Integration

Ist die «schreckliche deutsche Sprache» für Expats nicht zwingend nötig?

Die zweisprachige «Swiss International School» ist im Basler Messequartier angesiedelt.

Die zweisprachige «Swiss International School» ist im Basler Messequartier angesiedelt.

In einem Kommentar kritisierte Publizist Daniel Wiener, dass Expats die «schreckliche deutsche Sprache», wie sie Mark Twain nannte, zu wenig gut beherrschten. Auf seine Äusserung folgten Lob aber auch Kritik. Ein Blick in internationalen Schulen zeigt: Am Deutsch-Angebot für den Nachwuchs der stark internationalisierten Arbeitnehmenden der Basler Wirtschaft fehlt es nicht. Dafür könnten andere Faktoren eine Rolle spielen.

Vergangene Woche sorgte ein Gastkommentar in dieser Zeitung für Aufregung in der Expat-Community. Publizist und Unternehmer Daniel Wiener rief einen fiktiven Expat auf: «Lern Deutsch!» Damit kritisierte der Kolumnist diese meist hochgebildeten Ausländer, die sich zu stark von der Schweizer Bevölkerung separieren und in einer elitären, wohlhabenden und intellektuellen Blase verkehren würden, in der viele die deutsche Sprache nicht beherrschten. Die Landessprache sei an der International School Basel vielleicht gar nicht so wichtig, so sein Verdacht.

Der englischsprachige Autor Bryan Stone, der seit 50 Jahren im Leimental wohnt, stimmt dem Verdikt zu: «Leider sehe ich immer noch so viele Expats, die nie aus dem intellektuellen Ghetto herauskommen», schreibt er der bz. Eine andere Leserin ärgert sich dafür stark über Wieners Äusserungen. Diese würden nicht berücksichtigen, wie oft zahlreiche Expats die Stelle und das Land wechseln müssten und man ihnen kaum zumuten könnte, jede Landessprache zu lernen. «Es gibt einige Expats hier in Basel, die sich tapfer mit der ‹horrible German language› (Mark Twain) herumschlagen. Einige schaffen es aber auch einfach nicht, weil sie sich noch mit ganz anderen Problemen herumschlagen.»

In internationalen Schulen ist Deutsch ein Pflichtfach

Die internationalen Schulen wehren sich ebenfalls gegen Wieners Äusserungen. Gemäss Balasz Szegedi von der Baselbieter International School Basel ist Deutsch bis zum 14. Altersjahr obligatorisch im Lehrplan vorgeschrieben. «Im Alter von 14 bis 16 Jahren ist Deutsch zwar optional, aber 87 Prozent der Kinder lernen weiterhin Deutsch», fügt er hinzu. Spezifische Anforderungen für internationale Schulen gibt es indes im Baselbiet nicht. Private Schulen sind lediglich verpflichtet, ein vergleichbares Angebot wie die Volksschule zu bieten, den Anschluss zur öffentlichen Schule zu gewährleisten und den Lehrplan zu beachten. Internationale Schulen sind bloss angehalten, einen «ausreichenden Deutschunterricht» anzubieten.

Basel-Stadt hat striktere Vorgaben. Internationale Schulen sind gesetzlich gezwungen, Deutschunterricht anzubieten. Sofern Englisch die Hauptsprache im Curriculum ist, muss Deutsch die erste Fremdsprache sein. Die Sprache muss in allen Schuljahren unterrichtet werden, und zwar in einem festgelegten Umfang: Ab der Primar sind es drei Lektionen pro Woche. Werden diese Auflagen nicht eingehalten, erhalten die Privatschulen gar keine Betriebsbewilligung. Die Swiss International School gibt an, der deutschen Sprache einen gleichwertigen Platz wie Englisch einzuräumen, da der Unterricht auf allen Stufen zur Hälfte auf Deutsch stattfinde. Damit würden sich ihre Studenten in beiden Sprachen «muttersprachliche Kenntnisse» aneignen.

Auch die Academia International School gibt an, über alle Stufen der obligatorischen Schuljahre finde der Unterricht gleichwertig in beiden Sprachen statt. Die Absolventen ihres Gymnasiums legten eine C 1-Prüfung in den jeweiligen Fremdsprachen ab. Der Kanton verlangt nicht, dass Schüler ein spezifisches Niveau erreichen. Grundsätzlich fordert das Migrationsamt aber, dass Ausländer mündlich das Referenzniveau A 1 erreichen. Für die Erteilung eines C-Ausweises ist ein A 2 mündlich und A 1 schriftlich gefordert. Die Erläuterungen des Baselbieters Migrationsamts konnten vor Redaktionsschluss nicht eingeholt werden.

Die mangelnde Integration von Expats liege nicht am Willen

Dass es dennoch eine Blase mit hochqualifizierten, international orientierten Ausländern gibt, bestreitet kaum jemand. Kathy Hartmann-Campbell hat deswegen vor Jahren die Organisation «Basel Connect» gegründet, die Expats mit der Schweizer Bevölkerung verbinden will. Unter anderem fordert sie Expats auf, bei einem längeren oder gar definitiven Aufenthalt ihre Kinder in die Staatsschule zu schicken. Sie habe deshalb auch schon internationale Schulen verärgert, die um ihre Kundschaften fürchten und die Volksschule zuweilen als Konkurrenz empfinden. Allerdings ruft die eingebürgerte Schweizerin zu mehr Differenzierung auf: «Natürlich gibt es in Gemeinden wie Oberwil oder Bottmingen eine hör- und sichtbare englischsprachige Community. Novartis-Angestellte etwa, die viel Geld verdienen und sich grosse Häuser in schönen Quartieren leisten können.»

Sie meint aber auch, dass es viele Gegenbeispiele gibt und will darauf aufmerksam machen, dass Expats in der Regel eine andere Muttersprache als Englisch haben. Sie ist auch nicht einverstanden, dass die Integration bloss am fehlenden Willen der Expats scheitern würde: Viele Umfragen zeigen auf, dass Expats Mühe haben, Freunde in der Schweiz zu finden, und 30 Prozent von ihnen empfinden Schweizer als unfreundlich. Gemäss Hartmann-Campbell sind auch viele Schweizer bereit, auf andere Sprachen zu wechseln. «Ich kenne keine Expats, die es nicht versucht haben. Ich kenne aber sehr wohl Leute, die es aufgegeben haben.»

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