Mulhouse hat, was Basel fehlt, und das in Massen: Platz. 75 Hektaren umfasst das Entwicklungsgebiet um die ehemalige Textilfabrik DMC am nordöstlichen Stadtrand. Und ein Grossteil der an die hundert eindrücklichen Gebäude steht auch heute noch leer. Auf zehn Hektaren soll nun ein europäisches Labor für soziale Innovation und kreative Aktion entstehen – auf gut Deutsch: Jobs.

«Wir wollen aus Mulhouse einen Motor für die neue postindustrielle Ökonomie machen», wünschte sich Maire Jean Rottner am Freitag bei der Lancierung des als «openparc» bezeichneten Projekts. Gelände und Gebäude gehören der städtischen Entwicklungsgesellschaft Serm. «Die Stadt erwartet hier neue Formen von Arbeitsplätzen», erläutert der städtische Gesamtprojektleiter Martin Jann, ehemals Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung IBA Basel 2020.

Die Stadt investiert

Dafür ist sie auch bereit, die nicht unerheblichen Kosten für die Erschliessung des Geländes zu übernehmen. Die Feinverteilung in den Gebäuden ist dann die Sache von «openparc». Bis Anfang 2015 sollen vier Vereine gegründet werden, die Statuten und Business-Pläne für die Bereiche Medien, innovative Fabrikation in kleinen Serien, Hotel und Restauration sowie Zukunft der Arbeit und Bildungsvermittlung erarbeiten. Am Schluss des Prozesses, zu dem auch die Bewerbungen um europäische Fördergelder gehören, steht die Übergabe der jeweiligen Gebäude.

Einblick: Der Elsässer Regionalsender «Alsace 20» berichtet über das DMC-Areal.

Einblick: Der Elsässer Regionalsender «Alsace 20» berichtet über das DMC-Areal.

Das mag alles noch arg abstrakt klingen, aber das Projekt hat bereits einen erfolgreichen Vorgänger und hier kommt auch Basel ins Spiel. Seit anderthalb Jahren hat der Verein «motoco» (more to come) in einem der Gebäude mittlerweile 9600 Quadratmeter an rund 70 Mieter aus der regionalen und internationalen Kreativkultur vermietet. Präsident des Vereins ist der Basler Professor Mischa Schaub, der mit seinem Hyperwerk an der Nordwestschweizer Hochschule für Gestaltung und Kunst ein Lernlabor für das interdisziplinäre Arbeiten mit neuen Medien betreibt.

Abwanderung verhindern

«Jedes Jahr gehen 25 potenzielle Unternehmer aus Hyperwerk hervor. Ich will verhindern, dass sie abwandern. In Basel hat es keinen Platz», erklärt Schaub seine Beweggründe. «Mulhouse geht es schlecht und muss sich neu erfinden. Hier sind wir willkommen. Basel hingegen ist übersättigt und ein Getto der Reichen», kritisierte der Schweizer Professor in seinen Redebeiträgen.

Schon heute sind unter den Mietern von «motoco» um die zehn aus Basel. «In zwei Jahren werden viele Leute hier auch wohnen», ist Schaub überzeugt. Schon im Frühjahr ist eine tägliche Busverbindung geplant. Das einfache Null-Stern Hotel, für das die Möbel schon gebaut werden, werde die Voraussetzung dafür schaffen, auch regelmässig Seminare in Mulhouse abzuhalten.

Möbeldesigner und Informatiker, Textildesigner, Maler und Bildhauer, Fotograf, Polsterer, Informatiker und Musiker – die unterschiedlichsten Leute verschiedener Nationalitäten arbeiten in den Räumen von «motoco», das sich im Rahmen der IBA als grenzübergreifendes Vorhaben begreift. IBA-Projekt ist auch «openparc».

«Es ist interessant, mit so vielen unterschiedlichen Akteuren zu tun zu haben. Ich baue hier mein Unternehmen auf», berichtete der Möbeldesigner Simon Kleinwechter. Für die Textildesignerin Emmanuelle Jenny war es der enorme Reichtum des trinationalen Projekts, das sie wieder nach Mulhouse gezogen hat, wo sie ihre Ausbildung gemacht hatte, aber das sie eine Zeit lang verlassen hatte.

Lange Warteliste

327 Anmeldungen umfasst die Warteliste für weitere Ateliers bei «motoco» bereits. Das ist nicht verwunderlich. 1.50 Euro zahlen die Mieter derzeit im Monat pro Quadratmeter. Dazu kommen zwar noch die Nebenkosten, aber dennoch: Ein Atelier hier ist auch für elsässische Verhältnisse traumhaft günstig. In Zukunft sollen die Preise geringfügig angehoben werden. Ausserdem werden die Vereine nicht umhin kommen, genau zu definieren, wann eine Bewerbung für ein Atelier angenommen wird und wann eben nicht.

Mulhouse ist es zu wünschen, dass «openparc» ein Erfolg wird. Dass es nicht gut um die Stadt steht, zeigt schon ein Besuch in der Fussgängerzone: Etliche Geschäfte stehen leer. Selbst das renommierte Kaufhaus «Globe» ist in den Konkurs gerutscht.