Herr Thüring, Herr Alder, Ihre Neubaupläne sind teuer. Nach den Erfahrungen mit dem Kunstmuseum ist die Skepsis nicht kleiner geworden. Weshalb bleibt das Naturhistorische Museum nicht im Berri-Bau?

David Alder: Das Gebäude ist in einem schlechten Zustand. Schimmel im Dachstock, Asbest in der versiegelten Heizung, dazu ein Klima, das die Exponate auf Dauer zerstört. Eine Totalsanierung ist unumgänglich. Diese wird Jahre dauern und auch den Rückbau von Bausünden aus den Siebzigerjahren enthalten. Unter anderem müssen die Zwischenböden entfernt und die Haustechnik erneuert werden. Dabei verlieren wir grosse Flächen, unter dem Strich fehlen uns dann rund 4000 Quadratmeter Nutzfläche. Bereits über 30 Millionen Franken wurden in den letzten Jahren in dringende Reparaturarbeiten und Umbauten investiert. Bei einer Totalsanierung müsste das Museum seinen Betrieb für rund sechs Jahre schliessen.

Warum der Umzug ins St. Johann? Warum nicht in die Messehalle, die möglicherweise frei wird, wie dies FDP-Präsident Luca Urgese fordert?

Basil Thüring: Wir beschäftigen uns seit 2005 mit der Standortfrage. Damals prüften wir unter anderem die Heuwaage. 2010 war dann klar, dass das nicht infrage kommt, weil der Zolli den Platz für sich beansprucht. Das Museum auch nur vorübergehend in eine Messehalle zu verlegen, ist gleich wenig umsetzbar wie weitere von uns geprüfte Optionen. Abgesehen davon haben wir 2013 vom Grossen Rat den Auftrag erhalten, ein Projekt am Bahnhof St. Johann auszuarbeiten. Das haben wir getan.

Alder: Alleine diese Phase intensiver planerischer Arbeit hat 13 Millionen Franken gekostet. Bei einem Projekt in der Messehalle, die notabene noch gar nicht verfügbar ist, ginge die Arbeit wieder von vorne los. Selbst, wenn der Standort nur vorübergehend bis zum Abschluss der Renovation des Berri-Baus genutzt würde, wäre die Aufgabe gewaltig. Denken Sie nur an das Zügeln der unzähligen Exponate, die allesamt speziell verpackt werden müssen. Und das gleich zwei Mal.

Nervt es, dass Sie mit wohlmeinenden Ratschlägen eingedeckt werden?

Alder: Es ist so, dass wir in den vergangenen Jahren sehr viele Standorte und bestehende Gebäude geprüft haben: Im Gespräch waren auch Dreispitz, Klybeck, Lange Erlen, Erlenmatt, Lonza, Novartis und das ehemalige UBS-Gebäude bei der Markthalle. Kürzlich wurde sogar vorgeschlagen, dass wir die Martinskirche dazu nutzen und zusammen mit der Uni einen Campus bauen sollten. Dann wurde gesagt, das Stücki-Center wäre eine Option.

Thüring: Wir stehen unter Zeitdruck. Jetzt haben wir einen Standort und ein fixfertiges Projekt zusammen mit dem Staatsarchiv. Jede Verzögerung führt zu Mehrkosten und gefährdet die Exponate. Dazu braucht es keinen Brand wie im brasilianischen Nationalmuseum, das komplett zerstört wurde. Dass die Menschen mitdiskutieren, ist eigentlich toll. Es zeigt ja auch, dass ihnen etwas am Naturhistorischen Museum liegt.

Glauben Sie, dass Ihr Projekt alle politischen und juristischen Hürden meistern wird?

Alder: Wir sind vom Projekt hundertprozentig überzeugt. Natürlich sind 224 Millionen Franken für das Museum und das Staatsarchiv viel Geld, aber eine Investition in beide Institutionen ist unumgänglich. Aber ja, wir glauben daran, dass die Politik richtig entscheiden wird.
Ein Kritikpunkt am geplanten Neubau ist die periphere Lage, im Gegensatz zum Berri-Bau, der mitten in der Stadt steht.

