Slum-Tourismus boomt. Immer mehr Reiseveranstalter führen Touristen durch die Armenviertel der Welt. Sie versprechen einen Einblick in das echte Leben, in authentische Alltagskultur. Bequemer kann man Slum-Kultur in Basel erleben. Man muss nicht in ein Flugzeug steigen, sondern nur ins Kleinbasel reisen.

Auf dem Messeplatz erstellen der japanische Künstler Tadashi Kawamata und der Basler Architekt Christophe Scheidegger eine Favela. Sechzehn Holzbauten imitieren die Lebensumstände von Armensiedlungen in Lateinamerika, wo der Alltag ein Überlebenskampf darstellt. In der Basler Favela hingegen, die von der Art Basel finanziert wird und während der Kunstmesse Mitte Juni auf dem Messeplatz steht, wird das Elend eine romantische Note erhalten. Zwei Favela-Baracken dienen als Buvetten, die nicht etwa Schlammwasser ausschenken, sondern Kaffee zu Preisen, von denen echte Favela-Bewohner mehrere Tage leben könnten.

Architekt sucht Abfallprodukte

Damit die Baracken nicht allzu chic werden, sammelt Architekt Scheidegger Abfallprodukte. Er bittet um einen Leseraufruf: Wer Wellblech loswerden und in Kunst verwandeln lassen möchte, finde bei ihm einen dankbaren Abnehmer.

Mit seinem Kunstprojekt will das Duo den Kontrast zwischen den Lebenswelten verdeutlichen. Bereits an der Art Basel vor fünf Jahren hatte Kawamata auf dem Messeplatz einen prominenten Auftritt. Er installierte eine «Baumhütte» auf einem Pfosten des Messeplatzes, hoch über dem Basler Häuserwald. Die Kunst-Favela hat er in verschiedenen Variationen schon in vielen Städten gezeigt, vor wenigen Monaten im belgischen Gent.

Nach der Art in den Hafen

Die Basler Favela-Kunst zieht nach der Art nicht an eine weitere Weltmesse, sondern in den Basler Hafen. Dort wird sie dafür erst richtig belebt. Die Zwischennutzer des Vereins Landestelle werden in den Baracken ein Restaurant, eine Bar und einen Quartiergarten betreiben. Die Basler Alternativszene baut sich ihren eigenen Slum - koordiniert von den Freiraum-Beamten des Basler Präsidialdepartements, die den Hafen kultivieren, bevor sie ihn mit teuren Wohnungen überbauen.

Die Basler Slum-Bewohner erhalten die Kunst kostenlos. Unter zwei Bedingungen: Sie helfen beim Auf- und Abbau des Kunstprojekts auf dem Messeplatz mit und sie bezeichnen die Kunst nach der Übernahme nicht mehr als Kunst. Der Künstler freut sich zwar, dass sein Projekt weiterlebt. Er legt aber Wert darauf, dass es an der Hafenstrasse nicht mehr als Kawamata-Projekt bezeichnet wird. Das wäre es nur, wenn der Künstler jedes Wellblech persönlich justieren würde. Stattdessen lässt er den Freiraum-Aktivisten ihren Freiraum. Seinen Namen mit internationalem Renommee stellt er ihnen jedoch nicht zur Verfügung. Das wäre nicht korrekt.

Direkt neben der zwischengenutzten Favela auf dem Streifen zwischen Ex-Migrol-Areal und Rhein, wird eine weitere alternative Lebensweise zelebriert. Auf dem Migrol-Areal wohnt eine Gruppe in Zirkuswagen, illegal, aber von der Hafenverwaltung toleriert. Zu Konflikten mit den Bewohnern der teuren Art-Kunst wird es nicht kommen. Denn die illegalen Wagenleute, die legalen Zwischennutzer und die Art-Künstler sind alle miteinander vernetzt. Architekt Scheidegger ist etwa mit den Wagenleuten befreundet und sitzt im Zwischennutzungs-Verein Neubasel.

Alle kennen sich. Die Basler Alternativszene ist wie ein Dorf. Ab diesem Sommer kann sie im Hafen besichtigt werden. Vielleicht schafft sie es mit der Zeit sogar in einen Touristenführer.