Landzunge und Stadtmund

«Ist so, weil war so»

«Wer nicht mit der Zeit geht, der muss mit der Zeit gehen», sagte Bernd Stromberg. (Symbolbild)

«Wer nicht mit der Zeit geht, der muss mit der Zeit gehen», sagte Bernd Stromberg. (Symbolbild)

«Wer nicht mit der Zeit geht, der muss mit der Zeit gehen.», sagte Bernd Stromberg schon Ende der Nullerjahre. Und das ist gut so. Wo nicht den gegebenen Umständen entsprechend agiert wird, wo neue Ideen und Innovationen fehlen, da wird selektiert. Dieses System, was alles eliminiert, was sich nicht dem Puls der Zeit anpasst, hat in der Vergangenheit schon die Dinos, die Blue-Ray und den allseits bekannten Mobiltelefonknochen Nokia 3310 abgegriffen. Aber wieso fehlen Ideen und Innovationen überhaupt? Schliesslich sind wir alle vom Typus Homo Sapiens, in dessen Genpool Fähigkeiten wie Kreativität, abstraktes Denken, Erfindertum und stetige Optimierung nicht rar gesät sind. Im Grunde ist das Problem die Engstirnigkeit, das Spiessertum, die Eindimensionalität, die in unserer DNA noch stärker verwurzelt scheint, als jedes Vorwärtsdenken. Dazu kommt, wir wollen nicht nur nicht fortschrittlich sein, wir denken uns überdies herrlich viele Redewendungen aus, die Schubladendenken und Bequemlichkeit auch noch rechtfertigen, etwa «Ist so, weil war so.» Das soll nicht heissen, dass automatisch alles Alte schlecht und alles Neue gut ist. «Auf alten Pfannen lernt man kochen», stimmt schon, aber wer auf Dauer nichts anbrennen lassen will, muss früher oder später auf Teflon umsteigen.

Dass wir nicht offen sind für Neues, das fängt wie jedes Übel schon ganz klein an, etwa in der Kulinarik. Bei den Leuten, die nur essen, was schon ihre Oma nach Grossmutters Rezept gekocht hat. Bei den Leuten, die das in der Mensa servierte Dinkelkernotto für die einzige Foltermethode der Welt halten, die nicht von Amnesty International bekämpft wird. «Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht.», sagen sie dann mit einem Schulterzucken, als wäre damit alles gerechtfertigt. Mit dieser philiströsen Schnäderfrässigkeit wären wir bis heute nicht von Maniokwurzeln und Mammutfleisch losgekommen.

Und vom Tellerrand aus geht es weiter zu Themen wie Mode, Sprache, sexuelle Orientierung, Musik oder gleichgeschlechtliche Partnerschaft. Von allem haben wir Menschen von heute noch zu halten, was von den Menschen von vor 50 oder 100 Jahren schmalspurig festgefahren wurde. «Aber sowas ist halt auch schon wichtig, ne?» hört man dann. «Routinen geben Struktur und Gewohnheiten geben Sicherheit». Aha. Das muss ja eine verdammt solide Sicherheit sein, wenn sie durch einen blossen Teelöffel fremdländisches Gewürz oder einen Siebzehnjährigen, der Nagellack trägt, dermassen ins Wanken gerät.
Oft ist der neue, veränderte Umstand ja gar kein Problem. Das Problem ist nur, das wir meinen, eins darin zu sehen. Heutzutage tragen nicht nur Frauen Crop-Tops und High-Heels. Heutzutage verwenden nicht nur Inder*innen Garam Masala in der Küche. Deswegen stirbt nicht jede Stunde irgendwo ein Pandababy. Wenn die Glut sinnvoll ist, dann lasst uns die weitertragen. Aber Asche anbeten? Nein, das nicht.

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