Augusta Raurica

Interview mit einem Gladiator: «Die Römer hatten keinen Begriff für Fairness»

Rund 16 000 Besucher genossen in Augusta Raurica ein entspanntes und zugleich lehrreiches Volksfest. Sie schlenderten durchs Legionärslager, fachsimpelten über archäologische Fundhorizonte, bewunderten Handwerker und liessen sich von den Gladiatoren unterhalten. Das Gespräch mit einem Gladiator zeigt aber: Damals war nicht alles so lustig.

Die Gladiatorenkämpfe sind ein Publikumsmagnet jedes Römerfests. Gebannt kommentieren Kinder das Geschehen in der Arena: «Hast du den roten Fleck gesehen? Da hat er ihn mit dem Schwert erwischt.»

Impressionen von den Gladiatorenkämpfen in Augusta Raurica

Impressionen von den Gladiatorenkämpfen in Augusta Raurica

Die bz wollte von einem der Gladiatoren wissen, was die Akteure bewegt.

Herr Schrader, in der Arena gehen die Gladiatoren ja recht heftig zur Sache. Wie realitätsnah ist das? Als Zuschauer wird man das Gefühl nicht los, das sei einfach ein Kostümklamauk.

Mark Schrader: Ja sicher. Da gibt es eine ganz grosse Grauzone. Schliesslich ist diese Geschichte 2000 Jahre her. Man hat immer das Problem, auf welche Quellen man sich stützt. Wir haben uns deshalb auf die Zeit des Untergangs von Pompeji 79 n. Chr. geeinigt, weil wir da die meisten Informationen haben. Will man Gladiatoren aus anderen Epochen darstellen, spielt viel Fantasie mit: Man hat beispielsweise 5 Prozent der Ausrüstung eines Gladiators zerstreut in ganz Europa gefunden und baut daraus dann 100 Prozent. 95 Prozent sind also Fiktion.

Was ist das Besondere an Pompeji?

Wir haben die Gladiatorenkaserne, die Arena, die Gladiatoren-Wohnungen und -Gefängnisse, die Übungs- und Trainingswaffen und die eigentliche Waffenkammer. Hinzu kommen die Fan-Artikel und – ganz wichtig – die Wandbilder und Mosaike, wo dargestellt ist, was in der Arena ablief. Denn darüber wissen wir sonst nichts, das ist nicht überliefert.

..

Wir haben doch alle Filme wie «Ben Hur», «Spartakus» oder «Quo vadis» gesehen.

Das wurde von den Regisseuren inszeniert. Ein Regisseur versteht sich als Künstler und will unterhalten. Das hat aber nicht einmal ansatzmässig etwas mit der Realität zu tun.

Wer sind die Leute, die nun hier mit Schwert und Schild aufeinander losgehen?

Das geht von Managern grosser Firmen über Studenten bis zu Handwerkern. Es gibt keinen Beruf, der da nicht mitmachen würde.

Und wie kommt man dazu?

Das fängt schon in diesem Alter an (er deutet auf einen als römisches Kind verkleideten Bub).

..

Ist das Ihr Sohn?

Nein, Erik ist der Sohn eines Mitgladiators. Aber der Sohn eines Gladiators ist hier im Lager der Sohn aller Gladiatoren. Also: Man interessiert sich schon als Kind für Schwerter und Helme. Man geht ins Museum und kann mal so etwas anziehen. Es läuft also darüber, dass man guckt: Wie fühlt sich Geschichte an?

Aber Sie legen doch Wert auf die Fakten?

Natürlich muss man auch lesen. Im Museum habe ich Zugang zu den wissenschaftlichen Arbeiten. Aber Handwerker meinen dann oft, obs das nicht ein bisschen kürzer gebe. Und irgendwann reicht das Lesen nicht mehr, man will es ausprobieren, baut es nach. Und so fliesst das historische mit dem sportlichen Interesse zusammen.

Sport klingt nach Regeln und Schiedsrichtern.

Bei den Kämpfen gab es sogar zwei Schiedsrichter, weil Gladiatoren eine Kapitalanlage waren. Da standen Sponsoren dahinter, es gab die Besitzer der Gladiatorenschulen, denen die Gladiatoren gehörten. Der Eigentümer entschied, ob er den Gladiator vermietet, verkauft oder töten liess.

Wie wurde über den Tod entschieden?

Aufgrund des Geldes, das von aussen kam, denn der Besitzer wollte ja den Gladiator ersetzt bekommen.

..

Was hat das mit den Schiedsrichtern zu tun?

Die schützten das Kapital. Bei einem Unfall oder falls sich ein Ausrüstungsteil löste, wurde der Kampf unterbrochen, denn wenn es zu einer nicht abgesprochenen Tötung kam, war der Chef pleite. Die Schiedsrichter sollten das verhindern.

