Basler Justiz

Jagd auf professionelle Firmenbestatter

Beim Basler Konkursamt häufen sich die Dossiers von verschuldeten Kleinbetrieben aus dem Bau- und Gastrogewerbe.

Beim Basler Konkursamt häufen sich die Dossiers von verschuldeten Kleinbetrieben aus dem Bau- und Gastrogewerbe.

Die Basler Justiz befürchtet, dass sich kriminelle Organisationen von Zürich an den Rhein verlagern.

Rolf Peter Welter hat zu tun. Nachdem die Zürcher Staatsanwaltschaft den Druck auf sogenannte Firmenbestatter erhöht hat, fliesst ihm neue Klientel zu. Welter ist von Basel aus tätig; legal, wie er vor Jahresfrist meinte, als diese Zeitung erstmals sein Geschäft beschrieb.

Welter übernimmt gegen ein Entgelt von einigen tausend Franken Firmen von Kleinunternehmern, die einen Schuldenberg angehäuft haben. Nach einigen Monaten, in denen keine Tätigkeit erkennbar ist, gehen die Firmen Konkurs. Während Welter im Basler Handelsregister als ungekrönter Konkurskönig geführt wird, haben die eigentlichen Schuldenverursacher mit unbelastetem Leumund ein neues Unternehmen gegründet.

Mittlerweile ist die Branche jedoch von Unruhe erfasst. Denn der Zürcher Justiz ist es ernst. Diesen Monat hat das dortige Strafgericht einen Mann verurteilt, der 127 Firmen in den Exit der Konkursliquidation geführt hat, wie die NZZ berichtete. Ungedeckte Rechnungen über 13 Millionen Franken trugen die Ermittler zusammen, wobei der eigentliche Schaden wohl höher liegt.

Denn die Gläubiger haber viele Forderungen gar nicht eingereicht, da in den geplünderten Firmen ohnehin kein Geld zu holen ist. Der Gesamtschaden, der durch die Gilde der Firmenbestatter entsteht, dürfte leicht einen dreistelligen Millionenbetrag erreichen.
Die Anklageschrift, die der «Schweiz am Wochenende» vorliegt, zeigt, dass die Zürcher Staatsanwaltschaft von einem kriminellen Netzwerk ausgeht, in dem der Verurteilte nur das letzte Glied einer Reihe bildet: Auf der ersten Ebene finden sich die verschuldeten Kleinunternehmer vor allem aus den Bereichen Bau, Gastronomie und Reinigung; ein Grossteil von ihnen ist türkisch- oder balkanstämmig.

Auf einer zweiten Ebene bewege sich ein kleiner Kreis von Vermittlern, die zur Verschleierung und Konkursverschleppungen die Handwechsel organisieren oder auch die Firmen von einem Kanton in den anderen Kanton dislozieren. Die eigentlichen Firmenbestatter gehörten einer dritten Ebene an.

Ihre Aufgabe ist es, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Denn je langsamer die Mühlen der kantonalen Betreibungs- und Konkursämter mahlen, bis sie einen Konkurs eröffnen und die Liquidation der Firmen verfügen, desto eher bleiben die eigentlichen Schuldenmacher unbescholten.

Welter hat in diesem Jahr etwa die Büroteca GmbH, die Distributi GmbH, die Bahnhof-Bar GmbH und die RE-SA Import-Export GmbH als Geschäftsführer und jeweils einziger Gesellschafter übernommen. Erkennbar aktiv ist keiner der Betriebe. Die gleichen Funktionen hält Welter seit vergangenem Juni bei der Nassa Swiss GmbH.

Diese hat Löhne nicht bezahlt, wie aus amtlichen Dokumenten hervorgeht. Am 8. Mai muss Welter deshalb vor der Schlichtungsbehörde antreten. Nachdem er in der Vergangenheit solche Termine meist unbesucht verstreichen liess, wird er nun wohl den Behördengang machen.

