Beuys-Austellung
«Interessante Kunst entsteht, wo Widersprüche verhandelt werden»

Ab heute zeigt das Museum für Gegenwartskunst im St. Alban-Tal die Ausstellung des Künstlers Beuys. Im Interview mit der bz spricht Museumsleiter Søren Grammel über die Bedeutung des deutschen Künstlers.

Christian Fluri
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Museumsleiter Søren Grammel

Museumsleiter Søren Grammel

Martin Toengi

Das Museum für Gegenwartskunst (MGK) im St. Alban-Tal in Basel zeigt ab heute «Joseph Beuys –Installationen, Aktionen & Vitrinen». Im Zentrum der vom Museumsleiter Søren Grammel kuratierten Ausstellung stehen die Installationen «The Hearth (Feuerstätte) 1968 –1974» und «Feuerstätte II 1978–1979». Grammel spricht hier über seine Intention, Beuys’ Werke zu zeigen und seine avancierte Kunst auch anhand der Filme über dessen Aktionen zu reflektieren und zu debattieren, und über die Bedeutung des deutschen Künstlers.

Die Beuys-Ausstellung ist eine Sammlungsausstellung. Ist sie als eine Art Prolog des Kunstmuseums zum Jahr 2015 zu sehen, in dem der Hauptbau wegen der Renovation geschlossen wird und der Fokus auf den eigenen Schätzen liegt, die im Museum für Gegenwartskunst, im Museum der Kulturen und in Madrid gezeigt werden?

Søren Grammel: Hier darf ich zum Glück eine kleine Korrektur anbringen. «Joseph Beuys» ist keine reine Sammlungsausstellung. Ich erweitere Basler Sammlungsbestände, wie die «Feuerstätte I und II», und die Gruppe «11 Vitrinen. Laboratorien der Imagination 1949/1984», eine Dauerleihgabe aus Schweizer Privatbesitz, um extern ausgeliehene Arbeiten. Besonders um vier Filme, die Aktionen oder Happenings von Josef Beuys zeigen. Damit kann ich die Installationen, die Beuys auch als statische Aktionen bezeichnet hat, um flüssigere künstlerische Medien, eben die Aktionen und den Film, ergänzen. Ich denke, dass sich in dieser Gegenüberstellung für viele Besucher heute nochmals eine neue Tür zu Beuys öffnet. Die Entscheidung hat aber mit der Situation im 2015 nichts zu tun.

Und weshalb zeigen Sie gerade jetzt Joseph Beuys?

Beuys’ Werk ist viel zu bedeutend, als dass ein Gerade-Jetzt hier eine Rolle spielen könnte. Aber ich möchte diese Bestände aus meiner Sicht – aus der einer anderen Kuratoren-Generation – lebendiger gestalten, es so zeigen, dass junge Menschen wieder fasziniert werden von Beuys’ Kunst. Da ich nun ein Jahr als Leiter des MGK hier bin, hatte ich Zeit, über die Ausstellungssituation nachzudenken. Es gibt aber auch einen praktischen restauratorischen Grund, jetzt die Beuys-Ausstellung zu machen.

Und dieser Grund ist?

Die Filzanzüge von Beuys mussten mit Stickstoff behandelt werden, um sie zu erhalten. Das bietet auch den Anlass, die Bestände der Beuys-Sammlung teilweise neu zu arrangieren. Ein dritter Grund war die Notwendigkeit, die Filzanzüge auf dem Haufen im Sinne von Beuys optimaler zu legen. Ein Wunsch, den auch der Beuys-Spezialist Dieter Koepplin, der frühere Leiter des Basler Kupferstichkabinetts, geäussert hatte.

Besteht über die kunstgeschichtliche Bedeutung von Joseph Beuys’ Werk eine Aktualität für die Besucher von heute?

