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«Je Suisse optimiste»: Humorvolle Postkarten aus Münchenstein

Links: Paul Habegger mit seinem Postkartenmotiv «Basel am Rheinknie». Form und Inhalt bilden eine unauflösliche Einheit. Rechts: Darauf muss man erst einmal kommen. Habegger spielt mit der Doppelbedeutung des Wortes «Most».

Links: Paul Habegger mit seinem Postkartenmotiv «Basel am Rheinknie». Form und Inhalt bilden eine unauflösliche Einheit. Rechts: Darauf muss man erst einmal kommen. Habegger spielt mit der Doppelbedeutung des Wortes «Most».

Paul Habegger aus Münchenstein ist der «Herr der Postkarten»: Mit subtilem Humor zaubert er typografische Kleinode, deren Motive Klarheit schaffen im Zeitalter visueller Verschmutzung.

Festen Schrittes und geraden Blicks schreitet er mit zwei Einkaufstaschen seiner kleinen Einzimmerwohnung entgegen. Wer ihn nicht besser kennt, wird ihn für etwas merkwürdig halten. Tatsächlich ist Paul Habegger im alten Sinne des Wortes «merkwürdig», nämlich würdig, Aufmerksamkeit zu bekommen.

Menschen, deren Humor so feinsinnig und hintergründig ist wie der seine, werden oft nicht verstanden und gehen leicht unter. Wer sich heute eine amüsante Postkarte kaufen will, wählt den Schenkelklopfhumor alter Fotos mit markigen Sprüchen. Paul Habeggers Postkarten sind anders. Sie sind handwerklich sauber mit den Mitteln des Buchdrucks hergestellt. Der Künstler arbeitet mit Holzbuchstaben oder einem Satz aus Blei und Messing. Rund 45 verschiedene Motive hat Paul Habegger auf Karten drucken lassen, meist in schwarz-weiss. Die Inszenierung von Sprüchen mit typografischen Mitteln ist zwar nichts Neues, aber Habegger hat seinen eigenen Stil entwickelt.

Augenzwinkernder Humor

Die Kunsthistorikerin Barbara van der Meulen schreibt: «Im Vergleich zu der traditionell eher formal strengen Basler Graphik zeugen die mit Text und Bild gestalteten Postkarten Paul Habeggers von einem hintergründigen, britischen Humor. Seine Wortspielereien überraschen mit mehrdeutigen Aussagen, die sich nicht auf den ersten Augenblick erschliessen, sondern dem bisweilen etwas ratlosen Adressaten wie aus einer fernen, ganz eigenen Welt verschmitzt zuzwinkern.»

Habegger setzt auf Stilisierung und Reduktion. Form und Inhalt bilden eine Einheit, wie bei seiner Karte «Basel am Rheinknie». Der wunderbare Spruch «Je Suisse optimiste», den er einem Onkel abgelauscht hat, veranlasste Micheline Calmy-Rey, ihm zweimal zu schreiben. Die Sonderanfertigung mit Toblerone-Etikette kündet von düsterer Wahrheit: «Jack the Ripper frisst Rippe um Rippe». Wo er Farbe einsetzt, ist sie bewusst gewählt, etwa das Rot-Blau-Weiss auf der Karte «Oui, oui», die ihm eine Gratulation der Bürgermeisterin von Strassburg eingetragen hat.

Paul Habegger wurde 1940 in Basel geboren. Seine Familie zog 1951 nach Münchenstein. Paul war ein empfindsames, künstlerisch begabtes Kind, das sich oft ausgeschlossen fühlte. Mit 16 begann er bei einer grossen Druckerei eine Lehre als Schriftsetzer und Typograf und schloss diese mit hervorragenden Noten ab.

Der sensible junge Mann geriet mit 19 Jahren in die Mühlen der Psychiatrie und wurde dadurch schwer traumatisiert. Er wurde Insulin-Schock-Therapien unterzogen, die man damals gegen Schizophrenie und Depressionen einsetzte. Nicht nur Paul Habegger ist davon überzeugt, dass man damals eine Fehldiagnose stellte. Viele seiner damaligen Symptome, wie etwa die Lähmung der Finger, Neurasthenie und Müdigkeit, deuten auf eine Bleivergiftung hin. Habeggers jüngere Schwester Erika, selbst Künstlerin und – wie sie sagt – Seelenverwandte ihres Bruders, wurde durch diese Erfahrungen zur radikalen Psychiatriekritikerin.

Paul Habegger arbeitete bis 1963 weiter bei der Druckerei, danach bei einem Geometerbüro in Arlesheim. Er besuchte die Kunstgewerbeschule in Basel, für die er ein Stipendium in der Höhe von 10 000 Franken für Zeichenkurse erhielt. Bereits in den 1980er-Jahren begann er, zu Hause typografische Arbeiten zu entwerfen und drucken zu lassen.

Philosophie des Alltags

Vor dreissig Jahren lernte er die Lehrerin und Künstlerin Isabelle Schaub kennen. Sie widmete «Poll», wie sie Paul Habegger nennt, 1987 einen wunderbaren poetischen Text. Er beginnt mit einem Zitat von «Poll», das zeigt, dass sich hinter dem Schein des skurrilen Aussenseiters ein Philosoph versteckt: «Mit Muskelkraft lässt sich das Universum nicht erobern. Aber im Traum kannst du es abklopfen.» Man erfährt, dass der Typograf Karten mit der Aufschrift «Hallo, Baby, It’s a Brand New Day» an ihm sympathische Menschen verschenkte.

Heute hat Habegger viele Freunde und einen privaten Abnehmerkreis. Das Blei und damit das Schwere und die Schwermut scheinen aus ihm gewichen zu sein. So empfindet er das wenigstens. Der Lebenskünstler, der das Haptische liebt und Computer hasst, ist wohl der grösste Fan des regionalen «Wochenblatts». Mit seinem eigenen Schicksal ist er versöhnt. Einmal sagte er: «Ich spinne lieber, als dass ich traurig bin.»

Es ist zu hoffen, dass Münchenstein ihm bald einmal eine kleine Ausstellung widmet.

Postkarten von Paul Habegger sind erhältlich in der Buchhandlung Nische in Arlesheim oder beim Künstler selbst (061 411 01 77).

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