Selfies mögen zwar dieses Jahr an der Fasnacht das Hauptsujet sein. Und zugegeben, an allen Ecken stehen verliebte Pärchen oder ein paar weibliche Jugendliche mit Räppli in ihren langen Haaren, die sich eifrig vor den vorbeiziehenden Guggen und Schissdräggziigli abknipsen. Doch die Mehrheit der Handybesitzer verzichtet darauf, das eigene Gesicht noch aufs Foto zu quetschen, und überlässt das Bild voll und ganz den Guggen. So auch, als die Ohregribler an ihnen vorbeimarschieren. Smartphones werden in die Höhe gehalten, Fotografen knien sich vor der Gugge auf den mit Räppli übersäten Boden. Hier und da wird ein Tablet hervorgekramt und Profis tragen einen Skihelm mit fixierter Go-Pro-Kamera. Und wer nun mal noch kein Smartphone besitzt – und ja, das gibt es noch –, der verlässt sich darauf, dass sein altes Samsung die Guggemusig am nächsten Tag einigermassen wahrheitsgetreu wiedergibt.

Fünf Obmänner in 41 Jahren

Doch nun von vorne. Der Dienstag ist der Tag der Kinder und Guggen. Ihnen gehören die Strassen. So bereiten sich am frühen Nachmittag auch die Mitglieder der Ohregribler auf ihre Route vor. Die Stimmung in der Männergugge ist ausgelassen. Manch einer stillt noch seinen Durst, bevor er die blau-weisse Larve aufsetzt. «In den 41 Jahren, in denen es uns gibt, hatten wir nur fünf Obmänner. Vier von ihnen sind auch heute dabei», sagt der aktuelle Obmann Christoph Unger stolz.

Dann ist es Zeit für den Abmarsch. Drei Kinder, die wie die Aktiven in dem blau-roten Kostüm gekleidet sind, führen Hand in Hand den Zug an. Und siehe da: Ab dem ersten Ton wird geknipst und gefilmt, was das Zeug hält. «Das sind ja richtige Paparazzi hier», sagt eine Frau und lacht.

Im Gleichschritt geht es los – die Clarastrasse entlang. Ein schriller Pfiff ertönt. Die Tambouren wechseln das Tempo, werden langsamer. Dann setzen die Trompeten und Saxofone, Tubas und Posaunen ein. Und die Clarastrasse gehört den Ohregribler.

Obwohl die Gugge eine Wilde ist, hätten sie einen gewissen Sonderstatus, so ein Guggemitglied. «Im Gegensatz zu anderen wilden Guggen haben wir die Erlaubnis, am Cortège mitzulaufen.» Was aber auch ihnen verweigert bleibt, ist die Teilnahme am Monsterkonzert auf dem Barfüsserplatz. Wer das Konzert von den Ohregribler hören will, muss dafür in den Spiegelhof.

Doch zurück zu der Gugge, die vor dem Kaffeegeschäft Moccaraba das Stück «Sweet Caroline» spielt. Es ist ein Stück, das mitzieht: Die Zuschauer wippen im Takt oder schaukeln ihre Kinder, die sie auf den Armen tragen, zum Takt. Ein paar Frauen mittleren Alters singen inbrünstig mit. Dass der Text nicht ganz stimmt, stört niemanden. Und dann ist es auch schon Zeit für die erste Pause. Während sich die Erwachsenen an einem kühlen Bier erfreuen oder Lippenpomade auf die spröden Lippen schmieren, nutzen die Kinder die Gelegenheit, einander mit Räppli in den Händen nachzujagen.

Mit der Krücke an der Fasnacht

Dass einen waschechten Fasnächtler nichts von den drey scheenschte Dääg abhalten kann, beweisen auch die Ohregribler. Ob mit Krücke oder verletztem Finger, es wird fleissig mitgehumpelt und gespielt.

Und schon geht der Zug weiter, über die Mittlere Brücke in Richtung Grossbasel. Das Gedränge am Strassenrand nimmt hier zu. Umso schwieriger, in Ruhe ein gutes Foto oder Filmchen zu machen. Doch auch hier geben die Passanten nicht auf, stellen sich auf die Zehenspitzen oder versuchen, sich einen Weg in die erste Reihe freizurudern. An Selfies denkt niemand mehr. Jeder will die Gugge, die mit Paukenschlägen und Trompetenklängen die Aufmerksamkeit auf sich zieht, in irgendeiner Weise auf seinem Smartphone verewigen.