Lebhafte Bühnenbilder, packende Inszenierungen und charakterstarke Protagonisten. Drei Voraussetzungen, die garantieren, dass tausende Zuschauer ins Schauspielhaus strömen. Die Verantwortung, ob das Stück ein Erfolg wird, trägt der Regisseur. Sprüht der Funken nicht zwischen dessen Konzept und den Menschen in den Zuschauerreihen, muss er über die Bücher.

Was die Basler nicht wissen: Im Zolli wird auch ein Theaterstück aufgeführt. Mehrere sogar. Rund um die Uhr, jeden Tag, auf 50 Schauplätzen und vor ebenso vielen Bühnenbildern. Im Vivarium leben etwa 480 Tierarten – drei Viertel aller Arten im Zolli – die alle ihre eigene Geschichte erzählen. Kurator Thomas Jermann ist für die Dramaturgie zuständig. Der Besucher erlebe die Evolution, von den Amphibien bis zu den Krokodilen, er werde auf eine Weltreise unter Wasser geschickt. Im ersten Becken im Aquarium blicken die Besucher noch über den Wasserspiegel hinweg, danach tauchen sie ab in den Ozean, um bei den Pinguinen wieder Luft zu schnappen.

Zuerst wird Protagonist gecastet

Dieser rote Faden ist nur ein kleiner Teil des gesamten Schauspiels. Jedes Aquarium ist einem Thema gewidmet. Der Rotfeuerfisch zum Beispiel lebt mit dem Steinfisch und dem Kofferfisch auf den selben Quadratmetern – die drei spielen das Stück «Gift im Wasserreich».

Zuerst werde das Thema eines jeden Schaubeckens gewählt und danach die passenden Protagonisten ausgesucht, erklärt Jermann das Prinzip seines Vivariums. «Ich überlege mir, welches Tier reinpasst, ob es überhaupt noch andere Tiere braucht oder ob sich das Stück mit den vorhandenen Protagonisten spielen lässt.» Das Aquarium sei wie eine Sammlung, ähnlich der eines Museums, aber mit lebenden Ausstellungsstücken. «Es geht bei uns nicht darum, die schönsten Fische zu sammeln, sondern darum, dass unser Aquarium bewusst eingerichtet ist.» Der Lebensraum der Tiere müsse perfekt passen, damit sie sich wohlfühlen. «Theaterstücke können nur aufgeführt werden, wenn es den Protagonisten gut geht.»

Unattraktiv, aber sau clever

Ein Paradebeispiel ist das Zusammenleben des grau-silbernen Bitterlings – ein einheimischer Karpfenfisch – mit der braunen Teichmuschel. Optisch für die Besucher unattraktiv, ist deren Theaterstück dafür umso spannender. Der Fisch legt die Eier in der Muschel ab, damit diese vor Feinden geschützt sind. Die Muschel ihrerseits, die sich ja selber nicht fortbewegen kann, haftet ihre Larven den Fischen an, die diese davontragen.

Auf der Bühne daneben wird «Meerjunker» gespielt. Jermann kommt ins Schwärmen. Das Männchen der Meerjunker trägt ein regenbogenfarbenes Schuppenkleid mit einem gezackten orangen Band und einem blauen Saum, die Weibchen sind unattraktiv grau-braun. Pro Schwarm gibt es nur ein Männchen. Den Weibchen fehlen Hormone, die Männchen produzieren würden. Stirbt das Männchen, entwickelt das älteste Weibchen innerhalb von drei Wochen Hoden und bekommt die männliche Färbung. Es gebe auch echte Männchen, die sich als Weibchen tarnen, damit sie nicht vertrieben werden, führt Jermann aus. Das Meerjunker-Männchen im Zolli hat einige Jahre auf dem Buckel – auf dem Schuppenkleid eines Weibchens ist bereits ein grüner Schimmer zu erkennen.

In einem Schwarm von Meerjunkern lebt immer nur ein Männchen.

In einem Schwarm von Meerjunkern lebt immer nur ein Männchen.

Bühnenbilder wechseln fliessend

So perfekt wie die Fische ausgewählt werden und zusammenleben, so passen die immer wechselnden Bühnenbilder exakt zusammen. Denn so wie die Unterwasserlandschaft des einen Beckens auf der rechten Seite endet, so geht es im anderen rechts daneben weiter. Konkret: Schwimmen die Fische vor einem Felsen vorbei, taucht dieser im Becken daneben wieder auf. Bei den Aquarien, in dem Korallenfische zusammen mit der Dreifarben-Seegurke und dem Mirakelbarsch leben, beginnt die Landschaft eines Korallenriffs. Dieses Riff bespielt im Aquarium mit den Rasiermesserfischen den gesamten Hintergrund, um bei der Scheibenanemone und dem Hornbader im dritten Aquarium wieder abzufallen. Die Süss- und Meerwasserfische werden zudem baulich anhand einer Säule im Gebäude getrennt.

Thomas Jermann ist bewusst, dass die Vivarium-Besucher das Konzept des Baus und die Inszenierung der einzelnen Aquarien meist nicht erkennen. Mit Plakaten erklären möchte es der 55-Jährige jedoch nicht. «Das höchste Gut ist das lebende Tier. Mit Tafeln lenken wir die Besucher vom Beobachten des Tieres ab.»

Es gibt immer Neuentdeckungen

Eines der Probleme, mit denen Jermann zu kämpfen hat, ist die Vielzahl an Wassertieren, die er im Zolli eigentlich noch zeigen könnte. Einen Fisch einfach so auswechseln ist jedoch schwierig, denn sobald ein neues Tier gezeigt werden soll, müsse die Bühne wieder angepasst werden und ein Protagonist aus Platzgründen verschwinden. «Es gibt natürlich Geschichten, die sich in den letzten 20 Jahren verändert haben. Wie überall kommt immer Neues hinzu.»

Er erinnert sich an den Röhrenaal, von dem er selber in den 80er Jahren während seiner Studentenzeit zum ersten Mal gehört hatte. Ein festsitzender und in einer Kolonie im Abstand von hundert Quadratzentimetern lebender Fisch. «Den wollte ich hier haben.» Platznot im Vivarium entstehe zudem, weil die Tiere älter als in der Natur werden. Sie verbringen ihre Tage in einem geschützten Umfeld. «Es gibt sogar noch solche, die bei der Vivarium-Eröffnung 1972 bereits hier waren.»

Das Basler Vivarium sorgte in den 70er Jahren sowieso für weltweiten Gesprächsstoff. Es war nämlich das Erste mit dem Prinzip der konsequenten Besucherrichtung und somit der Möglichkeit, mit der Ausstellung eine Geschichte erzählen zu können. «Das war ein Superkracher damals. Das Gedankengut war spitze», ist er begeistert. Und dieses soll mit dem Ozeanium weiter zum Tragen kommen. «Das Ozeanium soll eine Weiterführung sein. Seine Besucher werden sich ebenfalls auf eine Weltreise begeben.»