Novartis
«..., je mehr ich verdiente, desto mehr begann mich das Geld zu beschäftigen»

Daniel Vasella tritt als Verwaltungsratspräsident zurück. Doch seine Lohnexzesse geben auch nach seinem Rücktrit zu reden. Doch nebst der Kritik gibt es auch Lob für den Novartis Chef.

Iso Ambühl
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Daniel Vasella tritt als Verwaltungsratspräsident zurück

Daniel Vasella tritt als Verwaltungsratspräsident zurück

Keystone

Basels «drey scheenschte Dääg» von nächster Woche erhalten in diesem Jahr eine besondere Fortsetzung: An der Generalversammlung des Pharmakonzerns Novartis in der St. Jakobshalle tritt am Freitag Verwaltungsratspräsident Daniel Vasella (59) zurück. Für Zoff ist gesorgt: Mit Fahnen und Transparenten wollen die Jungsozialisten gegen Vasellas «Millionen-Fallschirm» protestieren.
Der Streit über seine Lohnexzesse hört auch nach seinem Abgang nicht auf. Dafür hat der gelernte Arzt einmal mehr selbst gesorgt. Nach dem Bezug von über 13 Millionen Franken für 2012, einem riesigen Honorar für einen Verwaltungsratspräsidenten, soll er auch einen goldenen Fallschirm erhalten.

Spende für gemeinnützige Zwecke

Maximal 12 Millionen jährlich, total 72 Millionen Franken, soll Vasella für die nächsten sechs Jahre für Beratungsdienste und die Einhaltung eines Konkurrenzverbots bekommen. Dies bestätigte er am Freitag gegenüber der SRF-«Tagesschau». Und schon ist er wegen seiner Faszination für Geld wieder in den Schlagzeilen. «Das Seltsame ist, je mehr ich verdiente, desto mehr begann mich das Geld zu beschäftigen», beichtete der Novartis-Chef vor zehn Jahren dem US-Wirtschaftsmagazin «Fortune». Die 72 Millionen will er für gemeinnützige Zwecke spenden. In der Vergangenheit hat er über eine Familienstiftung bereits ein Projekt in Mali finanziert: «Glücklicherweise sind weder die Schule noch das Spital vom Krieg betroffen und funktionieren gut weiter», sagt Vasella.

Bislang hat der Novartis-Lenker die Diskussionen um seinen Verdienst stets mit einer ihm eigenen Sturheit und Arroganz gekontert. So verteidigte er seine Jahreslöhne von 20 bis über 40 Millionen Franken mit dem Hinweis, dass er sein Geld «redlich» verdiene und sein Gehalt nichts «mit Ethik und Moral, sondern mit dem Markt» zu tun habe. Trotz aller Kritik haben ihm seine 17 Jahre an der Spitze von Novartis und die 25 Jahre im Unternehmen «sehr gefallen», wie er kürzlich in einem Brief an die Mitarbeitenden schrieb.

400 Millionen Franken in 12 Jahren

Doch die Freude ist getrübt. Die neueste Kritik an seinen Millionen-Bezügen ist von seltener Schärfe. So legt das Wirtschaftsmagazin «Bilanz», das sonst mit Spitzenmanagern pfleglich umgeht, in seiner neuesten Ausgabe eine bitterböse Abrechnung mit dem Novartis-Chef vor. Tenor: «Spitze war Daniel Vasella vor allem in einem: dem Aufbau seines Systems der Bereicherung.» Mit gütiger Hilfe von Novartis-Verwaltungsräten habe Vasella «als höchstbezahlter Manager der Schweizer Wirtschaftsgeschichte» seit 2000 total fast 400 Millionen Franken verdient, schreibt die «Bilanz».
Die Gunst der Stunde nutzt auch der Schaffhauser Ständerat Thomas Minder, über dessen Initiative «gegen die Abzockerei» am 3. März abgestimmt wird. Er fühlt sich in seiner Meinung über Vasella bestätigt: «Der Typ ist und bleibt der Oberabzocker der Nation, wenn man sieht, dass er bei einer Million angefangen hat», schimpft Minder.

Der Novartis-Chef betont zwar seit Jahren, dass die Pharmaindustrie im Dienst der Menschen, der Kranken, stehe. Statt mit Medikamenten erregt der Basler Konzern aber vor allem mit dem üppigen Lohn seines Chefs Aufsehen. Wegen der harten Kritik sind Kadermitglieder konsterniert. Sie sind enttäuscht, dass nicht auch Vasellas Leistungen für Patienten und den Arbeitsplatz Schweiz erwähnt werden. Etwa sein Einsatz nach der Fusion von Sandoz und Ciba-Geigy zu Novartis. Umsatz und Gewinn sind seither fast jedes Jahr massiv gewachsen. Oder der Einsatz des Konzerns gegen die Malaria weltweit.

Hat viel für den Wirtschaftsstandort Basel geleistet

Einer, der Vasella schätzt, ist Basels ehemaliger Wirtschaftsdirektor Ralph Lewin (SP), der mit ihm eng zusammenarbeitete. Der Novartis-Chef habe sehr viel für den Wirtschaftsstandort Basel geleistet, sagt der Sozialdemokrat: «Der Novartis-Campus geht auf seine persönliche Initiative zurück, und er hat dieses Projekt beharrlich verfolgt.» Seit 2004 wurden im Basler Firmenareal 14 neue Gebäude von Stararchitekten für 2500 Mitarbeitende mit einem Investitionsvolumen von 2,2 Milliarden gebaut. Mit dem Campus lege Novartis «ein eindrückliches und längerfristiges Bekenntnis zu unserem Standort ab», lobt alt Regierungsrat Lewin.

Trotz guter Taten bleibt an Vasella das negative Image des geldgierigen Managers hängen. Ist sein heutiges Verhalten auf den Verlust seiner früheren Ideale zurückzuführen? Vasella hatte den Arztberuf gewählt, um zu helfen und es besser zu machen: Sein Vater war an den Folgen eines ärztlichen Kunstfehlers gestorben. Bereits als Jugendlicher trat er der damaligen Ligue Marxiste Révolutionnaire (LMR) für Gerechtigkeit und Freiheit bei.

Vasella mag keinen Verrat an seinen früheren Idealen erkennen: «Es ging mir damals - in den Post-68er-Jahren - primär um Freiheit.» Als er die dogmatische Seite der LMR entdeckte, habe er sich getrennt. «Finanzielle Mittel ermöglichen eine andere Art Freiheit, die finanzielle Unabhängigkeit - bei genauer Betrachtungsweise sind damit die «Ideale» nicht mehr unterschiedlich», glaubt er.
Seine Probleme hängen wohl eher damit zusammen, dass er als Manager im falschen Land tätig war. Der bekennende USA-Fan, wo er mit 35 Jahren den Quereinstieg vom Arzt zum Pharma-Manager begann, wäre heute in seinem Traumland akzeptiert. Dort gilt «Doctor Vasella» als prominenter «Super-Dan», dort hätte er als erfolgreicher Starmanager zumindest bis zur Finanzkrise ohne grosses Murren viel Geld verdienen dürfen. In diesem Sinne: Goodbye, Dan!