Stadtentwicklung
Ist ein multi-kulturelles Zusammenleben in Wohntürmen möglich?

Eine Studie der Hochschule Luzern befürchtet einen Misserfolg, wenn im Entwicklungsgebiet Basel-Ost, also am Rhein im Gebiet Rankhof, eine Siedlung aus Wohntürmen im Park gebaut wird. Experte Thomas Kessler nimmt dazu Stellung.

Nicolas Drechsler
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Funktionierendes Beispiel für einen Wohnturm: Sperrstrasse 40.

Funktionierendes Beispiel für einen Wohnturm: Sperrstrasse 40.

Martin Töngi

Im Interview mit der bz ist Thomas Kessler, Leiter der Abteilung Kantons- und Stadtentwicklung im Präsidialdepartement.

Stadtentwicklungs-Experte Thomas Kessler «Wir haben in Basel mit Wohntürmen viel Erfahrung, wir kennen die Herausforderung und auch die Chancen.»

Stadtentwicklungs-Experte Thomas Kessler «Wir haben in Basel mit Wohntürmen viel Erfahrung, wir kennen die Herausforderung und auch die Chancen.»

bz

Die Studie der Luzerner Hochschule stellt eine schwierige Prognose für die geplanten Wohntürme der Stadtrandentwicklung Basel-Ost, wo 2000 Menschen in einem Park wohnen sollen. Sie führt Beispiele aus Weltstädten an, die zeigen, dass die soziale Mischung in Wohntürmen nicht funktioniert. Was sagen Sie dazu, Herr Kessler?

Thomas Kessler: Weder die Pariser Banlieue noch Berliner Luxusbauten sind eine Referenzgrösse. Die ältesten Wohntürme in der Schweiz stehen in der Entenweidstrasse im Basler Kannenfeld. Die sind enorm beliebt, und haben lange Wartelisten. Dort möchten viele hin, von Senioren bis zu Familien. Wir haben in Basel mit Wohntürmen viel Erfahrung, wir kennen die Herausforderungen und auch die Chancen.

Die Autoren stellen fest, dass es Wohntürme wie in Berlin gibt, wo Reiche wohnen und solche wie in Paris, wo Arme wohnen. Besteht hier die Gefahr einer sozialen Segregation?

Diese Türme bringen mehr soziale Nachhaltigkeit, nicht weniger. In diesen Quartieren hat es jetzt viel sozialen Wohnraum und Wohnraum im tiefen Preissegment. Ausserdem reden wir hier nicht über sehr reiche Leute, die wollen in einer Villa oder einem Penthouse wohnen. Wir reden hier über normale, mittelständische Arbeitnehmer. Genau dieser Mittelstand engagiert sich oft auch freiwillig und hilft das Quartierleben mitzutragen.

Die Autoren der Studie glauben auch, dass sich die Wohntürme negativ auf das Quartier auswirken könnten ...

Es ist umgekehrt. Es handelt sich ja um eine Forschungsarbeit der Fachhochschule Luzern, nicht um ein Entwicklungsprodukt von Leuten, die sich überlegen müssen, wie die Region in 20 Jahren aussehen soll. Die Tendenz einer Forschungsarbeit ist es, den Istzustand als fixen Ausgangspunkt zu betrachten, das ist er aber nicht. In den 70er-Jahren ist der Mittelstand weggezogen, der nun zurückkehren will. Das ist eine erfreuliche Wiederherstellung einer nachhaltigen Bevölkerungszusammen-
setzung. Die Wohntürme bilden eine optimale Ergänzung zur bestehenden Siedlungs- und Infrastruktur, mit minimalem Bodenkonsum wird zentrumsnah und quartierbelebend Wohnraum geschaffen.

Die Studien-Verfasser kritisieren auch, niemand wolle an den Stadtrand ziehen. Kann ein paar Meter von der Landesgrenze weg wirklich etwas Sinnvolles entstehen?

Basel-Ost liegt genau im Zentrum der Agglomeration, nicht am Stadtrand, hier muss man etwas grossräumiger denken. In unmittelbarer Nachbarschaft im Roche-Neubau entstehen in zwei Jahren 2000 neue Arbeitsplätze. Ausserdem liegt dieses Quartier zwischen den beiden grössten Städten der Nordwestschweiz, Riehen und Basel. Und acht Minuten vom historischen Stadtkern weg. Hier von einer Randlage zu sprechen, ist absurd.

Eine grundsätzliche Kritik an Wohntürmen, die in verschiedenen Studien erhoben wird, besagt, in Wohntürmen wohnen unten einfachere Leute und oben die wohlhabenden. Ist das ein Problem?

Die Höhe zeigt die Schichtung in Lebensphasen und -entwürfen. Familien mit Kleinkindern sind in den unteren sieben Stockwerken anzutreffen. Das ist Wissen aus den letzten 80 Jahren Wohnturm-Architektur. Senioren und Singles wohnen eher weiter oben. Unten braucht es sozialen Raum und eine Beiz. Bei den klassischen Bewohnern der oberen Etagen ist das Begegnungsbedürfnis nicht gleich bedeutend. Aber auch für sie sind Projekte interessant, wie beispielsweise der geplante hölzerne Steg auf den Rhein hinaus, der eine Nutzung des Rheins zum Baden ermöglicht.

Und die oben Lebenden bleiben dann für sich, wie das die Studie befürchtet?

Natürlich können sie das, wenn sie es wollen. Der Staat mischt sich doch nicht ins soziale Leben der Bewohner ein. Das ist nicht seine Aufgabe. Wenn oben in einem Hochhaus Singles und Senioren leben, die eher für sich sein wollen, ist das ihr gutes Recht. Diese gehen aber auch gerne mal unter die Leute. Familien haben natürlich mehr das Bedürfnis nach gemeinsamen Aktivitäten. In der Mischung im Quartier funktionierts.

Und noch ein letzter Punkt: die Parkplatzsituation. In der Studie wird angetönt, es habe nicht genügend Raum für die Autos von 2000 Bewohnern. Was kann man hier tun?

Es wird genügend Parkraum geben. Hier zeigt sich, dass die Studie im Kern nicht von Baslern gemacht wurde, denen klar ist, wie wenig Bedarf an Parkplätzen Menschen haben, die mitten in der Stadt wohnen und arbeiten. Das Beispiel Erlenmatt zeigt, dass nicht einmal alle gebauten Parkplätze vermietet sind. Basel ist die Stadt der kurzen Wege, erst recht von Basel Ost aus gesehen.