Nein, Journalistin sei sie nicht, also nicht wirklich. Ja, vielleicht ein wenig schon. Amélie, die wir an der Baselworld getroffen haben, ist Bloggerin. Sie publiziert online kleine Geschichten zu Neuentdeckungen auf dem Markt. Amélie berichtet von der Baselworld, täglich, vielleicht stündlich, je nach dem, was sie entdeckt und welche Abmachungen mit Ausstellern sie getroffen hat.

Amélie, jung, hübsch, modeaffin, ist nicht einfach ein Modegirl. Sie ist Anwältin. Sie könnte als Juristin Karriere machen, keine Frage. Aber im Grunde genommen stinkt der Neuenburgerin die Kanzleiarbeit, mindestens vorläufig noch. «Ich finde Mode toll. Mir gefallen diese schönen Sachen hier.» Meist werde sie in Naturalien bezahlt. «Ich habe zu Hause einige Schuhe, die ich mir nicht leisten könnte.»

Amélie ist an der Baselworld kein Einzelfall. Plötzlich sind sie da, diese «Influencer», die mit ihren persönlichen Produktwerbungen die Massen beeinflussen, und zwar zahlreich. Auf dem Modemarkt sind sie eine wirtschaftliche Grösse geworden, die Entwicklung ist sprunghaft.

25 Millionen seien weltweit unterwegs, sagt Dave Murray von der Influencer-Agentur Rewardstyle an einer Paneldiskussion von Fossil in Basel. Geld verdienen die Influencer, indem Kunden direkt über die Website oder den Link des Influencers kaufen. Rewardstyle organisiert die korrekte Bezahlung ihrer 25'000 angeschlossenen Influencer durch die Lieferanten. Die Agentur wurde 2011 von der damals 23-jährigen Modebloggerin Amber Venz gegründet.

Über Mode berichten mehr Frauen

Georgie Barrat, eine fröhlich-unbekümmerte Londoner Tech-Journalistin auf dem Fossil-Podium, plaudert aus dem Nähkästchen. «Smartwatches, well ... machen Sie doch mal den Heiratstest. Würde ich diese Uhr an meine Hochzeit anziehen? Und fände ich das gut, wenn mein Ehemann in spe eine solche am Handgelenk hätte?»

Solche kleine Geschichten sind beliebte Promotionseinstiege. Georgie moderiert auf dem kommerziellen Sender Channel 5 die Verkaufssendung «The Gadget Show». Man darf davon ausgehen, dass in diesem Vermarktungszirkus Sender, die Presenter und die Produkthersteller auf ihre Rechnung kommen.

Salonfähigkeit und Ritterschlag hat die Marketingform längst erhalten, wörtlich. Moderatorin des Roundtables war Kinvara Balfour, Bloggerin, Modefachfrau, Geschäftsfrau. Und adliger Abstammung. Sie präsentierte in einem derart seriösen Upperclass-Englisch, dass man ihr selbst eine Zahnbüste ohne Borsten abgekauft hätte.

Teure Uhren will man anfassen

Doch selbst den Anhängern und Aficionadas des neuen Detailhandels war nicht ganz klar, wohin die Reise geht. Gewiss, es wird in neuen Uhren vermehrt Elektronik eingebaut, sie werden vielfach «connected», das heisst: internetfähig. Und Georgie Barrat hat sicher recht, wenn sie sagt, mit der Internetfähigkeit der Dinge stünden wir erst am Anfang. Nicht diskutiert wurde die Frage, ob dieses neue Influencer-Geschäftsmodell auch das Geschäft der Baselworld tangiert. Zumindest für die online-nahen Bereiche in der Branche könnte dies zutreffen, weil mit dem Online-Kanal der vergleichsweise kostenintensive Detailhandel umgangen wird. Und der wird natürlich an der Baselworld angesprochen.

Sicherlich wird der Online-Verkauf nicht alle Bereiche abdecken können. Wirklich teure Uhren oder Schmuck muss man in die Hand nehmen können, begutachten, anziehen. Selbst die Swatch Group, die in ihrem Sortiment auch günstige Uhren führt, relativiert die Entwicklung gegenüber der bz. Es existierten viele übertriebene Zahlen über das Potenzial des Online-Verkaufs. Und man müsse nach Segmenten differenzieren. Der Online-Verkauf von Swatch sei nicht grösser als ihre Boutique an den Champs-Elysees.

Hochwertige Läden überleben

«Der Online-Verkauf bewirkt im Gegenteil eine Stimulierung des Verkaufs in den Läden. Swatch stellt keine Kannibalisierung fest», schreibt die Swatch-Medienstelle auf Anfrage. In den USA, wo es viele schlecht geführte und unattraktive Departement Stores gab, habe der E-Commerce diese Verkaufsstellen verdrängt. Wenn die Verkaufskanäle qualitativ hochwertig seien, dann gäbe es Wachstum sowohl in den traditionellen Kanälen wie auch im E-Commerce.