schweiz oder gar der Welt. Weihnachten ohne vollen Terminkalender und Tumult. Ein Novum für so manchen. Aber auch die Gelegenheit, endlich mal wieder die Seele baumeln zu lassen. Sich ein gutes Buch zu schnappen und vielleicht ein Glas Wein, in eine Geschichte abzutauchen und dabei die Sorgen des Hier und Jetzt für eine Weile links liegen zu lassen.

Historische Figuren werden zum Leben erweckt

Wir lesen also: «Die Welt wurde mit jedem Tag unbegreiflicher, die vielen Nachrichten konnte man kaum einordnen, und sie überholten sich immer wieder.» Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? Diese Gedanken, sie könnten aus diesem Hier und Jetzt stammen, tun sie aber nicht, sondern sie gingen einem Kupferstecher im alten Kleinbasel durch den Kopf – zu Beginn des 17. Jahrhunderts.

Matthäus Merian heisst der Protagonist des neuen historischen Romans «Nun erst recht!» von Helen Liebendörfer, der siebte ist es bereits, und dieser Roman, der von Merian und seiner Familie erzählt, wurde in Basel sehnlichst erwartet. Denn Liebendörfer hat sich einen Namen mit ihrer Gabe gemacht, historischen Figuren dieser Stadt in ihren Romanen Leben einzuhauchen, in einer Sprache, die runtergeht wie Öl.

Kein mühsames «sich von Seite zu Seite hangeln», kein Faktenstapeln ohne jeglichen Funken Humor, wie es oftmals üblich ist bei historischen Erzählungen. Liebendörfer vermischt gekonnt historische Fakten mit Fiktion, packt den Leser von der ersten Seite an. Was die Fakten angeht, kann man ihr blindlings vertrauen: Die 77-Jährige ist nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Stadtführerin und -kennerin, oder wie ein Buchhändler einst treffend feststellte: «ein Synonym für Basel».

Eine 52-jährige Abenteurerin auf Reisen

Und in die Zeit des 17. Jahrhundert lässt es sich eben prima eintauchen. Man fiebert rasch mit den einzelnen Figuren mit. Nicht nur mit Matthäus Merian, dem genialen Erfinder von Städteansichten von oben, der sein geliebtes Basel gen Frankfurt am Main verlassen und den Verlag des verstorbenen Schwiegervaters übernehmen muss, den er daraufhin geschickt durch kriegerische Zeiten führt. Auch zum Beispiel mit der Magd Lisa oder mit Matthäus «Matthes» Merian dem Jüngeren, dem berühmten Künstler, auf seinen Studienreisen in Italien.

Besonders aber mit Merians Tochter Maria Sibylla, deren damals mit Abscheu wahrgenommene Faszination für Raupen und die damit verbundene Metamorphose sie zu einer grossen Naturforscherin macht. Eine Abenteurerin, die sich mit 52 Jahren – damals galt das als steinalt – auf eine beschwerliche Reise in tropische Gefilde begibt, zu den wunderbaren Schmetterlingen im Urwald. Der Höhepunkt ihres Lebens.

Man schliesst das Buch mit dem tröstenden Gefühl, dass jede Zeit ihre herausfordernden Seiten hatte – und dass Träume es immer wieder schaffen, einen voller Hoffnung durchs Leben zu tragen. Die zahlreichen Illustrationen im Buch, etwa Bilder der Merian-Säge, wo Matthäus Merian seine Kindheit verbracht hatte, aber auch Selbstporträts von Matthes und Zeichnungen von Maria Sibylla tragen ihren Teil zum Lesevergnügen bei. Weihnachten ist gerettet.

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