Denn ihm ist bei unentschuldigtem Fernbleiben gleich eine Ordnungsbusse angedroht. Dass die Firma noch Geld in der Kasse hat, um die Ausstände zu begleichen, ist allerdings wenig wahrscheinlich. Der Konkurs wird damit unabwendbar, Welter hat seinen Job gemacht.

Im Rahmen des Gesetzes

Ein Firmenbestatter kommt nicht zwingend mit dem Gesetz in Konflikt. Für eine Anklage müssen die Staatsanwälte etwa den Nachweis erbringen, dass es sich um einen absichtlich und arglistig herbeigeführten Betrug handelt. Denn strafbar ist an sich weder unfähiges Geschäften, das zu Schulden führt, noch die blauäugige Übernahme einer verschuldeten Firma.

Dem verurteilten Zürcher Firmenbestatter ist vor allem zum Verhängnis geworden, dass er als Geschäftsführer der maroden Firmen zahlreiche Handys samt Abonnements bestellte, obwohl er zu diesem Zeitpunkt wissen musste, dass dafür kein Geld vorhanden war. Die Zürcher Strafverfolgungsbehörde hat eine eigene Abteilung zur Verfolgung von Konkursbetrug ins Leben gerufen.

Sie organisiert eine interkantonale Offensive, in die auch die Staatsanwaltschaften von Baselland und Basel-Stadt eingebunden sind, wie diese bestätigen. Vor allem die Basler Staatsanwaltschaft ist sensibilisiert, da sie fürchtet, die Branche weiche von Zürich nach Basel aus. Offiziell sagt Sprecher Peter Gill, die Basler Staatsanwaltschaft richte ein verstärktes Augenmerk auf die sogenannten Firmenbestatter.

Die Strafverfolger sind sich in ihrer Strategie nicht ganz einig, wie ein Involvierter erzählt. Während die einen vor allem die Firmenbestatter verfolgen wollen, richten andere ihren Fokus auf die Hintermänner. Eine Parallele finden sie bei der Drogenfahndung: Strassendealer sind einfach aufzugreifen, sind aber auch schnell durch andere ersetzt; die dahinterliegenden Strukturen sind nur schwer zu knacken, ihre Zerschlagung wäre dafür nachhaltiger. Einig sei man sich jedoch, dass auch die eigentlichen Schuldenmacher härter angefasst werden sollen.

Mundpropaganda

Gerhard Kuhn, Leiter des Baselstädtischen Konkurs- und Betreibungsamtes, sagt, in Basel-Stadt werde jeder Verdachtsfall angezeigt. Er bezweifelt, dass sich dahinter jeweils kriminelle Vermittlerstrukturen verbergen. Es könne schon die einfache Mundpropaganda sein, die einen verschuldeten Wirt oder Bauunternehmer zu einem einschlägig bekannten Firmenbestatter führe.

Ein Netz von Zulieferern

Eine Analyse der Historie der Firmen, die Welter übernommen hat, zeigt, dass die Vorbesitzer und Schuldenmacher häufig keine auffälligen Berufsbiografien haben. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. So haben die kürzlich übernommenen Büroteca GmbH und Distributi GmbH die gleiche Vorbesitzerin.

Diese hatte die Firmen selbst auch nur einige Monate geführt. Ein anderer wiederkehrender Geschäftspartner war mit zwei Firmen selbst treuhänderisch tätig; die erste hat Welter bereits liquidiert, die Nachfolgegesellschaft, die wieder bei Welter gelandet ist, wird betrieben.
Für die Behörden ist dieser Hintermann derzeit «unbekannten Aufenthalts».

Ein Strafbefehl der Eidgenössischen Spielbankenkommission mit einer Busse über 6000 Franken konnte ihm im Februar nicht zugestellt werden; er hatte im Basler Restaurant MixBar an der Kleinhüningerstrasse unerlaubte Glücksspielautomaten aufgestellt.

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