Marokko und die Schweiz: Das sind die zwei Abschnitte auf der Landkarte, die zusammengefügt Latifa Ait Ben Saids Heimat ergeben. In den verwinkelten Gassen von Marrakesch und Casablanca fühlt sie sich ebenso zu Hause wie an der Basler Rheinpromenade.

Aufgewachsen ist Latifa Ait Ben Said in Zwingen – als Tochter eines Marokkaners und einer Schweizerin. Die Mutter ist Christin, der Vater Muslim. Die vier Kinder übernahmen die Religion des Vaters, weil ihm der Glaube wichtig ist. Dennoch seien sie nicht streng religiös erzogen worden. «Es war immer klar, dass wir die Konfession wechseln können, wenn wir denn wollen», sagt Latifa Ait Ben Said.

Den Wunsch dazu verspürte sie nie. «Wieso auch, der Islam hat mir ja nicht geschadet.» Die 21-Jährige, die mit ihren mandelförmigen Augen und ihrer dunkelbraunen Haarpracht ein wenig an Aladins Jasmin erinnert, zuckt lachend mit den Schultern.

Ramadan: Je nach Ort

Latifa Ait Ben Said bezeichnet sich selbst als liberale Muslima. Sie besucht weder eine Moschee noch betet sie. Einzig auf Schweinefleisch verzichtet sie. «Ob dies wegen der Religion ist, weiss ich nicht. So bin ich einfach aufgewachsen.» Zu Hause gibt es keinen Alkohol, sie selber trinke aber schon mal ein Glas Wein, sagt sie.

Marokko und die Schweiz – das sind für die junge Frau keine unvereinbaren Gegensätze. So nimmt sie am Ramadan nur teil, wenn sie in der Heimat ihres Vaters ist: «In der Schweiz fehlt mir der Bezug. In Marokko spürt man während dem Ramadan einen Zusammenhalt von 33 Millionen Menschen. Das finde ich schön.» Sie kennt das Land nicht nur aus den Ferien. Bevor sie nach der Fachmatura ans Gymnasium wechselte, ging sie nach Marokko, um besser Arabisch zu lernen.

Unterschätzt wegen des Glaubens

Latifa Ait Ben Said ist fasziniert vom Islam und arabischen Traditionen. Dabei ist für sie nicht die religiöse Praxis zentral: «Obwohl ich nicht allzu stark verwurzelt bin, bietet mir die arabische Kultur Halt und Identität. Vielleicht, weil ich mich in der Schweiz nie ganz angenommen fühlte.» Immer wieder werde ausgeblendet, dass sie Schweizerin sei. Aufgrund ihres Namens und Glaubens fühlt sie sich häufig unterschätzt. Als Beispiel nennt sie ein Gespräch mit einer Mitschülerin. Nach vier Jahren in derselben Klasse, sagte diese zu ihr, dass sie es erstaunlich finde, wie gut Latifa Ait Ben Said Deutsch spricht. Als sie ihr entgegnet, dass sie als Tochter einer Schweizerin im Baselbiet aufgewachsen ist, erhielt sie zur Antwort: «Ja, trotzdem.»

Die regelmässigen Diskussionen um ihre Sprachkenntnisse erlebt die junge Frau ähnlich ermüdend wie jene um den Islam. Je mehr Pauschalisierungen ihr an den Kopf geworfen werden, umso stärker verteidigt sie ihre Religion. Diesen Reflex beobachtet sie auch bei muslimischen Freunden. Eine Tendenz, die ihr selber Sorgen bereitet, wie sie sagt. Und eine Rolle, die sie nicht sucht. «Aber wenn ich höre, dass wir alle Scheiss-Muslime oder Terroristen sein sollen, dann verletzt mich das nicht nur persönlich. Ich weiss ja, wie meine marokkanischen Verwandten den Islam leben. Da hat Gewalt nichts verloren.»

Die Anschläge in Paris sind für die junge Frau durch nichts entschuldbar. Unverzeihlich sind für sie aber auch die Darstellungen von Mohammed. «Dadurch werden gerade all jene Muslime blossgestellt, die nichts für die Islamisten können.» Für sie sind die Karikaturen eine Brüskierung einer ganzen Glaubensgemeinschaft. Die junge Frau, die sich in Marokko und der Schweiz zu Hause fühlt, kann deshalb die Entrüstung auf beiden Seiten nachvollziehen, denn: «Je suis Charlie, aber genauso Mohammed und seine Anhänger.»