Beuys’ Werk besitzt immer eine Aktualität. Zwar ändert sich das Werk selbst nicht mehr, aber zum einen bleiben seine Fragen aktuell und die Rezeption wandelt sich. Deshalb macht es immer Sinn, die Präsentation des Werks an aktualisierte Rezeptionsbedingungen anzupassen. Gerade deshalb liegt mir so viel an den Filmen. Mit ihnen kann ich den Aktionskünstler zeigen, den Menschen, der die Auseinandersetzung mit anderen Menschen suchte. Den Menschen, der sich politisch engagierte oder auf politische Prozesse reagierte, der sich philosophisch und soziologisch äusserte und der – vereinfacht gesagt – Kommunikation ebenso als künstlerisches Medium begriff – wie Filz oder Fett. Beuys verstand immaterielle Prozesse auch als künstlerische Arbeit. Das macht ihn so spannend für jüngere Generationen, weil dieser kommunikative Aspekt heute wieder so wichtig geworden ist.

In den Filmen erfahren wir den Künstler aber als dominierende Figur der Aktion, als Lenker?

Die Filme zeigen sehr gut die Widersprüchlichkeiten des Beuysschen Werkes. Auf der einen Seite die orthodoxe Beuys-Interpretation vom Heiler oder Messias. Auf der anderen Seite zeigen die Filme aber die Tatsache, dass Beuys diese Figuren widersprüchlich vorführte. Der Film «I like America and America likes Me» zeigt den Heiler Beuys zugleich als Kranken. Er lässt sich zu Beginn des Films im Krankenwagen in die New Yorker Galerie René Block fahren. Er lehrt den Kojoten, mit dem er zusammenlebt, aber lernt auch von diesem. Beuys ist eben nicht einfach als der Mann festzumachen, der auf allen Gebieten als Autorität aufgetreten ist. Seine Aktionen sind viel komplexer, spannender. Die Widersprüchlichkeit in Joseph Beuys’ Happenings machen gerade Qualitäten von Beuys’ Kunst aus. Auch der Humor ist bei ihm ein wichtiger Aspekt. Man sieht in den Aktionen jemand, der auf der Suche nach den grossen Gesten, den grossen Visionen ist, sie auch als Pose formuliert. Zugleich thematisiert er aber die Zweifel daran, das Gegenbild dazu.

Ist es das, was sie heutigen Besuchern bewusst machen wollen?

Die Form, wie die Generation von Beuys noch an Autorität geglaubt hat, dem begegnet die jüngere Generation im besten Fall mit Augenzwinkern, im schlechtesten mit unverhohlener Verwunderung. Indem ich die Aktionen in ihrer Widersprüchlichkeit zeige, hoffe ich, Brücken zu schlagen zum heutigen Umgang mit Bildern und Metaphern, die Beuys evozierte und die sich weiter entwickelt haben. Zugleich ist es aber auch wichtig, dass sich jemand noch traut, die grossen Zusammenhänge zu suchen und bewusst die Gefahr auf sich nimmt, daran zu scheitern. Traut sich niemand mehr an grosse Gesten, entstehen keine Visionen, dann geht Geschichte nicht mehr weiter.

Im Zentrum Ihrer Ausstellung stehen die «Feuerstätten». Stehen sie paradigmatisch für den Wandel in der Kunst von den skulpturalen zu installativen Werken?

Beuys’ Werk steht permanent im dritten Stock des MGK, weil es diese paradigmatische Qualität aufweist. Was Sie ansprechen, ist einer der wichtigsten Wechsel, den man in zahlreichen Werken, die wir hier zeigen, wiederfindet. Auch Marcel Broodthaers, den wir im Frühjahr und Sommer ausgestellt haben, ist so ein Paradigmenverschieber. Und wir werden noch Weitere zeigen. Auch in diesem Umfeld spielt die Beuys-Ausstellung eine zentrale Rolle. Dass wir Paradigmenverschieber zeigen, gehört mit zu den Aufgaben eines Museums für Gegenwartskunst. Wir zeigen nicht einfach nur neue oder junge Kunst, sondern wir wollen Gegenwart verstehen. Gegenwart entsteht erst, wenn man das Neue, wenn man Aktualität reflektiert. Wenn man fragt: Wie entsteht etwas? Welche Ideen haben sich woraus entwickelt? Wo knüpft jemand an? Wo öffnete jemand eine Tür und machte Licht in dem Raum, den nun andere betreten, ihn erweitern und umbauen? Was wir ausstellen, binden wir in einen zeitlichen und inhaltlichen Kontext ein. Deswegen macht es Sinn, die Bestände von Beuys permanent zu zeigen, aber eben auch, sie auch mal zu verändern.