Es gab also nicht Regeln wie bei heutigen Sportarten?

Nein, da wurde mit List, Tücke, Finten, mit unterschiedlichen Stilen gekämpft. Im Latein gibt es keinen Begriff für Sport. Das war etwas für Griechen, die Sport treiben mussten, damit sie sich wehren konnten. Als Römer hatte man eine Berufsarmee. Man hatte Bodyguards, Berufskiller und Attentäter, was teilweise Gladiatoren waren. Die Römer hatten keinen Begriff für Fairness. Das war eine andere Kultur, damit muss man sich heute als Gladiator auch auseinandersetzen.

Waren die Tötungen immer geplant?

Meistens. Sehr wenige Berufsgladiatoren sind im Zweikampf umgekommen, ohne dass vorher Geld geflossen wäre. Der Tod wurde im Voraus bezahlt. Der adlige Politiker, der die Spiele veranstaltet, hat damit geworben. Das Volk war dann so euphorisiert, dass man es mit Propaganda überschütten konnte.

Und die Gladiatoren mussten das einfach hinnehmen?

Ja, die hatten ja keine Rechte. Wir haben heute das Zeitalter der Aufklärung hinter uns und sehen das anders. Die römische Kultur kannte aber Begriffe wie «Grundrechte von Geburt an» nicht. Das mussten sich unsere Vorväter erkämpfen.

Sie stellen nun Kämpfe aus der Zeit vor den Menschenrechten dar. Verabreden Sie in Ihrer Truppe dazu eine Choreografie?

Nein, Choreografie wäre der Tod dieses Sports. Wir bezeichnen es als Sport, weil wir miteinander kämpfen und nicht gegeneinander. Da folgen wir nicht dem antiken Vorbild. Wir können das nicht ernst darstellen, da hört das Hobby auf. Strukturen aus der Antike kann man mit unserer Aufgeklärtheit und unseren Rechten nicht darstellen. Bei einer Choreografie müsste man davon ausgehen können, dass sich der andere genau daran hält. Und das funktioniert nicht länger als 30 Sekunden, bis einer vergisst, was nun kommt. Deshalb gabs in der Vergangenheit viele schwere Verletzungen. Aber es gibt grobe Absprachen, wie man ein gutes Ende des Kampfs findet.

Wie intensiv ist dann der Kampf?

Wir treffen uns hier international, sind also dabei, eine Liga zu bilden. Wenn wir aber mit jemandem aus der eigenen Gruppe kämpfen, den wir gut kennen, dann ist die Intensität höher und der Kampf spektakulärer.

Welche Art von Gladiator stellen Sie dar?

An diesem Wochenende bin ich ein Retiarius, ein Netzkämpfer.

Der mit dem Dreizack?

Die Hauptwaffe ist das Netz. Der Dreizack ist nur die Zweitwaffe, damit mich der Gegner nicht direkt über den Haufen rennt.

Man schlägt aber zu und weh tuts doch auch?

Ja sicher. Das ist ein Kampfsport.

..

Werden Treffer notiert wie beim Boxen?

Nein.

Wie reagieren die Arbeitgeber, wenn beispielsweise der Finanzberater in einer Bank sich als Gladiator ein blaues Auge zugezogen hat?

Die meisten Blessuren beschränken sich auf den zentralen Oberkörper, und da trägt man ja ein Hemd. Bei den Fingern sieht mans dann halt. Aber normalerweise ist das kein grösseres Problem als bei einem Karateka, einem Boxer oder Taekwondo-Kämpfer.

Gladiatorenkampf ist aber keine anerkannte Sportart.

Wir gehören zum historischen Fechten, und dieses steht kurz davor, international anerkannt zu werden.

Wie trainiert man das?

Es braucht eine gewisse Grundfitness. Und dann kommt das unterschiedliche technische Training für die verschiedenen Waffengattungen. Wir treffen uns einmal im Monat, um einen ganzen Tag lang die Kampftechnik zu trainieren und die Ausrüstung zu verbessern.

Baut man die Ausrüstung selbst?

Ja, das meiste. Wenn es um Sicherheit geht wie beispielsweise beim Helm, dann lassen wir das von Fachleuten bauen.

Ist man von der körperlichen Konstitution her für einen bestimmten Gladiatoren-Typ geeignet?

Es gibt Kampfarten, die eher für Ausdauer- und andere, die eher für Kraftsportler geeignet sind.

Es heisst, die historischen Gladiatoren hätten sich eine schützende Fettschicht angefressen.

Das ist Unsinn. Vielmehr entsprachen sie dem körperlichen Idealbild der jeweiligen Epoche. In Zeiten der Knappheit – wie der Spät-Antike – gilt ein wohlgenährter Körper als Zeichen des Reichtums. Aber in der pompejianischen Epoche hatten Gladiatoren eine athletische Statur.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1