Nur wenige Meter unterhalb der denkmalgeschützten hellen Bahnhofshalle finden sich vom Alter geschwärzte Mauern, Staub, Dreck und Sand. Wir sind in einem Labyrinth von notdürftig erhellten Kellern, Stollen und Gängen. In die Katakomben unter dem Badischen Bahnhof geführt werden wir von CVP-Politiker und Historiker Oswald Inglin und von Günter Weiz von der Deutschen Bahn. Das gesamte 230 Meter lange Bahnhofsgebäude ist unterkellert. Früher waren alle Gebäude und Geleise des Areals miteinander verbunden. Unterirdische Gänge führten zum Erlenmattareal, bis zur Wiese und zum Rhein. Öffentlich zugänglich sind die Katakomben nicht.

Oswald Inglin beschäftigt sich seit Jahren mit der Erforschung der Tunnels. «Ich kam im Rahmen einer Festschrift für das Basler Stadtkommando zum Thema.» Der Badische Bahnhof habe während des Zweiten Weltkriegs auch eine militärische Funktion gehabt. Wann die Tunnels gebaut wurden, sei nicht klar. So sei unbekannt, ob sie seit dem Bau des Badischen Bahnhofs zwischen 1909 und 1913 existierten oder erst im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs gegraben worden sind.

Die Baugeschichte der Tunnels sei noch nicht recherchiert. Es sei ebenfalls unklar, ob sie auf den im Staatsarchiv vorhandenen Bauplänen des Bahnhofs eingezeichnet seien. In den Archiven des ehemaligen Grossherzogtums Badens in Karlsruhe seien bis jetzt ebenso wenig Recherchen zu den Tunnels erfolgt, wie in der Militärabteilung des deutschen Bundesarchivs in Freiburg im Breisgau. Dort liegen die Akten von Wehrmacht und Waffen SS, die eventuell Auskunft geben könnten über die Funktion der Katakomben unter dem Badischen Bahnhof bei einem Angriff auf Basel und die Schweiz.

Angriff durch den Bahnhof

Die Tunnels enden immer wieder in Kellern. «Es ist erstaunlich, wie gross diese Keller sind. Hier bestand die Möglichkeit, unentdeckt Waffen zu lagern und hunderte von Soldaten unterzubringen, um zum geeigneten Zeitpunkt die Stadt anzugreifen», so Inglin.

Die Soldaten wären in getarnten Güterzügen in Basel angekommen und dann direkt von den Geleisen her in das unterirdische Keller- und Tunnelsystem eingestiegen. Vom Untergrund des Badischen Bahnhof aus führten zwei begehbare Tunnels tief auf Schweizerisches Territorium. Der eine endete bei der Wiese, der andere bei der Solitude am Rhein nahe der strategisch wichtigen alten Eisenbahnbrücke, die so im Handstreich hätte genommen werden können. Beide Tunnels sind heute zugemauert. Wann dies geschah, sei nicht bekannt, ebenso wenig, was sich in den gesperrten Tunnels heute noch alles verbergen könnte.

Abwehrmassnahmen

Dass die Deutschen den Badischen Bahnhof als Einfallstor für die Eroberung der Schweiz nutzen wollten, lasse sich aus den bisher entdeckten Akten nicht bezeugen. Allerdings sei es klar, dass die Schweizer Behörden mit einer Invasion via Badischen Bahnhof rechneten. So wurden rund 100 der 650 Reichsbahnangestellten vor Ort zeitweise wegen Spionage- und Sabotageverdachts festgenommen.

Die Umgebung des Bahnhofs wurde verbarrikadiert und etwa die Rosentalstrasse mit Maschinengewehrstellungen gesichert. «Das ist ein Zeichen dafür, dass man die Bedrohung ernst nahm. Der Bahnhof hätte ein trojanisches Pferd sein können», so Inglin.

Ein Zaun rund um das ganze Gelände wurde nie fertig. Oswald Inglin berichtet, dass sein Grossvater während des Aktivdienstes beim Bahnhof an Befestigungen gearbeitet habe. «Immer wieder kamen Deutsche in schwarzen Uniformen aus der Bahnhofstüre hinaus und drohten den Schweizer Soldaten, man würde sie bald heim ins Reich holen. Die Schweizer reagierten mit Beschimpfungen», berichtet Inglin.

Bis heute bildet das Areal des Badischen Bahnhofs samt Bahn Trassee eine Zoll-Enklave auf Schweizer Gebiet unter Verwaltung der Nachfolgerin der Reichsbahn, der Deutschen Bahn.

Von den Nazis genutzt

Nach Machtantritt der Nazis 1933 bedeutete dies, dass die rund 4000 Mitglieder starke deutsche Kolonie in den Katakomben eine Heimstätte fand, jenseits des aufmerksamen Blicks der Schweizer Behörden. So ist sicher, dass die riesigen Gewölbe unter dem Bahnhofsgebäude ab 1933 der Basler Ortsgruppe der NSDAP als Vereinslokal diente. Erst ab 1941 trafen sich die Basler Nazis ganz offiziell im deutschen Heim an der St. Alban-Vorstadt, dem heutigen Vorstadttheater.

In den Kellern unter dem Badischen Bahnhof trainierten aber noch bis 1945 die 200 Mitglieder der Basler Nationalsozialistischen Sportgruppe. Ihr Training sei militärisch gewesen. Basler Nazis seien hier zu Stosstrupps ausgebildet worden, die bei einer Übernahme der Stadt durch die Deutschen hätten eingesetzt werden sollen.