Beuys brachte den Filz und das Fett als Materialien in die Kunst. Sehen wir von der Legende um die Materialien einmal ab. Will Beuys das Alltägliche, den Gegensatz zu den traditionellen künstlerischen Materialien in die Kunst bringen?

Es gibt den Mythos, dass Beuys, der als Kriegspilot im Zweiten Weltkrieg abgestürzt war, von Tataren gerettet und gepflegt wurde. Ob sie wahr ist oder nicht, es ist eine schöne Geschichte. Für mich ist die Geschichte ein Teil seines Kunstwerks. Wichtiger jedoch ist der Punkt, den Sie ansprechen. Ich habe Beuys’ Materialwahl immer auch im Zusammenhang mit Arte Povera gesehen, die arme Materialien einsetzt und den Alltag in die Kunst holt. Wichtig ist auch der Einfluss von Fluxus und Happening. Fett wie auch Zink, das Beuys ebenso benutzte, verändern sich. Das ist der Punkt. Beuys sagte etwa: Wenn sich jemand eine Leinwand und eine Staffelei kauft, beginne das Problem bereits. Beuys löste die Bindung von Kunst an tradierte Materialien und Formen auf. Und er leitet aus diesen Materialien Bedeutung ab. Kupfer zum Beispiel leitet, kann Wärme speichern und kann Energie bündeln und umleiten. In der Aktion «Eurasienstab» steht der aus Kupferdraht geformte Stab dafür, dass Energie von irgendwoher kommt, ihre Richtung aber auch wieder ändern kann. Vielleicht symbolisiert das auch, wie Beuys sein Leben geändert hat vom Kampfflieger der deutschen Wehrmacht hin zum demokratisch-anthroposophischen Aktivisten. Die Bedeutung von Fett taucht schon in den Energietheorien bei Rudolf Steiner auf. Aber vor Beuys nicht in der Kunst. Der Filz dämmt, speichert und schützt. Beuys hatte die Fähigkeit, sowohl aus Materialien als auch aus sozialen Situationen die jeweils darin vorhandenen Spannungen wahrzunehmen und herauszuarbeiten.

Ein Grundstock der Basler Beuys-Sammlung sind die Zeichnungen. Sie aber zeigen diese nicht.

Sie wurden ja 2003/04 im Kupferstichkabinett gezeigt und haben dort ihr Zuhause. Ich habe mich bewusst dazu entschieden, das flüssige Material zu zeigen, die Filme über die Happenings von Beuys. Die Filme transportieren einen weiteren Konflikt, der heute in der Kunstdebatte verhandelt wird. Die Frage ist: Sind die Filme nun originäre Kunstwerke oder sind sie nur Dokumentationen? Bei einigen Filmen ist die Aktion speziell für die Kamera gemacht – wie in «Transsibirische Eisenbahn». Bei anderen ist sich Beuys einfach der Präsenz der Kamera bewusst, aber die Aktion wurde nicht für den Film gemacht. Es gibt im Verhältnis von Dokumentation und Original also verschiedene Grade. Für mich – und ich denke für viele aus meiner Generation und den folgenden – ist eine unterschiedliche Wertigkeit zwischen dem originären Objekt und der Dokumentation inexistent. Nehme ich Aktionskunst als solche ernst, dann erhält auch das Dokument oder die Spur den Charakter eines Kunstwerks.

Beuys schliesst mit seinen Fluxus-Aktionen nicht an die Aktionen der Futuristen und Dadaisten an. Was kam bei ihm neu hinzu?

