Der Häfelimärt ist die rüstige Urgrossmutter der Herbstmesse: lebenserfahren und schon immer da. Spaziert man durch das Budendorf auf dem Petersplatz, findet man sich schon bald in der Bernoullistrasse wieder. Was zum Teufel suchen Tassen und Krüge an der Herbstmesse? Als Kind fehlte mir schlicht das Verständnis dafür. Hätte mir damals jemand erklärt, dass ich es mit einer alten Dame zu tun habe, wäre ich ihr vielleicht mit mehr Respekt begegnet. Zwei traditionsreiche Stände säumen den Eingang zum Häfelimärt. Rechts preist ein «billiger Lukas» nützlichen Ramsch an. Der Mann versteht sein Metier: Eine zehnköpfige Menschentraube hat sich vor ihm versammelt.

Gegenüber steht der «Hiehnerfuetter»-Stand, den Selmeli Ratti jahrzehntelang voller Hingabe leitete. In diesem Jahr verstarb die Grande Dame des Häfelimärts 94-jährig. Ihre Kinder führen das Erbe weiter und verkaufen Wachskerzen und Geschenkbänder, um mit dem Erlös benachteiligten Menschen den Besuch des Europaparks zu ermöglichen. Selmelis humanitärer Geist weht noch immer durch die Bernoullistrasse.

Es sind Geschichten wie diese, die nur Grossmütter erzählen können. Der Häfelimärt würde Bücher damit füllen. Nicht nur über zerbrochene Keramik und wiedergefundene Deckel — sondern über die Generationen von Menschen, die diese Stadt bevölkerten. Einst waren es die Damen vom «Daig», die gemeinsam mit ihren Mägden neues Geschirr einkauften. Und Hausfrauen, die in dem am Boden ausgebreiteten Geschirrgewühl nach Ersatzteilen suchten. Die Basler Schriftstellerin Emma Kron beendete ein Gedicht im Jahr 1874 mit folgenden Worten: «D Frau mues Ergänzigsmuschtrige halte, drum schwänzlet si hit dervoo … Der Häfelimärt isch wider doo!» Was im vergangenen Jahr zu Bruch ging, konnte ersetzt werden. Die «Geschirrweiber» kauften die Restposten der Fabriken und Stücke mit kleinen Mängeln und verkauften diese den Basler Hausfrauen zu einem guten Preis. Was diese wohl vom heutigen Angebot halten würden?

Vielleicht würden sie skeptisch die modernen Töpfereien bewundern, die auf der rechten Strassenseite angeboten werden. Früher oder später würden sie aber bei Frau Wenger landen. Ihr Sohn hat jetzt zwar das Geschäft übernommen — doch wer mit dem Häfelimärt gross wurde, verlässt ihn auch im Alter nicht. Schon in der vierten Generation betreibt die Familie einen Geschirrstand. Er ist der Letzte, bei dem noch Kisten mit Ersatzgeschirr stehen. Das Geschäft hat sich verändert. «Seit einigen Jahren gibt es keine Langenthal-Deckel mehr, weil sie nicht mehr in der Schweiz herstellen», sagt Wenger. Es seien vor allem Deckel, nach denen ihre Kundschaft in den Ersatzkisten sucht. «Neue Teigschüsseln und Milchhäfen sind gefragt. Die alten Lieferanten hatten das, heute sind sie schwer zu finden.» Ab und zu kämen Bauern auf den Häfelimärt, diese suchen wiederum anderes Geschirr als die Städter. «Man muss das Angebot modernisieren, aber das alte braucht es trotzdem noch.»

Der Häfelimärt ist ein Relikt des 19. Jahrhunderts, als die Warenmesse mitten in der Stadt abgehalten wurde. Vor allem auf dem Münsterplatz herrschte ein buntes Treiben. Doch die ausgelassene Stimmung vor dem Münster widerstrebte den Lehrern und Religiösen. Die Stände mussten 1877 deshalb auf den Petersplatz umziehen. Am Petersgraben war schon eine ganze Weile der Häfelimärt ansässig. Für die Basler war der Umzug ein Skandal. Die Messe sei zum Abserbeln verurteilt, liessen die Hysteriker der Zeit verkünden. In den ersten Jahren regnete es und auch der Wind war bei den «Geschirrweibern» gefürchtet. Doch vertreiben konnte er sie nicht. «Petersplatz und Häfelimärt haben den Charakter des alten Herbstmarktes fast rein bewahrt», schrieb der Historiker Markus Fürstenberger vor 40 Jahren. Der Satz gilt heute noch. Die alte Dame vom Petersplatz lebt weiter.