Es ist gar noch nicht so lange her, da wurde Dee Dee Bridgewater von der NZZ abwertend als Chanteuse bezeichnet. Man sprach ihr damit quasi die Qualifikation als Jazzsängerin ab. Und zwar nur, weil die amerikanische Sängerin in den 70er-Jahren mit Erfolg am Broadway beschäftigt war, im Musical The Wiz mitwirkte, dafür den Musicalpreis Tony Award und einen Grammy erhielt. Unglaublich! Tempi passati. Inzwischen ist die amerikanische Sängerin die unbestrittene First Lady des Jazz und nicht mal die alte Tante, die NZZ, würde sich heute wohl gegen diesen Titel wehren.

Fast ebenso unglaublich ist, dass Dee Dee Bridgewater mit New Orleans, der Geburtstätte des Jazz, lange nichts zu tun hatte. Memphis, Michigan, New York, Paris und Las Vegas waren ihre Lebensstationen. Traditionsbewusst war sie schon immer und arbeitete sich rückwärts durch die Jazzgeschichte: Horace Silver, Duke Ellington, dann ein Tribute-Album für Ella Fitzgerald und im Stück Lady Day schlüpfte sie in die Rolle von Billie Holiday. Wie keine andere aktuelle Jazzsängerin beherrscht, ja verkörpert sie beide grossen Traditionen des weiblichen Jazzgesangs.

Aber erst zum 10. Jahrestag des Hurrikans Katrina hat sich die 65-jährige Sängerin der Musik von New Orleans zugewandt, die sie jetzt am offbeat Jazzfestival Basel in einem begeisternden Konzert im Stadtcasino präsentierte. Hinreissend ihre Satchmo-Einlage in „Basin Street Blues“, grossartig ihre Posaunen-Imitationen, berührend ihre Interpretation des Ellington-Klassikers „Come Sunday“, phänomenal ihre Energie und ihr Rhythmusgefühl. Die kahlgeschorene Jazz-Diva ist eine komplette Sängerin, eine Saftwurzel, ein Showgirl mit komödiantischem Talent. Sie swingt und groovt, dass es eine Freude ist. New Orleans und Dee Dee Bridgewater – das passt.

Dee Dee Bridgewater am Offbeat Jazzfestival Basel

Die Jazzgöttin in Aktion.

   

Das Projekt geht auf die Initiative von Trompeter Irvin Mayfield zurück, diesem erstrangigen Botschafter von New Orleans aus dem Umfeld des Marsalis-Clans. Ursprünglich wurde es für eine Big Band, das New Orleans Jazz Orchestra, konzipiert. In Basel wurde es im Sextett gezeigt, was den Vorteil hatte, dass sich vor allem der Bandleader und der Saxofonist Irwin Hall auch solistisch empfehlen konnten. Und wie! Mayfield ist ein Trompeter, der wie kein Zweiter die für den traditionellen Jazz typischen Growl-Effekte beherrscht. Auch den Namen Irwin Hall muss man sich unbedingt merken. Schon die Konzerte von Jazz-Popsängerin Melody Gardot hat er im Alleingang zum Ereignis gemacht, bei Dee Dee Bridgewater ist er nicht weniger spektakulär. Mayfield wie Hall sind phänomenale Instrumentalisten, die ausgehend von der Tradition die Grenzen ihrer Instrumente mit Experimentierlust, mit Witz und Humor ausloten und ausweiten.

Als Zugabe gibt es mit „Purple Rain“ eine Hommage an den verstorbenen Prince. Der hat zwar nichts mit New Orleans zu tun. Aber ein schöner, feierlicher Abschluss ist es allemal. Es bleiben strahlende Gesichter auf der Bühne wie im Publikum. Yes, Jazz kann auch Spass machen.

Dee Dee Bridgewater am Offbeat Jazzfestival Basel 2

Bridgewater huldigt dem verstorbenen Star Prince mit einem Cover von «Purple Rain».