Dadaismus und Futurismus erfanden eigentlich schon das Happening. Aber sie praktizierten es in einer ganz unterschiedlichen Weise. Die Futuristen entwickelten eine totalitäre Vision, wie die Welt aussehen könnte. Hier liegt der Grund der Nähe zum Faschismus, wie er sich bei einigen Futuristen, so bei Marinetti, zeigte. Dada war das Gegenteil, Dada entwarf keine totalitäre visionäre Weltsicht und versprach der Welt keine Heilung. Das ist in meinen Augen viel radikaler. Beuys’ Aktionen hoben beide Seiten in sich auf. Das ist vielleicht das Neue und die Stärke. Beuys spielte einerseits mit theosophischen Visionen, mit den grossen Gesellschaftsentwürfen, was an ihm heute auch kritisiert wird. Andererseits spaltete er seine Visionen, stellte Gegenbilder und Gegenentwürfe her. Das Versprechen, die Menschen in eine vormoderne Welt zu führen, in der echte Erfahrung wieder möglich ist, konterkarierte er im eigenen Entwurf. Bei Beuys bleibt der Konflikt zwischen grosser Vision und der permanenten Suche als unauflösbare Spannung bestehen. Beuys ist kein Messias, er führt das Bild des Messias nur vor, stellt es zur Diskussion. Seit René Magrittes berühmtem Bild wissen wir «Ceci n’ est pas une pipe». Es ist nur das Bild davon.

War die Fluxus-Bewegung mehr als eine Zeiterscheinung im Zug der 68er-Bewegung?

Für mich ist die Fluxus-Bewegung zwar historisch, ihre Effekte sind aber nicht verschwunden. Die Frage, was Kunst sein kann, wie sie Gesellschaft inspirieren kann, wurde von jüngeren Künstlergenerationen wieder aufgenommen. Unter anderem die Position, dass Materialien vergänglich sein dürfen. Auch dass eine Situation wichtiger sein kann als ein bleibendes Werk. Das sind wichtige und befreiende Aspekte, in denen sich die Präsenz von Fluxus zeigt.

Beuys’ Einsatz für die direkte Demokratie steht seine frühere Mitgliedschaft bei der Hitlerjugend und sein freiwilliger Beitritt zur Wehrmacht entgegen. Ist Beuys’ Aktivität für die Demokratisierung von Kunst und Gesellschaft dennoch glaubhaft?

Für mich ist ein glaubwürdiger Künstler nicht jemand, der Widersprüche aufhebt, sondern jemand, der Widersprüche verkörpert. Interessante Kunst entsteht dort, wo Widersprüche permanent verhandelt werden. Es gibt ja die Metapher von Beuys, «die permanente Konferenz». Das sagt in etwa dies aus. Deshalb ist Beuys für mich keine ideologische Figur, sondern eine voller Widersprüche, was gut ist. Weil er sie auslebt, ist er für mich glaubwürdig. Die Widersprüche werden in den Filmen übrigens viel sichtbarer als in den Installationen.

Hat Beuys seine Vergangenheit thematisiert?

Nicht übermässig, glaube ich. Das wird ihm in neueren Kritiken auch vorgeworfen. Auch dass er sagte, er habe sich in der Zeit als Kampfpilot selbstbewusst und stark gefühlt. Aber so eine Aussage, die wohl der Wahrheit entspricht, ist wichtig. Kampfflugzeuge zu steuern, seien wir ehrlich, muss doch für einen 20-Jährigen ein unglaubliches Erlebnis sein. Schauen Sie sich Bilder aus dieser Zeit an. Der Faschismus hat die Jugend ja gerade mit solchen Dingen geködert. Um solche Mechanismen zu verstehen, ist eine Aussage wie die von Beuys klärend. Und man kann sich ja wandeln. Beuys hat sich gewandelt zum Menschen, der für die Abrüstung gekämpft hat. Das Bild des als Naturphilosoph verkappten Faschisten, das seine Kritiker gern zeichnen, ist viel zu einseitig und deshalb falsch. Aber klar: Beuys hatte das Streben nach dem Gesamtkunstwerk, entwarf Visionen. Aber erst, wenn Utopien verwaltete Realität werden, sind sie totalitär. Der Widerspruch, den Beuys selbst gelebt hat, die stete Neuverhandlung der grossen Vision, die Suche oder besser der «Hang» danach, ist dagegen antitotalitär, diese Gratwanderung macht Kunst aus.