Facebook-Post
Irritierender Facebookpost: Baselbieter SVP-Nationalrätin wirft Secondos Mitschuld an hohen Fallzahlen vor

Wer über die Weihnachtstage zu seiner Familie geflogen sei, trage eine Mitschuld, wenn die Fallzahlen nicht sinken: Das schreibt Sandra Sollberger auf Facebook. Auf dem Bild zum Beitrag sind Flüge aus Pristina aufgelistet. Dabei ist Kosovo kein Corona-Hotspot.

Benjamin Wieland
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«Retour von den Familienfesten. Einreise ohne Negativ-Test»: Sandra Sollberger verlangt strengere Einreisebestimmungen für Rückkehrer am Flughafen.

«Retour von den Familienfesten. Einreise ohne Negativ-Test»: Sandra Sollberger verlangt strengere Einreisebestimmungen für Rückkehrer am Flughafen.

bz-Archiv/Roland Schmid

Nachdenklich sei sie, schrieb Sandra Sollberger in einem Facebook-Post. Der Baselbieter SVP-Nationalrätin graust es bei der Vorstellung, dass Menschen, die über die Weihnachts- und Silvestertage zu ihren Verwandten geflogen sind, nicht nur schöne Erinnerungen und Geschenke in die Schweiz zurückbringen, sondern auch Sars-CoV-2-Viren.

Für diesen Post erntete Sandra Sollberger auch Kritik.

Für diesen Post erntete Sandra Sollberger auch Kritik.

Screenshot Facebook

Damit nicht genug. Sollberger beklagt auch eine ungerechte Behandlung: «Die Schweiz schliesst im eigenen Land Skilifte, Restaurants, Fitnessstudios ... zerstört unsere Wirtschaft und Kultur, (...) wir sagen unsere Weihnachtstraditionen ab. (...) Aber an den Grenzen darf das Virus ungestört in unser Land.» Wenn die Ansteckungen jetzt wieder ansteigen würden, schreibt die Liestalerin auf Facebook weiter, müsse sich niemand wundern. «Wer ist wohl dann wieder schuld?»

Wer wirklich Schuld wäre an einem Wiederanstieg der Covid-19-Erkrankungen, weiss Sollberger. Zumindest könnte man das meinen anhand des Fotos zu ihrem Facebook-Post: ein Screenshot der Ankunftstafel des Euro-Airports mit fünf Flügen, davon vier aus Pristina, Hauptstadt des Kosovo. Der Subtext des Beitrags würde dann in etwa lauten: Die Menschen mit Wurzeln im Balkan sind es, die nach Hause fliegen, sich dort anstecken und bei der Rückkehr das Virus in der Schweiz verbreiten, während wir Schweizer brav daheimbleiben.

14-Tage-Inzidenz ist im Kosovo dreimal tiefer

Der Post, den Sollberger am Sonntag publizierte, wurde fast 300-mal kommentiert. Sollberger musste sich auch Kritik anhören – berechtigte Kritik. «Trotz Homeoffice und allem drumherum wurde ich in der Schweiz mit Corona angesteckt!», hiess es. Oder: «Die aktuelle Lage im Balkan ist deutlich besser und sicherer als in der Schweiz.» Eine Frau bemerkte, es sei «erstaunlich, dass man aus der Schweiz noch irgendwo hinfliegen darf – wir sind die Keimschleudern, nicht die anderen».

In der Tat: Der Kosovo weist eine klar tiefere 14-Tage-Inzidenz als die Schweiz auf. Laut dem European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC), auf das auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) verweist, gab es im Kosovo in den Wochen 51 und 52, also vom 14. bis 27. Dezember, im Schnitt 234,69 Fälle pro 100'000 Einwohner. Der Wert in der Schweiz liegt mehr als dreimal höher: bei 748,05 Fällen pro 100'000 Einwohner. Kosovo-Heimkehrer müssen schon seit längerem nicht mehr in Quarantäne. Das BAG strich das Land am 28. September von der Quarantäneliste.

Sandra Sollberger, SVP-Nationalrätin Baselland

Sandra Sollberger, SVP-Nationalrätin Baselland

zvg

Sandra Sollberger sagt, viele Kritiker hätten ihren Post nicht einmal richtig gelesen. «Es war sicher nicht mein Ansinnen, eine bestimmte Bevölkerungsgruppe anzuschwärzen. Mir geht es ­darum, aufzurütteln: Viele, die ihre Verwandten hier in der Schweiz haben, sind nicht zu den Grosseltern gefahren, obwohl die Anreise mit dem Auto oder mit dem Zug weniger gefährlich wäre als mit dem Flugzeug.» Sie könne nachvollziehen, dass man über die Feiertage seine Liebsten besuchen wolle. «Aber man sollte es in dieser Situation eben besser nicht tun.»

Ein Viertel mehr Passagiere auf Strecke Basel–Pristina

Die Folgen eines Wiederanstiegs der Fälle wären verheerend, sagt Sollberger: «Dann wird der Bundesrat verfügen, dass auch alle Läden, die keine Güter des täglichen Bedarfs anbieten, wieder schliessen müssen – das wäre fürs Gewerbe katastrophal.»

Das Bild zum Post zeigt vier Flüge nach Pristina und einen nach Chisina, Moldawien.

Das Bild zum Post zeigt vier Flüge nach Pristina und einen nach Chisina, Moldawien.

Screenshot Facebook

Warum verwendete Sandra Sollberger ausgerechnet Flüge nach Pristina als Bebilderung? Und nicht solche, in denen sich sicher auch – oder zur Mehrheit – Schweizer getummelt hätten, etwa Flüge nach Gran Canaria? Sie erklärt, an jenem Tag habe es kaum andere Destinationen gegeben.

Der Euro-Airport schreibt, es sei viel los gewesen auf der Strecke Basel–Pristina. Vom 17. bis 27. Dezember habe man 102 Jets mit Ziel Kosovo gezählt. Das seien zwar 15 weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, jedoch habe die Sitzplatzauslastung von 77 auf 97 Prozent zugenommen. Unter dem Strich bedeute das: Über die Feiertage, Silvester nicht inbegriffen, flog rund ein Viertel mehr Passagiere ab Basel nach Pristina als 2019 – da bestand wohl einiges an Nachholbedarf.

Ich kenne Leute aus dem Kosovo. Die haben mir beigepflichtet.  

(Quelle: Sandra Sollberger, SVP-Nationalrätin Baselland)

Sollberger ergänzt, ihr gehe es nicht darum, diese Flüge zu verbieten. «Aber es sollten, wenn schon keine Quarantäne angeordnet wird, wenigstens Tests verlangt werden.» Dass es in der Schweiz mehr Fälle gebe, sei für sie ein Grund mehr, nicht zu verreisen: «Ich kenne Leute aus dem Kosovo. Die haben mir beigepflichtet. Sie sagten, sie würden nicht zu ihren Verwandten fliegen, denn sie wollten ja niemanden anstecken.»

Sollberger sagt, sie habe extrem viele Reaktionen erhalten, leider auch bedrohende Zuschriften: «Sie liegen jetzt bei meinem Anwalt, und wir erwägen rechtliche Schritte.»