Maria Letisia Bo’a wohnt in Jopu, auf dem indonesischen Flores. Sie ist 47 Jahre alt und hat fünf Kinder. Um ihre Ausbildung zu finanzieren, arbeitet sie tagsüber als Primarschullehrerin. Abends, wenn die Schule geschlossen ist, greift sie zum Garn und zum bunten Faden und stellt hochwertige Sarongs mit komplexen Mustern auf Bestellung her. Hochzeitsfeste, Studienabschlüsse – der Anlässe sind viele, die Arbeit ist anstrengend.

Maria Letisia Bo’a ist, wie viele Frauen in Ostindonesien und Timor-Leste, Ikat-Weberin. Ikat ist eine uralte textile Musterungstechnik und Kunstform, mit der komplexe Muster auf handgewobenen Textilien kreiert werden. Maria Letisia Bo’a ikattet seit der dritten Primarklasse. Wohl ahnte sie damals nicht, dass ihre Arbeiten eines Tages weit, weit weg von ihrem Dorf, in der fernen Schweiz präsentiert würden, im Museum der Kulturen in Basel.

Das Museum am Münsterplatz eröffnet heute die Textilausstellung «Mustergültig. Globale Spuren in der lokalen Ikat-Mode». Maria Letisia Bo’as Kreationen sind unter anderem mit den Arbeiten weiterer fünf Weberinnen im obersten Stock des Museums ausgestellt. Die Primarschullehrerin kommt in einem Video zu Wort, in dem sie von ihrer Kunst und ihrer Arbeit erzählt.

Längst nicht vor dem Aussterben

Schaut man sich das Video an, wird klar: Die Kunstform ist alles andere als vor dem Aussterben. «Die Ikat-Weberei lebt und ist dynamisch», sagt Richard Kunz, Südostasien-Kurator des Museums. Ihre kreative Selbstständigkeit hätten die Weberinnen nie aufgegeben, betont Museumsdirektorin Anna Schmid – trotz fortschreitender Globalisierung.

Früher bezogen sich die «globalen Spuren», die im Titel angesprochen werden, auf das Indien des 16. Jahrhunderts. Damals brachten portugiesische und holländische Händler indische Textilien auf die südostasiatischen Inseln. Weberinnen fingen dann an, Muster dieser Tücher in ihre eigenen Textilien aufzunehmen. Die Ausstellung präsentiert verschiedene Seiden- und Baumwollstoffe aus Indien, die früher die lokale Mode inspiriert haben.

Ab dem 20. Jahrhundert kamen die fremden Einflüsse hauptsächlich aus Europa. Die Weberinnen begannen damals, Rosengirlanden und katholische Motive in ihr Repertoire aufzunehmen. Dabei wurden neue synthetische Garne und Farben verwendet.

Heute sind es vor allem der Tourismus und die NGOs, die die Ikat-Kunst beeinflussen. Mittlerweile kann man auch von einer Ikat-Mode sprechen: Die Weberinnen kennen den Trend ganz genau. Sie wissen, welche Farben am meisten begeistern und welche Muster begehrt sind. Die Ausstellung wird mit Kunstwerken des indonesischen Künstlers Ito Joyoatmojo und der schweizerischen Künstlerin Susi Kramer ergänzt, die eingeladen wurden, «das Zukunftspotenzial der Ikat-Kunst darzustellen», wie Gast-Kuratorin Willemijn de Jong sagt. Es steht nämlich ausser Frage: Die Kreativität und der Innovationswunsch der Weberinnen widerlegen die Pessimisten, die ein baldiges Aussterben der Ikat-Kunst heraufbeschwören.

Daten der Ausstellung: Vom 21.10.2016 bis 26.03.2017.