Alder: Wir haben nur wenig Laufkundschaft. Kaum jemand schlendert durch die Stadt und entscheidet sich spontan für einen Museumsbesuch. Auch Touristen nicht. Das Argument ist nur vordergründig eines. Abgesehen davon ist die Erreichbarkeit des neuen Ortes viel besser. Das Tram fährt direkt vor die Eingangstüre und einen «eigenen» Bahnhof haben wir auch. Der Berri-Bau liegt mehrere hundert Meter entfernt von der nächsten Haltestelle. Zudem muss man über Pflastersteine oder bergauf laufen. Mit Kinderwagen und Rollstühlen ist dies aufwendig und umständlich.

Moniert wird auch, dass der Neubau sehr nahe an die Gleisanlagen gebaut werden soll, was zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen brauche. Zudem sei der Boden für eine Unterkellerung nicht geeignet.

Thüring: Luca Urgese hat von Schwemmland geschrieben. Es ist Schotter, der bis in eine Tiefe von 23 Metern reicht. Dann folgt festes Gestein. Das unterste Stockwerk steht tatsächlich 1,8 Meter im Grundwasser. Das ist aber kein Problem. Unzählige Gebäude wurden ins Grundwasser gebaut. Es ist heute baulicher Standard, Untergeschosse sicher abzudichten Und was die Gleisanlagen betrifft: Es stimmt, darauf werden Gefahrguttransporte durchgeführt. Wir haben aber baulich darauf reagiert und somit ist das Risiko verschwindend klein. Dieses Risiko betrifft übrigens die halbe Stadt.

Auch die Architektur wird infrage gestellt. Man wünschte sich einen Bau mit Leuchtturmfunktion.

Alder: Das ist sehr subjektiv. Mir gefällt das Gebäude enorm. Ich beschäftige mich aber auch schon einige Jahre damit. Insgesamt habe ich 21 Entwürfe gesehen während des Wettbewerbs. Dieses Projekt des Zürcher Architekturbüros EM2N überzeugt mich funktional und ästhetisch.

Thüring: Zudem ist die Materialisierung sehr hochwertig. Und es nimmt auf die bestehenden Bauten in diesem Industriequartier Bezug.
Wie lange wird der Platz ausreichen?

Thüring: Sehr, sehr lange. Wir haben Reserveflächen eingeplant. Stark wächst die Sammlung nicht mehr. Die Zeiten, als man von Expeditionen mit kistenweise Material zurückkehrte, sind vorbei. Heute reichen ja oft auch DNA-Proben für die Forschung.

Erhält das Museum keine umfassenden Käfersammlungen mehr geschenkt?

Thüring: Das wäre kein Problem. Käfer sind ja nicht gross. Aber grundsätzlich klären wir aufgrund unserer Sammlungsstrategie ab, ob die Annahme einer Sammlung überhaupt Sinn macht oder ob sie in einem anderen Museum mit entsprechendem Schwerpunkt besser aufgehoben wäre. Dann klären wir die Frage der Legalität und natürlich jene der Kosten.
Macht alles Sinn, was das Museum heute beherbergt? Gezeigt wird ja nur der kleinste Teil.

Thüring: Die wissenschaftlichen Methoden und die Fragestellungen ändern sich und so bleibt die Sammlung für die Forschung interessant. Wir haben sehr viele Wissenschaftler, die uns besuchen. Dazu leihen wir pro Jahr bis zu 13 000 Exponate aus. Die Forschung muss mit dem Originalmaterial arbeiten können und ist deshalb weltweit vernetzt. Darum ist der Verlust des brasilianischen Nationalmuseums auch so schlimm. Das Material, darunter der erste Mensch Südamerikas, ist unwiederbringlich verloren.

Alder: Und genau deshalb ist der Neubau so notwendig. Es geht um den Schutz eines Wissensschatzes.